Rechtmäßige Betrübniß

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Barthold Heinrich Brockes: Rechtmäßige Betrübniß (1736)

1
Aus einem tieffen Schlaf war ich an einem Morgen,
2
Wie es schon ziemlich spat, erwacht;
3
Es hielte mich des Vorhangs falsche Nacht
4
Wie schon die rechte Nacht vorbey, annoch verborgen:
5
Als ich, noch halb verwirrt durch einen schweren Traum,
6
Den grünen Vorhang schnell zurücke,
7
Die Augen aufwärts, schlug: gleich traf die trägen Blicke
8
Ein grün so helles Feur von einem Linden-Baum,
9
Der meine Fenster deckt’ und welcher von der Sonnen
10
So herrlich angestrahlt, daß meine Augen kaum,
11
Und zwar in einigen Secunden,
12
Dieß durch das zarte Laub gefärbte Sonnen-Licht
13
Recht anzusehn sich fähig funden.

14
Es sah mein fast für Lust verblendetes Gesicht,
15
Das hin und her mit schnellen Blicken lieffe,
16
In dieses schönen Baumes Tieffe,
17
Nebst tausend schön-bestrahlten hellen,
18
Viel tausend dunckel-grüne Stellen,
19
Die alle dem Smaragd an grüner Schönheit gleich,
20
Und ja so sehr, wie er, an Glantz und Schimmer reich,
21
Noch schöner an Figur. Es ist nicht zu beschreiben
22
Wie lieblich alles war;
23
Zumahl da durch die groß- und klaren Fenster-Scheiben
24
Das, was man sah, noch einst so klar.
25
Nicht möglich ists, wenn auch ein Feuer-Werck
26
In grünen Flammen brennte,
27
Daß es noch herrlicher, als dieses, gläntzen könnte.

28
Ich ward durch alle Lust, die ich durchs Auge spürte,
29
Durchdrungen und so sehr bewegt,
30
Daß mich, für Lust, ein heiligs Trauren rührte,
31
Wie ich bedachtsam überlegt,
32
Daß, für so manche Lust, die hier in diesem Leben
33
Der grosse Schöpfer uns gegeben,
34
Die uns belustigen und nützen,
35
Wir so gar wenig Fähigkeit,
36
Die GOttheit kräftiger und öfters zu erheben,
37
Da man so viel besitzt, besitzen,
38
Und daß wir seine Werck in Andacht anzusehn,
39
Und ihn im Sehen zu erhöhn,
40
Mit solcher Trägheit uns bestreben.
41
Ich selber fühl’ in mir
42
Noch lange, leider! nicht so viele Danck-Begier,
43
Als wie ich wol zuweilen wollte,
44
Und als ich, billig, stets empfinden sollte.
45
Da ich doch mehr vielleicht, als iemand, überführt,
46
Wie sehr in unsrer Lust dem Schöpfer Danck gebührt.
47
Ich weiß dabey nichts anders anzufangen,
48
Als meinen Schöpfer anzuflehn,
49
Daß ich, sein herrlich Werck mit Lust oft anzusehn,
50
Die Gnad’ und Fähigkeit von ihm doch mög’ erlangen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.