Kräfte der menschlichen Vernunft

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Barthold Heinrich Brockes: Kräfte der menschlichen Vernunft (1736)

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Hier seh ich, an verschiednen Stellen,
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Ein Silber-reines Wasser qvellen,
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Erst über weissem Sande fliessen,
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Hernach sich übers Land ergiessen,
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Sich über Weg und Fuß-Steig lencken,
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Und Wiesen, Gras und Kraut erträncken.

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Mir fiel bey diesem Wasser, ein:
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Es hieß der Schöpfer, auf der Erden
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Zwar alle Ding’ und Cörper werden;
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Doch können sie sich nicht allein
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Nach Ordnung und Vernunft regieren;
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Es müssen darum Menschen seyn,
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Um sie zum rechten Zweck zu führen.
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Dem Geist des Menschen ist die Kraft
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Von dem, der alles schuf, geschencket,
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Daß er der Cörper Eigenschaft
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Nach Regul, Maaß und Ordnung lencket.
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Was könnte nicht, aus diesem Bach,
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Der Tag und Nacht beständig läuft,
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Und, sonder Aufsicht, nach und nach
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Das Land verderbet und ersäuft,
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So wol zur Lust, als Fruchtbarkeit der Erden,
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Für Nutzen nicht geschaffet werden?

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Solch unsern Geist betrachtendes Erwegen
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Kann uns aufs neu von unsers Geistes Wehrt,
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Und was für Gaben ihm beschehrt,
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Die Wahrheit klar vor Augen legen.

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Verdienet es demnach gar wol, mit ernstem Dencken,
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Der Seelen Kraft auf ihre Kraft zu lencken,
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Und,
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Die Wunder, welche GOtt in sie zu sencken
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Sie wehrt geachtet hat, ihn dadurch zu erhöhn:

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Es ist wahr, es hat der Mensch nicht die schnelle
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Seine Stelle zu verändern, und sich über Thal und Hügel
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Schnellen Vögeln gleich zu schwingen, und sich, in so kur-
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An entfernten Ort zu schaffen: denn er hat ja keine Flügel.
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Gleichfals sind wir nicht so starck, wie verschiedne Thiere, die
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Wir, Bewundrungs-voll, mit Hörnern, Zähnen, Sta-
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Sich zu schützen, sich zu nähren, wunderbar bewaffnet
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Ja, noch mehr; wir finden uns nicht gekleidet, wie das Vieh,
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Von den Händen der Natur, da die Menschen auf der
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Ohne Peltz-Werck, Federn, Schuppen, gegen Wetter, Hitz’
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Ohne den geringsten Schutz, nackt und bloß gebohren
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Schickt so nackte Dürftigkeit sich zum Könige der Erden?

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Antwort:
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Uns ist die Vernunft geschenckt, und durch diese sind wir
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Starck, und wol versorgt mit allem, was uns nöhtig thut,

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Durch dieselbe werden wir überzeuglich gnug belehret,
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Daß was alle Thiere haben, eigentlich uns zugehöret.
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Daß sie würcklich unsre Sclaven, daß ihr’ Arbeit, Dienst
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Uns allein zu unserm Nutzen, Dienst und Willkühr über-

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Haben wir ein Wildprät nöhtig; wird ein Falck, ein
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Welcher, sonder unsre Mühe, das, was man verlangt, be-
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Und in unsre Küche liefert. Aendert sich die Jahres-Zeit,
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Und wir wollen, uns zum Schutz und zur Zier, ein an-
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Zins’t das Schaf uns seine Wolle, zollet das Cameel sein
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Und es spinnt der Seiden-Wurm uns ein leicht und schön
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Es ernähren uns die Thiere, sie bewahren uns so gar,
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Ja sie tragen unsre Lasten, bau’n und pflügen unser Land;
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Dieses ist noch nicht genug: Es sind nicht die Thiere nur,
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Die uns Kunst und Stärcke leih’n; die Vernunft zwingt,
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Auch die Unempfindlichsten unter aller Creatur.
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Selbst die allerstärcksten Eichen, die auf hohen Bergen
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Bringet sie zu uns herab; sie weis Felß und Stein zu trennen
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Aus der Erden duncklem Schoß, daß wir sicher wohnen
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Wollen wir von einem Land-Strich, auch selbst übers Meer,
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Wahre haben, oder senden, ja auch selbst mit ihnen wandern;

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Brauchen wir, zu diesem Endzweck, der Gewässer Flüßigkeit,
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Auch der Lüfte Hauch, den Wind. Elementen und Metallen
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Sind, durch Kräfte der Vernunft, uns zu unserm Dienst
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Wo sie was von Cörpern brauchen, nimmt sie, was ihr
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Sind wir gleich nur klein, doch giebet die Vernunft uns
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Die sonst anders keine Gräntzen, als der Erden Gräntzen
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Deren Fläche wir bewohnen. Was wir wollen wird voll-
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So bey Nordens kaltem Eys’, als wo stets die Sonne brennet.
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Wir verbinden, so zu reden, beyde Theile dieser Welt,
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Ohn uns gleichsam zu bewegen, wann und wie es uns gefällt.
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Die Gedancken mahlen wir; diese Schrift wird weggesandt,
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Und durch so viel tausend Menschen dringet sie, macht un-
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Auf viel tausend Meilen kund, um denselben zu erfüllen;
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Ja man machet durch den Druck ihn der gantzen Welt
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Läßt ihn gar, nach unserm Tod’, auch die spätste Nach-
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Mehr als tausend Jahr hinaus, so daß wir bekennen müssen:
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Alle Wunder der Vernunft haben weder Ziel noch Ende!
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Sie verschönert, sie verbessert, und bereichert alle Stände;
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Sie ist in der Künstler Fingern minder nicht bewunderns
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Als in der Gelehrten Schriften, worinn sie uns eine Quelle,

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Die nicht zu erschöpfen ist, von Belehrung, Trost, Vergnügen,
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Besserung und Hülfe wird; ja sie weiß annoch zu fügen,
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In so vielen Wirckungen, Nutzen und Vortreflichkeit,
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Einen Vorzug der annoch grössere Vollkommenheit
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Jhres edlen Wesens weiset, den wir Augen-fällig mercken
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Und zu Tage legen können, sie ist von des Schöpfers Wercken
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Recht der Mittel-Punct auf Erden; recht der Endzweck
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Ja sie macht von ihnen allen gleichsam recht die Harmonie.

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Laßt uns einen Augenblick die Vernunft vom Erd-
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Laßt uns dencken, daß kein Mensch sich auf Erden mehr
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Alsobald ist alles weg, was des Schöpfers Werck verbindet,
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Alsobald wird alle Ordnung fort, ein Jrrthum allgemein,
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Schmutz und Unrath allenthalben, überall Verwirrung seyn.
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Von dem hellen Sonnen-Licht würde zwar der Kreis der
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Angestrahlet und gefärbt, lieblich, schön, und prächtig
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Doch die Erde, welche blind, braucht vom hellen Glantz
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Und von aller ihrer Schönheit, Farben, Pracht und
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Durch die Wärme, Thau und Regen, würden zwar die
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Und das Feld mit Gras bedecken auch verschiedne Frücht’
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Doch es sind verlohrne Schätze. Keinem wird es Nutzen

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Niemand um sie einzusammlen, zu verzehren, aufzuräumen,
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Und das Unkraut zu vertilgen wäre da. Die Erde würde,
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Wie man es nicht leugnen kann, zwar verschiedne Thiere
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Aber diese niemand nutzen, keinem einen Dienst gewähren.
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Nicht geschohrne Schaafe würden der beschmutzten Wolle
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Kümmerlich nur tragen können. Ja es würden Küh’ und
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Von zu vieler Milch beschwert, kranck und ungemolcken
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Nichts als lauter Wiederspruch würd’ an allen Orten seyn.
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Steine, die zum Bauen tüchtig, schließt der Schooß der Er-
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Nebst den köstlichsten Metallen; doch Bewohner fehlen ihr,
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Ja so wol als kluge Künstler, welche sonst aus tausend
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Tausendfache Schätzbarkeiten, zur Beqvemlichkeit, zur Zier,
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So zum Nutzen, als Ergetzen, zu formiren und zu machen
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Tauglich und geschicklich sind. Es ist ihre Fläch’ ein Garten,
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Angefüllt von Pracht und Schönheit von fast ungezehlten
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Aber er ist nicht zu sehn. Die Natur in ihrer Pracht
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Ist ein wunderschöner Schau-Platz; wovon aber keine Spur
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Jemand in die Augen fällt. Aber laßt uns der Natur
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Nur den Menschen wiedergeben! laßt nur die Vernunft
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Wieder dargestellet werden!
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Alsobald wird ein Verband, ein Zusammenhang, Verständniß
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Eine Harmonie und Einheit, Lust, Empfindlichkeit,

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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