Annehmlichkeiten des Feuers zur Win- ter-Zeit

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Barthold Heinrich Brockes: Annehmlichkeiten des Feuers zur Win- ter-Zeit (1736)

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Ach, mein Schöpfer, wie erquickend,
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Warm, und lieblich, ja entzückend
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Ist das Feur zur Winter-Zeit,
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Wenn es draussen friert und schneit,
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Und man seinen regen Schimmer,
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Sieht und fühlt im warmen Zimmer!

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Die von Frost erstarrten Sehnen
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Fangen an, sich aus zu dehnen,
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Und es fühlet unsre Brust
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Eine süsse Ruh und Lust,
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Die aus holder Wärm’ entspringet,
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Auch den gantzen Leib durchdringet.

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Hat der Nord die Haut versehret;
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Wird ein Pflaster ihr gewehret,
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Durch des Feuers rege Glut,
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Die dem Cörper sanfte thut,
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Und, was durch den Frost gedrücket,
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Gleichsam streichelt und erquicket.

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Necht für unser gantzes Wesen
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Scheint der Glut Natur erlesen;
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Was die kalte Luft verletzt
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Wird durch laue Wärm’ ersetzt;
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Pein und Schmertzen sind gelindert
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Und durchs Feuers Kraft vermindert.

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Ja, des Feuers Glantz und Schimmer
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Lässet im erwärmten Zimmer,
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Manche Lust die Augen sehn.
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Es vergnügen kleine Blitze
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Uns nicht minder, als die Hitze.

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Mancherley Gestalten stammen
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Aus bald blau-bald weissen Flammen’,
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Die wir mit Vergnügen sehn,
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Wie sie sich gespitzt erhöh’n,
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Da sie recht, als wenn sie leben,
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Sich bewegen, drehen, schweben.

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Ofters sieht man sie, wie Wellen,
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Wallen, sincken, steigen, schwellen,
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Bald verschwinden, bald entstehn,
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Bald erscheinen, bald vergehn,
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Bald sich theilen, bald vereinen,
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Schwinden, und aufs neu erscheinen.

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Oefters zeigt sich dem Gesichte,
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Mitten in dem hellen Lichte,
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Ein gedrehter blauer Rauch.
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Ein stets umgeschwungner Schmauch
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Zeuget hier auf manche Weise
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Kleine Wolcken, kleine Kreise.

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In derselben regem Schwingen
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Sehn wir helle Funcken springen,
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Die sich durch die Loh erhöh’n,
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Und, wenn sie entstehn, vergehn,
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Aber doch nicht ohn Vergnügen,
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Wenn man sie besieht, verfliegen.

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Wenn, mit drey getheilten Spitzen,
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Schnelle Flammen lodernd blitzen,
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Knastert öfters, zischt, und pufft
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Die verschrenckt-gewesne Luft,
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Da sie das, was sie gedrenget,
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Oft mit starckem Knall zersprenget.

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Ofters sieht man dunckle Stellen
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Plötzlich durch die Glut erhellen,
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Wenn die dünne Loh’ sich spitzt,
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Und bald hie, bald dorten blitzt,
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Wenn die Flammen gantz durchbrechen
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Und wie Schlangen-Zungen stechen.

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Wenn die Loh’ denn aufwärts steiget
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Und nur weisse Lichter zeiget;
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Sieht man unten Kohlen glühn,
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Als ein funckelnder Rubin,
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Diese zeigen tausend Brüche
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Und von Asche tausend Striche.

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Da sie alles sonst verzehren,
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Sieht man sie doch Asch gebähren;
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Asche, die sie dämpft und deckt,
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Sie erhält, erstickt, versteckt.
76
Hierin sieht man tausend Spuren
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Von verschiedlichen Figuren.

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Man sieht weiß und schwartz sich fügen,
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Asch’ auf schwartzen Kohlen liegen,
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Oefters wie der Schnee so weis,
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Und als hätte man, mit Fleiß,
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Nach der Kunst, die’s Aug’ erfreuet,
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Loder-Asche drauf gestreuet.

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Ja, wofern man sie betrachtet,
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Und auf Farb’ und Formen achtet,
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Tauget die Verschiedenheit,
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Wenigstens auf kurtze Zeit,
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Uns, in Bildern vieler Sachen,
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Einen Zeitvertreib zu machen.

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Wann ich nun, bey sanfter Hitze,
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Jm gewärmten Zimmer sitze,
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Und seh, in gelassner Ruh,
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Meiner Glut Bewegung zu;
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Scheinet ihr erwärmend Lodern
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Danck für Nutz und Lust zu fodern.

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Dann bewegen sich von innen
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Eilig meine Seel’ und Sinnen,
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Und mein Geist hält brünstiglich,
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Gleich der Gluth, sich über sich,
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Danckt, erhitzt von Andachts-Flammen,
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Dem, draus Licht und Wärme stammen.

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Denckt zugleich: was würd’ auf Erden
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Doch wol vor ein Zustand werden,
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Hätte GOTT die rege Gluth,
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Die der Haut so sanfte thut,
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Zum Gebrauch in unserm Leben,
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Uns aus Gnaden nicht gegeben?

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Wer demnach, wanns schneit und frieret,
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Durch das Feuer Lindrung spüret,
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Dencke billig: GOTT allein
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Giebt dem Feuer Wärm’ und Schein;
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Auch zugleich: daß Preiß und Ehre
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Jhm, mit Recht, dafür gehöre.

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Nun was kann, für alle Gaben,
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Unser Schöpfer von uns haben
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Für ein solch unschätzbar Gut,
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Als die rege Kraft der Gluth?
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Was kann man ihm sonst erweisen,
119
Als in unsrer Lust ihn preisen?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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