Ists möglich/ wie man sagt/ daß die gehäufften Schmertzen/

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Andreas Gryphius: Ists möglich/ wie man sagt/ daß die gehäufften Schmertzen/ Titel entspricht 1. Vers(1640)

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Ists möglich/ wie man sagt/ daß die gehäufften Schmertzen/
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In die ich mich vertiefft/ noch iemand gehn zu Hertzen/
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Ists möglich/ daß man noch mit dem Mitleiden trägt/
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Auf den der harte Blitz mit lichtem Feuer schlägt/
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Den zwar die grause Noth/ die Kirch und Haus verzehret/
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Und Städte weggesengt/ und Länder umgekehret/
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Doch mehr das tolle Glück mit aller Donner Macht/
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Und grimmer Winde Sturm und trüber Wetter Nacht/
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Schier ieden Tag zusetzt. Was kan wol einer nennen
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Aus aller Jammer Heer/ daß ich nicht werde kennen/
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Das mich nicht hat verletzt. Als noch die liebe Schoß
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Der Mutter mich ihr Pfand und letzte Lust beschloß/
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Hat stracks/ ich weiß nicht was/ auf was noch nicht gebohren/
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O unerhörter Grimm! O Laster! sich verschworen/
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Und als ich kaum den Tag diß süsse Licht erblickt/
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Durch unerkannte List und fremde Stück entrückt.
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O hätt ich doch die Welt/ als sie mich erst gegrüsset/
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Eh ich sie noch erkennt/ auffs letzt alsbald geküsset/
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So schlieff ich sonder Pein! eh mich das vierdte Jahr
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Der vierdte Winter fand/ lag dieser auf der Bahr
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Den ich mich schuldig bin/ und diß mein müdes Leben;
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Er fiel durch Gifft/ das ihm ein falscher Freund gegeben/
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Der offt vor seinem Muth und hohen Geist erblast.
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Mir leyder viel zu früh. Eh ich die rauhe Last
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Und den Verlust empfand/ hat die so schwache Glieder
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Des Febers Hitz entsteckt/ die Kranckheit warff mich nieder/
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Der Todt schwärmt über mir; Doch weil ich ihn begehrt
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Hat mir der Menschen Feind den Rücken zugekehrt/
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Und nahm die Seele weg im Mittel ihrer Tage
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Ja Frühling ihrer Zeit/ um die ich kläglich zage.
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Wiewohl sie/ weil sich noch in mir ein' Ader regt
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Und weil der warme Geist in beyden Brüste schlägt
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Mir wird im Hertzen stehn. Die die mich hat gebohren/
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Die lieber ihren Leib/ als mich ihr Kind verlohren.
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Was hat mich/ da sie weg/ was hat mich nicht verletzt/
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Welch Schmertzen/ welche Qual hat mir nicht zugesetzt?
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Wer hat der Güter Rest nicht diebisch mir entzogen/
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Und meinen Geist gekränckt/ und mich mit List betrogen?
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Wen hab ich nicht/ der ie mein Elend recht beschaut
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Mit höchstem Seelen Weh der schwartzen Grufft vertraut?
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Ich hab
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Und deine keusche Leich
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Die ehmals mich ergötzt um die ich ietzund wein.
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Und den das gantze Land ans Fürsten Statt geehret/
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Und in der Armen Band den werthen Geist ausbließ
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Zum letzten seine Faust/ ich fiel in tausend Schmertzen
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Mit seinem Athem hin; Der Sinn/ die Krafft des Hertzen
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Die Seele selbst verschwand. Das kalte Blut bestund
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Als ihn der Tod umfieng. Wie grimmig diese Wund/
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Doch kan ich sie noch nicht mit dieser Angst vergleichen/
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Die ietzt mich überfällt. Ach hätt ich deine Leichen/
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Mein Bruder hätt ich doch die Leiche noch geküst/
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Wenn ja der
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Ein Wort/ ein kurtz Ade mir nicht vergönnt zu hören;
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Ach muß mich dieser Blitz der scharffe Pfeil versehren!
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Weil ich so fern von dir ein unbekandtes Land
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Und weites Volck beschau. Ach zeuchst du deine Hand
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So plötzlich von mir ab! nun ieder mich verlassen
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Und nichts als Ach und Angst und Schmertz und Weh umfassen
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Und solche Noth die auch ein fremdes Hertz durchbricht/
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Wenn man ein wenig nur von meinem Elend spricht
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Das hier kaum iemand weiß. Was kan ich mehr begehren
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Als daß mein Nahm und Land und Stand und heisse Zähren
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Bleib allen unbekandt. Weil/ wenn ich diß betracht/
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Mein Nahm und Land und Stand nur viel betrübte macht.
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Fragt
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Fragt nicht mehr wer ich sey/ wo richtig–- was ihr saget
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Und euch der rauhe Sturm der mich noch ietzt anweht/
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So tieff zu Hertzen geht/ so wünsch ich Schönste seht
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Euch in so hoher Ruh als grimmig meine Wunden/
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Und findet so viel Freud und angenehme Stunden
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Und unverfälschte Lust als Jammer in der Welt
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Und Weh und Pein und Angst mich täglich überfält.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Andreas Gryphius
(16161664)

* 02.10.1616 in Głogów, † 16.07.1664 in Głogów

männlich, geb. Gryphius

natürliche Todesursache | Schlaganfall

Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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