Om, wie lange kämpft, im ungerechten Kriege

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Johann Jakob Dusch: Om, wie lange kämpft, im ungerechten Kriege Titel entspricht 1. Vers(1756)

1
Om, wie lange kämpft, im ungerechten Kriege,
2
Der Mensch mit der Vernunft, und freut sich böser Siege?
3
Zum Tode, rief Athen, wer bessre Götter lehrt,
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Und unsrer Väter Brauch, und den Altar zerstört!
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Und schau, das reine Bild der Weisheit und der Liebe
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Wird zu der Schmach verdammt, und stirbt den Tod der Diebe.
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Dem Weisen, den das Loos der Missethäter trifft,
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Reicht man kaum Bettelbrodt
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Ein lehrender Esop trug, seiner Zeit zur Schande,
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Des reichen Pöbels Joch, und Epiktet die Bande.
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Dies war der Weisen Glück von allen Zeiten her;
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Und unsre Zeit erstaunt, und wird nicht billiger.
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Der Hof zieht Tänzer an, und nähret Müßiggänger,
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Jägt einen Weisen fort, und mästet zwanzig Sänger.
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Die Dürftigkeit verlöscht dem Weisen, da er wacht,
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Die Lampe, die den Kreis der Erden heller macht,
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Umsonst rieth sein Verstand mehr, als Orakel rathen,
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Gab im Lycurg Gesetz, und focht in Cäsars Thaten:
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Regierte im Hugen der Sterne wandelnd Heer,
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Fand im Colon die Bahn durchs ungepflügte Meer;
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Umsonst ins Herz der Welt stieg er durch Felsenwunden,
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Und hat, selbst arm zu seyn, für Narren Gold gefunden.
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Beglückt, wenn man den Geist, der seine Flügel regt,
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Noch in die Schulen stößt, und dort an Ketten legt.
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Dort muß er in das Gleiß der alten Lehrer treten,
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Und selbst nicht vor sich sehn, getreuer nachzubeten:
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Muß wider die Vernunft aus fremden Ländern schreyn,
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Cartesisch in Paris, in Halle wolfisch seyn.
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Die Mode und der Wahn ertheilt der Welt Befehle,
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Die eine für den Leib, der andre für die Seele.

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Der Heilige vermischt den Weisen mit den Spöttern,
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Denkt seiner nur im Grimm, und spricht zu ihm aus Wettern.
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Verdank es der Geburt am Elbstrom, oder Rhein;
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Am Euphrat würd er selbst ein Feind der Christen seyn,
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Vernunft, schreyt er, ist blind; und darf sich nichts erkühnen,
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Der Glauben geht gewiß; er herrsche, sie soll dienen!
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Setz ihn in Asien, erzogen im Koran,
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Und sag, was spräch er wohl, spräch er als Muselmann?
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Mit eben der Vernunft, die ihn den wahren Lehren
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Blind unterworfen hat, könnt er dem Irrthum schwören.

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Hör, was der Redner sagt, der die Gerichte stimmt,
42
Und oft, statt der Vernunft, sein Geld zu Hülfe nimmt:
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Hier schweige mit Vernunft! was nützt ein leer Geschwätze?
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So will der Landesherr, so wollen die Gesetze.
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Und wer gab dis Gesetz? Vielleicht ein Eigensinn,
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Ein Narr, ein Kammerdiener, und eine Buhlerin.
47
Der Schulmann ohne Geist, von Hochmuth aufgeblasen,
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Kennt von der ersten Welt die Kleidung und die Phrasen.
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Vergnügt, wenn er mit Schweiß, der seine Stirn benetzt,
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Virgilens Troja löscht, und ihn in Wasser setzt:
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Vernunft ist nicht sein Theil: was brauchts der Kunst zu denken,
52
Um in Gelehrsamkeit zwölf Dichter zu ertränken?
53
Ihm, der allein den Geist der Prisciane faßt,
54
Wird Lock ein Schwätzer seyn, und Newton ein Phantast.
55
Und doch hat die Vernunft, die alle drey beleidigt,
56
Das Christenthum geschützt, und den Altar vertheidigt;
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Sie stellte Recht und Heil im Dracon wieder her,
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Vertrat im Tullius, und sang in dem Homer.

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Doch laß uns von Vernunft nicht bis zum Ekel streiten;
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Und sprich: es sey ihr Theil, den Menschen falsch zu leiten.
61
Dann aber wollt ich eh zur Erde niedersehn,
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Glatt, oder auch im Pelz gebückt auf Vieren gehn,
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Und mit der Sicherheit mich nimmer zu verlieren,
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Des Pfaus, ja, wenn ich soll, den Schweif des Esels führen,
65
Als mit dem Titel, Mensch, nur in der Bildung schön,
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Und ohne Pelz und Schweif, auf Zweyen unrecht gehn.
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Gesichert geht das Vieh, von dem Instinkt getrieben,
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Mit der Natur die Bahn, die sie ihm vorgeschrieben.
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Kein Irrweg, kein Betrug verschlägt es von der Ruh,
70
Gott herrscht in dem Instinkt, und führt unfehlbar zu.
71
Du aber wirst umsonst durch zwanzig Augen sehen,
72
Die Fackel in der Hand, und wirst doch irre gehen;
73
Folg, oder geh allein, in beyden bist du blind;
74
Je größere Vernunft, je tiefer Labyrinth.

75
Der Satz verscherzt dein Recht, den Erdkreis zu regieren,
76
Und setzt dich in Gefahr, den Zepter zu verlieren:
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Ein Vorzug, den kein Baur, so wenig er gedacht,
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Kein ungelehrtes Volk, sich jemals streitig macht.
79
Er deckt den Schauplatz auf, wo Hitz und Fieber rasten,
80
Und zeigt dir eine Welt voll Träumer, und Phantasten,
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Wo Irrthum, mit der Tracht der Wahrheit überdeckt,
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Um unsre Häupter schwärmt, belustigt, oder schreckt.
83
So schwärmt, wie
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Furcht, Hoffnung, Schrecken, Lust im Träumen bey dem Gotte;
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An Zahl den Blättern gleich, den Aehren auf der Flur,
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Und trägt veränderlich Gestalten der Natur.

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Laß den, der Träume liebt, dies Zauberwerk ergetzen;
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Du, der du Wahrheit suchst, willst die Vernunft entsetzen?
89
Nein, laß ihr noch ihr Recht – »und was für Rechte dann?
90
Wer sagt mir, ob Vernunft unfehlbar führen kann?«
91
Ohnfehlbar allerdings. Doch ohn Affekt erwogen,
92
Im Denken recht geübt, vom Wahne abgezogen;
93
Als eine reine Kraft, die bloß aus Gründen denkt,
94
Und nur auf ihrem Kreis von Wahrheit eingeschränkt.
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Sonst führ ich dich zurück, woraus ich dich gerissen,
96
Und stürze dich noch eins in gleiche Finsternissen.
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Ist oft ihr Urtheil falsch, und zweifelhaft ihr Licht,
98
So sprich: wann sagt sie wahr? wo irrt sie, und wo nicht?
99
Auf welche Regeln, Freund, soll ich mein Urtheil gründen?
100
Ja, sage mir vielmehr, wo soll ich Regeln finden?
101
Bey jeder frag ich dich: ist sie gewiß? warum?
102
Denn das Orakel schweigt, und längst ist Delphos stumm!
103
Dann sitz ich blind und taub in einem Gaukelspiele,
104
Ein schaaler

105
Ein einziges Gefühl, Empfindung, oder Sinn,
106
Von Mexico nach Rom, von Rom bis nach
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Führt alle Sterbliche, in einer gleichen Klarheit,
108
Und öffnet zur Vernunft fünf Wege für die Wahrheit.
109
Was Lappland weiß gesehn, sieht auch Aegypten weiß;
110
Die Flamme ist am Nil, und an der Wolge heiß:
111
Was ändern Zeit, und Ort an dem Gefühl der Hitze,
112
Ob dieser nah am Pol, der am Aequator schwitze?
113
Der Morgenrose Duft, der Weihrauch, der beseelt,
114
Würkt lieblich, da der Dampf aus Todtengräbern quält:
115
Und von dem Abend an, bis an die Morgenröthe,
116
Merkt jedes Ohr den Schall der Trommel vor der Flöte.
117
Dies ewige Gefühl hat Gott uns eingeprägt,
118
Und in ihm selbst den Grund der Wahrheit vest gelegt.
119
Erst stütze die Vernunft auf so gewissen Gründen,
120
Vergleiche, leite her, so wirst du weiter finden.
121
So grub sie Wahrheit aus, die in der Seele schlief,
122
Und folgte nach und nach, wohin ihr Faden lief.
123
So führte sie zuletzt, auf ihrer Dinge Leiter,
124
Zum Schöpfer, die Natur, ihr glücklicher Begleiter.
125
So baut sie Schluß auf Schluß, und setzt, zu einer Bahn,
126
Die Staffel zum Saturn ins Herz der Erden an,
127
Worauf die Wahrheiten, wie Engel, niedersteigen,
128
Und ihr, was Moses sah, im fernen Schatten zeigen.

129
Die göttliche Vernunft, die alles überdenkt,
130
Ist gleich an Deutlichkeit, und Umfang unumschränkt:
131
Mit einem gleichen Strahl durchdringt sie Höhn und Tiefen,
132
Unendlich reich an Licht, unendlich an Begriffen.
133
Schließ sie in einen Kreis bestimmter Wahrheit ein,
134
Und schwäch ihr göttlich Licht, so wird sie endlich seyn.
135
So wohnt sie Geistern bey, aus Nothdurft eingeschränket,
136
Und irrt nicht, wenn sie nur in ihrer Sphäre denket.
137
In diesen Inbegriff setz Unbetrüglichkeit;
138
In ihm ist alles Licht, und draussen Dunkelheit.

139
Woher entsteht der Zank unzähliger Parteyen,
140
Die voller Widerspruch, doch alle Wahrheit schreyen?
141
Ein jeder reisset ein, und stellet wieder her,
142
Und wird für sein Gebäu mit Lust ein Märtyrer.
143
Der maaßt sich an, mit Gott sein Werk zu überlegen,
144
Und dieser giebt sich Müh den Himmel zu bewegen.
145
Gieb jedem
146
Und sey denn überzeugt, ein jeder dreht die Welt.
147
Spricht dieser: wandele! so spricht der andre: stehe!
148
Und jeder stirbt darauf, daß seine richtig gehe.
149
Der glaubt, durch keinen Gott die Welt hervorgebracht,
150
Und jener braucht ihn kaum; er hat sie selbst gemacht.
151
Der lehrt die Anziehung zum Vortheil seiner Schwere,
152
Und der nimmt Wirbel an, und ficht für seine Lehre.
153
Woher entsteht der Streit? – weil mancher Narr vergißt,
154
Daß er die Creatur, und Gott der Schöpfer ist.
155
Weil er den Kreis verläßt, worinn sein Stand ihn schränket,
156
Und draussen lieber irrt, als drinnen richtig denket.
157
Er kettet Schluß an Schluß, und baut Systemen drauf,
158
Und hängt sie in der Luft, wie Gott die Welten, auf.

159
Auf Muthmaßung gestützt, willst du Gewißheit finden?
160
»allein ich schliesse recht?« woraus? aus vesten Gründen?
161
Sonst sey so klug du willst, die Folgen auszuziehn,
162
Biet alle Lehrer auf, vom Lock bis zum Corvin;
163
Und reichte vom Saturn die Kette bis zur Erden,
164
So wird durch keinen Schluß der Irrthum Wahrheit werden!

165
Schau, wie mit stolzem Haupt, das Sturm und Meer nicht beugt,
166
Venedig voller Trotz aus seinem Schlamme steigt;
167
Und sage: sollt es wohl, gebaut auf Sumpf, und Wellen,
168
Ein tausendjährig Haupt dem Sturm entgegen stellen:
169
Wenn nicht die weise Kunst die schwache Last geschützt,
170
Und, was der Schlamm nicht trägt, mit Pfeilern unterstützt?
171
Da aber, wo Natur und Kunst den Grund versagen,
172
Wie kann ein grundlos Meer ein neu Venedig tragen?

173
Laß, auf den Grund zu sehn, die erste Regel seyn,
174
Du baust selbst ein System, du reissest andre ein.
175
Sie bringt von unten auf Gewißheit in die Lehren,
176
Und führt den graden Weg, den Irrthum zu zerstören.

177
Sieh! wie ein Federheld, bald aufrecht, bald gekrümmt,
178
Um seinen Gegner tanzt, und tausend Lager nimmt.
179
Er bückt, er dehnet sich, und läßt die Klinge blitzen,
180
Mit einem Fechterstreich ihm leicht die Hand zu ritzen.
181
Vielleicht, mit mindrer Kraft, als er im Schweiß verwandt,
182
Reißt ihm ein Stärkerer die Waffen aus der Hand.
183
So quält sich ein Sophist von thörigten Systemen,
184
Mit lächerlicher Wuth, den kleinsten Satz zu nehmen.
185
Was nur für einen Streich die Zankkunst ausgedacht,
186
Was der Betrug ersann, wird völlig durchgemacht.
187
Wie endigt sich der Kampf? – dem ward die Hand zerrissen:
188
»und dieser?« – wird vielleicht ein Wort verändern müssen.
189
O Gaukler, und Sophist, ihr fechtet nur zum Scherz!
190
Der Ernst stürmt auf den Grund, und stößt sein Schwert ins Herz.

191
Klagt ihr, o Sterbliche, nach müßigen Gezänken,
192
Das Leben sey zu kurz, das Wichtigste zu denken?
193
Spart eure Zeit, und flieht der Schule Zänkereyn;
194
Wie Simson, faßt den Grund, und reißt die Seulen ein!
195
Die Last, die Stürme kaum in hundert Jahren biegen,
196
Wird, wenn die Basis sinkt, zugleich darnieder liegen.
197
Der Lehrer des Korans, mit viel Gelehrsamkeit,
198
Durch langen Schweiß erkauft, und Kosten vieler Zeit,
199
Uebt über jeden Satz die schwindlichten Gedanken,
200
Worüber Alis Zunft, und Omars Schüler zanken,
201
Wie viel vergebne Müh hat er umsonst verwandt,
202
Eh er ihr Lehrgebäu von Satz zu Satz verstand!
203
Doch ohne die Geduld so thöricht zu ermüden,
204
Hätt er in kurzer Zeit den ganzen Streit entschieden;
205
Es zeigt der erste Blick auf Mahomets Gebäu,
206
Daß er ein Schwärmer war, und dies voll Possen sey.

207
So such in keinem Streit dich unnütz abzumatten;
208
Dring gleich auf deinen Feind, und fechte nicht mit Schatten.
209
Brauch deine Augen selbst; nimm nichts auf Glauben an;
210
Den Dienst versage nie, den Beyfall jedermann.
211
Denk alles, was du glaubst, noch einmal ernsthaft über;
212
Und eh du weiter eilst, halt noch, und zweifle lieber.
213
Gieb keinem Vorurtheil des Alterthumes Platz;
214
Der allerälteste ist oft der schwächste Satz,
215
Im Irrthum erst erzeugt, durch Ansehn angepriesen,
216
Geheiligt durch die Zeit, und durch die Zeit erwiesen.
217
Den Aberglauben flieh, der Einbildung Betrug;
218
Daß ganz ein Volk so glaubt, sey dir nicht Grund genug.
219
Am ersten zweifle da, wo's schrecklich ist zu zweifeln;
220
Was nicht mit Gründen kann, das schützet sich mit Teufeln.
221
Folg keiner Secte nach, so alt ihr Ursprung ist,
222
Er mag vom Zerduscht seyn, er mag vom Trismegist.
223
Die Meinung, und die Mod'
224
Ein Volk von Sohn auf Sohn, und läuft durch ganze Reiche.
225
Das, was die neue trägt, verlacht die alte Welt,
226
Europa tadelt oft, was Asien gefällt.
227
Ein jedes eignes Volk hält seine Regeln besser,
228
Und Gottesdienst,

229
Wie kommts, daß Pechins Schönen nicht ohne Straucheln gehn?
230
Weil die Chineser glauben, ein kleiner Fuß sey schön.
231
In Fesseln bildet man des Mädgens zarte Füße,
232
Und sorgt nicht, daß sie einst auf Vieren kriechen müsse.
233
Die Höckernation, die Gulliver ersann,
234
Sieht grade Europäer für Mißgeburten an.
235
So äfft ein alter Wahn mit Sätzen und Gestalten,
236
Die wir für die Natur und für die Wahrheit halten.
237
Der Lehrer nahm es an, gestützet zwar auf nichts;
238
Der Schüler fand Beweis; dies starke Wort: er sprichts.
239
Der Vater ließ dem Sohn ein erbliches Vermögen,
240
Den Glauben, und sein Geld, den Irrthum, und den Segen;
241
Und dieser, dem Geheiß des Vaters unterthan,
242
Empfing, mit gleicher Lust, die Güter und den Wahn.
243
So ward und wuchs der Wahn, so wie durch neu Gewässer
244
Ein Strom im Laufe schwillt, und wird im Gehen größer.
245
Daher zieht, jede Welt, Barbaren Africa,
246
Europa Christen auf, und Türken Asia.
247
Und jeder Lehrer sät der eignen Meinung Samen,
248
Und Secten stehen auf, getauft mit seinem Namen:
249
Der stoisch, der platonisch, der ein Epicurär,
250
Der scotisch, der thomistisch – und hundert andre mehr.
251
Doch, wer Vernunft gebraucht, erbt nicht vom Demokriten,
252
Und von dem Plato nicht, und nicht vom Stagiriten,
253
Noch Wolf, noch vom Cartes; nimmt selbst nicht Wahrheit an,
254
Eh er sie selbst geprüft; er ist sein eigner Mann,
255
Der allerorten her, wie Bienen Honig, sammlet,
256
Mit allen richtig spricht, doch nie mit andern stammlet;
257
Sein eigenes Orakel;
258
Und, wenn er selbst verstummet, kein Delphos fragen wird;
259
Der seine Wahrheit nützt, sich nicht vom Ziel entfernet,
260
Und alles zum Gebrauch, nichts bloß aus Neugier, lernet.

261
Arbeite dich im Schwall der Meinungen empor;
262
Ergreif den nächsten Fels, und steig am Strand empor,
263
Eh dich der volle Strom, die Beute seiner Wogen,
264
Ins uferlose Meer mit sich hinabgezogen:
265
Umsonst irrt da dein Aug, umsonst suchst du den Strand,
266
Und schwimmst mit aller Macht, und siehst nicht wieder Land.
267
Versuche bald, und oft die Kräfte deiner Flügel;
268
Streich erst am Boden her, dann schwinge dich auf Hügel:
269
Ein jeder Flug erweckt, und stärket die Begier,
270
Zuletzt siehst du mit Lust Gebirge unter dir,
271
Die träge Pilgrimme, noch ungeübt im Wandern,
272
Mit Schrecken vor sich sehn, und eines auf dem andern.
273
Wenn nicht der Jüngling schon Vernunft im steten Fleiß
274
Zum Ueberlegen übt, wie nützt sie wohl der Greis?
275
Der, so die Fertigkeit im Denken zu erhalten,
276
Ins hohe Alter spart, hängt sich, gleich einem Alten,
277
Dem schon der Bart gereift, dem Gängelwagen an,
278
Und lernet dann erst gehn, wenn gar kein Fuß mehr kann.

279
Dies ist die Klugheit dann, die dich zu Höhen leitet,
280
Wohin der halbe Mensch, der Pöpel, niemals schreitet.
281
So ungleich gab zwar Gott Vernunft dem Menschen nie,
282
Daß der, wie Engel denkt, der etwas mehr als Vieh:
283
Wohin Aristotels
284
Dahin führt auch der Fleiß die schwächern Xenokraten.
285
Flieh dann die Uebung nicht, zu groß auf dein Genie,
286
Und denke nicht so stolz, dein Geist ersetze sie.
287
Der Kranke, der getrost die Mittel von sich setzet,
288
Und weil er Stärke merkt, sie für entbehrlich schätzet,
289
Giebt ein gewisses Zeichen, je weniger er klagt,
290
Daß schon der Tod im Fieber an seinem Herzen nagt;
291
Indeß verzehret es die Säfte seiner Glieder,
292
Und frißt ihn langsam auf, und wirft ihn endlich nieder.
293
So langsam, und so still verzehret mit der Zeit,
294
Die Hecktik unsrer Seelen Gedankenlosigkeit.

295
Wie kommt es, daß ein Baur, ein Schiffer, ein Soldat,
296
Bey harter Lebensart die größte Stärke hat;
297
Da ein Verzärtelter, beym Ambrosin der Götter,
298
Kaum seine Glieder schleppt, und lebt auf Gunst der Wetter?
299
Der ward schon als ein Kind bewegt, bald an dem Pflug,
300
Bald, wenn er mit dem Ruder die Wasserfläche schlug;
301
Der Magen ward gesund, und goß nahrhafte Säfte
302
In seine Nerven aus, und gab den Gliedern Kräfte:
303
Indem der Weichliche, aus Furcht der Mutter krank,
304
In träger Musse schlief, und wenig aß und trank.
305
Natur, zu einem Zweck, gab einerley Befehle;
306
Die Arbeit stärkt den Leib, und stärket auch die Seele.
307
Mit eines Newtons Hirn, mit eben dem Verstand,
308
Der die Natur enthüllt, und ihr Gesetz erfand,
309
Wirst du doch, ungeübt, dich bey der Rechnung quälen,
310
Den Regeln nachzugehn, die Schüler nicht verfehlen.

311
Mit dieser Kunst zu denken, geh, vom Geräusch verschont,
312
In jene heilge Stille, wo gern die Weisheit wohnt.
313
Gefesselt mit der Welt, hält auf gewissen Höhen
314
Die Kette deinen Geist, und zwingt ihn, da zu stehen.
315
Zwar lehren, daß man ganz vom Körperlichen frey,
316
Und in Verstand und Geist, wie aufgelöset, sey,
317
Ist metaphysisches, unsinniges Geschwätze:
318
Doch, daß man Vorurtheil, und Mod' herunter setze,
319
Der Meinung Sieger sey, gereiniget vom Wahn,
320
Ist, was nicht jeder kann, doch mancher schon gethan.
321
Wer so den Geist befreyt, schaut bald aus solchen Höhen;
322
Wie Scipio
323
Wie ward vom Himmel ab der tiefe Erdball klein!
324
Kaum fand er Roms Gebiet, den Fleck von Koht darein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Jakob Dusch
(17251787)

* 12.02.1725 in Celle, † 18.12.1787 in Hamburg

männlich

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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