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Aus einem tieffen Schlaf war ich an einem Morgen,
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Wie es schon ziemlich spat, erwacht;
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Es hielte mich des Vorhangs falsche Nacht
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Wie schon die rechte Nacht vorbey, annoch verborgen:
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Als ich, noch halb verwirrt durch einen schweren Traum,
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Den grünen Vorhang schnell zurücke,
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Die Augen aufwärts, schlug: gleich traf die trägen Blicke
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Ein grün so helles Feur von einem Linden-Baum,
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Der meine Fenster deckt’ und welcher von der Sonnen
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So herrlich angestrahlt, daß meine Augen kaum,
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Und zwar in einigen Secunden,
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Dieß durch das zarte Laub gefärbte Sonnen-Licht
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Recht anzusehn sich fähig funden.
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Es sah mein fast für Lust verblendetes Gesicht,
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Das hin und her mit schnellen Blicken lieffe,
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In dieses schönen Baumes Tieffe,
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Nebst tausend schön-bestrahlten hellen,
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Viel tausend dunckel-grüne Stellen,
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Die alle dem Smaragd an grüner Schönheit gleich,
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Und ja so sehr, wie er, an Glantz und Schimmer reich,
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Noch schöner an Figur. Es ist nicht zu beschreiben
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Wie lieblich alles war;
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Zumahl da durch die groß- und klaren Fenster-Scheiben
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Das, was man sah, noch einst so klar.
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Nicht möglich ists, wenn auch ein Feuer-Werck
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In grünen Flammen brennte,
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Daß es noch herrlicher, als dieses, gläntzen könnte.
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Ich ward durch alle Lust, die ich durchs Auge spürte,
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Durchdrungen und so sehr bewegt,
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Daß mich, für Lust, ein heiligs Trauren rührte,
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Wie ich bedachtsam überlegt,
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Daß, für so manche Lust, die hier in diesem Leben
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Der grosse Schöpfer uns gegeben,
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Die uns belustigen und nützen,
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Wir so gar wenig Fähigkeit,
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Die GOttheit kräftiger und öfters zu erheben,
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Da man so viel besitzt, besitzen,
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Und daß wir seine Werck in Andacht anzusehn,
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Und ihn im Sehen zu erhöhn,
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Mit solcher Trägheit uns bestreben.
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Ich selber fühl’ in mir
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Noch lange, leider! nicht so viele Danck-Begier,
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Als wie ich wol zuweilen wollte,
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Und als ich, billig, stets empfinden sollte.
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Da ich doch mehr vielleicht, als iemand, überführt,
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Wie sehr in unsrer Lust dem Schöpfer Danck gebührt.
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Ich weiß dabey nichts anders anzufangen,
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Als meinen Schöpfer anzuflehn,
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Daß ich, sein herrlich Werck mit Lust oft anzusehn,
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Die Gnad’ und Fähigkeit von ihm doch mög’ erlangen!