Tempel der Liebe

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Johann Georg Gressel: Tempel der Liebe (1716)

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Füngst als das Sonnen-Licht in letzten Zügen lag
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Da sich sein Purpur-Schein nach blauen Wellen
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lenckte/
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Da schon die Demmerung aus grauen Wolcken brach/
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Und den geflammten Glantz in
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Da stützte ich mein Haupt auf den ermüdten Arm
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Den Sorgen zu entgehn/ die Geister zu erfrischen/
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Und das beklummne Hertz aus der Gedancken-Schwarm
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Durch Frölichkeit zu ziehn/ und Lustbarkeit zu mischen
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In Kummer-volle Angst damit mein Schicksahl glüht.
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Indessen überspann ein Nebel das Gesichte/
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Ein Schlaff/ der alle Macht dem müden Leib entzieht/
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Nam mir im Augenblick die meisten Lebens-Früchte.
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Mein Haupt das senckte sich von der erstarrten Hand/
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Mein Leichnam stellte für den rechten Todes-Schatten/
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Mein Geist verreißte fast ins
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Und wolt’ in
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Inzwischen traumte mir/ wie ich da schiffend fuhr
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Wo in des
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In lauter Marmor-Milch entdeckten ihre Spuhr
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Mir selbsten kahm die Lust in dieser See zu baden/
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Wie ich denn auch so fort mein morsches Schiff verließ/
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Und mich der sanfften Fluth in ihre Schooß vertraute
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Ein kühler Anmuths-Wind das weiche Meer auffbließ/
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Worauf ich mich sofort in einem Lande schaute;
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Wo ich ein Frembdling war/ mir war kein Weg bekannt/
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Wo sonst die Dornen stehn/ da zeigten sich die Rosen/
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Vor Nessel und
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Gewächse/ die man gern pflegt küssend liebzukosen.
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Indeme nun mein Fuß/ das zarte Feld betrat/
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Und als ein schüchtern Schaaf durch Au und Wälder irrte/
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Ward ich von fern gewahr ein ausgelegtes Pfad/
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Worauf ein lichter Strahl bald hier/ bald dorthin schwirrte.
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Daselbsten schwenckte ich die müden Glieder hin/
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Weil mein neugierger Geist dahin mit Macht begehrte/
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Ich kam auch an das Pfad/ und sah den
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Den ein geweyhter Krantz von grünen Myrthen ehrte.
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Kaum wie er mich ersehn/ fand er sich bey mir ein/
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Er reichte mir die Hand in dem er dieses fragte/
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Woher mir doch das Land so kundbahr könnte seyn/
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Und wie mir dessen Lust und Lager-Stadt behagte?
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Noch ferner fuhr er fort/ ob mir auch wol bewust/
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Daß dis die Insul wär wo
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Wo man vor Schmertz und Pein nur ungemeine Lust/
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Vor Diesteln/ Liljen und schöne Rosen fünde.
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Wo wenig Sterbliche den Fuß noch vest gestellt/
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Wenn sie nicht
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Und ihrer Majestät den halben Kreyß der Welt
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Zum Opffer dargereicht/ und her zu ihr geleitet.
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Ich sprach mein
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Ist sonder meine Schuld in dis
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Denn als ich unterfing in jenem Marmor-Fluß
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Den Leib zu kühln/ bin ich an dieses Land geschwummen.
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Wo ich den Ausgang nicht/ noch dessen Eingang weiß/
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Dort was erscheinet dort/ mit seinen güldnen Zinnen?
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Was ists vor ein Gebäu/ vor dem ein kaltes Eyß/
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Weil es so helle scheint/ wie Wasser muß zerrinnen?
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Hierauf sprach
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Da küßt sich
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Da blitzet/ strahlt und brennt vergönnter Liebe-Blitz/
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Da schmeltzet Mann und Weib in heisser Gluth zusammen.
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Da gehet niemand frey ohn Strick und Band zurück/
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Wer als ein lüstern Gast in diese Gegend wallet/
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Ehrt den beliebten Strahl mit einem heissen Blick/
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Der aus der
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Ich/ den das Schicksahl längst zum Sclaven auserkiest/
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Ersuchte
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Er sprach: Dieweil dein Geist so neubegierig ist/
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Sey dir dein Wunsch gewehrt/ dein Bitten soll geschehen.
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Ich/ fuhr er fort/ der längst von
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Daß ich entseelet soll ihr Heiligthum behüten/
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Als einer/ der den Schatz am allerbesten kennt/
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Den aus der blauen Schooß der bittern
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Sie mit ans Licht gebracht/ und allda auffgestellt.
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Sie hat mehr Perlen-Kost als süsse Milch genossen/
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Und ist dennoch ein Brunn der Anmuth in sich hält/
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Unendlich kommt aus ihr die Wollust hergeflossen/
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Ob gleich dis grosse Rund ihr täglich viel entführt.
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Ich habe nur die Quell mit Wenigen beschrieben/
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Die mein verstumpffter Kiel nicht wie es ihr gebührt
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Nur wie er es gekonnt den Sternen zugetrieben.
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Er führte mich hierauf in einen grünen Wald
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Wo Myrthen und
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Der war zur Abends-Zeit der
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Wenn sie sich aller Last und Vorsehung entbunden.
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Recht in der Mitten floß ein Crystalliner Bach/
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Worauf ihr Schwaanen Spann im Schwim̃en sich erhitzte/
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Dione ging darinn dem kühlen Baade nach
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Wenn ihr Albaster Leib
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Am Ausgang dieses Hayns stund ein erhöht Altaan
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Darunter wir hindurch in einen Vor-Hof gingen/
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Daselbsten zündete man geilen Weyrauch an/
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Den durfften sie nicht hin zum rechten Tempel bringen.
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Aus diesem Hofe kam ich wo der Tempel ist
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Daran das Morgen-Land den größten Schatz verwendet/
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Wo
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Wo
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Wo Gold aus
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Wohin gantz
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Wo
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Wo der
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Kein Pinsul ist so zart/ der so gelinde zieht
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Als dieser Göttin Haus und Tempel ist geziehret;
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Kein Nelcken-Straus so nett in sich gemarmelt blüht
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Als man dis Heiligthum von aussen auffgeführet.
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Es war gantz Circul-rund von
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Zwölff Pfeiler stützeten der
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Nach Ordnung die
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Die innersten
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Umfing ein
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Hier brannte
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Dem
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Drauf ließ sich der
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Nach diesen
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Zur lincken Seiten sah ich alle die
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Die
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Auf Harffen/ Lauten-Spiel und angenehmen Flöhten
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Bis an die Sternen-Burg durch ihre Kunst geführt/
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Hier stund
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Recht prächtig angethan/ mit Lorbern ausgeziert/
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Und dort
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Den Nahmen nach/ fand man da unvergleichlich mehr.
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Zuletzt so fiel der Sitz/ wo ihre Gottheit wohnte/
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Mir Blöden ins Gesicht als ein Erstaunungs-Heer.
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Woselbst der Diamant des Türckis-Schein belohnte/
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Wo ein gewünschter Stein den andern angestrahlt/
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Woselbst der Anmuth-Schmuck aus allen Theilen lachte/
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Wo sich Rubin und Gold ein Rosen-Feld gemahlt/
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Wo dieses theure Bund ein nettes Schau-Spiel machte/
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Da war
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Sah ich ein Opffer-Feur in blanen Flammen lodern/
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Die holden
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Die musten
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Die Göttin selbst war nur mit zarten Flor geziert/
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Wodurch der Glieder-Pracht mit starcken Flammen blitzte.
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Weil sie durch ihre Krafft Stein/ Bäum’ und Thiere rührt/
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So fiel es ihr nicht schwehr/ daß sie mein Hertz erhitzte.
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Denn wie
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Durch Liebe an sich zieht/ so auch die nackten Brüste/
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Die Nelcken gleiche Schooß zeigt/ daß sie lebhafft sey
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Denn welcher schaut sie wol/ dems nicht so fort gelüste.
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Der Weinstock liebt den Ulm/ weil er die Rinde küßt/
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Das
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Dian' und Nereus zeugt das Cypris mächtig ist
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Vor
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Es zündet ihm die Welt viel tausend Opffer an/
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Der Mutter siegt er ob/ und macht sie selber brennen/
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Da doch der grosse
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Ja es erhitzt so gar
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Das auffgefrorne Meer/ als ein gethürmter Berg
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Hegt
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Das Löwens grimme Macht/ und seine wilde Stärck/
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Kan ihm der
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Indeme nun mein Geist auf
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Und seine Wunder-Krafft im Hertzen überlegte/
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Ward mir von
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Das vieler Helden-Schrifft in seinen Blättern hegte/
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So ihr gelehrter Kiel aufs weisse Blat gepflügt.
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Er sprach: Hier must du auch ein Ehren-Denck-Mahl setzen.
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Wie so? ersetzte ich/ wird denn auch beygefügt
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Ein ungelehrter Spruch/ den klugen Wunder-Schätzen?
162
Doch/ daß man über mich nicht aller Orten klagt/
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So schreibe ich ins Buch nur wenig keusche Zeilen.
164
Schreib was/ und wie du wilt/ es ist dir unversagt
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Sprach
166
Hierauf nahm ich zur Hand Buch/ Dinte und den Kiel
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Und schrieb auf eine Schrifft an einem reinen Orte/
168
Sie füllete den Raum bis zum gezeichten Ziel
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Und hegte/ wo mir recht/ fast eben diese Worte:
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„ich flieh den süssen Klang der schmeichelnden
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„und stopffe mein Gehör mit der Verachtung zu;
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„ich binde die Begierd mit der Enthaltungs-Sehne/
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„am Mast-Baum der Vernunfft/ und gebe mich zur Ruh.
174
„ich wende meinen Lauff von den verborgnen Klippen/
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„und lenck mein Sinnen-Schiff nach reiner Keuschheit hin/
176
„mein Bau begehret nicht auf ihren falschen Lippen
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„den Untergang zu sehn; des ich gewisser bin
178
„als Nacht und Sonnenschein sich um einander zeiget/
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„als eine Woch’ ein Jahr sich Wechsel-weise küßt.
180
„denn welcher sein Gemüth auf Huren-Wollust neiget/
181
„an statt gewünschter Kost vergiffte Kröten frist.
182
„er schmeckt vergallt
183
„er behtet Nessel-Kraut vor Purpur-Rosen an.
184
„vor den verlangten Port stöst er auf scharffe Syrten/
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„die auch die Klugheit selbst nicht stets vermeiden kan.
186
„sie fällt/ wenn sie dem Ort sich allzu nahe machet/
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„wo ein verbuhltes Weib der Geilheit-Priesterinn/
188
„dem die verbotne Lust aus Stirn und Auge lachet/
189
„das nach der Uppigkeit gelenckt den lüstern Sinn.
190
„das der gemeinen Lust ein fettes Opffer bringet/
191
„das dem entzäumten Siñ noch Peitsch und Spornen reicht/
192
„das sich wie
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„in dessen Nieren nie der
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„doch aber/ wenn Vernunfft aus klugen Augen siehet/
195
„man wie
196
„der
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„und in des
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„der muß Vorsichtig seyn/ und gar behutsahm gehen/
199
„der je zuweilen noch ein wenig lieben will/
200
„hält er seyn Leben hoch so muß er dahin sehen
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„daß sein Verlangen nicht nach einer Hütten ziel/
202
„wo Mord und Tyranney bey falschen Geistern wohnen/
203
„die/ die Verzweiffelung mit Zucker überstreut/
204
„die ihre Laster-Brut so wie die Keuschen lohnen/
205
„und denen nichts/ als nur dis eintzige/ gereut/
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„daß sie in geiler Lust nicht Obermeister heissen
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„daß ihnen nur ein Krantz als Hauptmann wird geschenckt/
208
„daß sie nicht
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„dis ist der grosse Schmertz/ so ihre Sinnen kränckt.
210
„hierüber quählen sich die geilen Creaturen/
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„bey denen nur die Form und Ansehn menschlich fällt/
212
„die ihre Hertzens-Lust/ aufs Löffeln/ und auf Huren/
213
„und ander Schandbarkeit in dieser Welt gestellt.
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„die/ wenn ein reiner Geist durch ihre Wohnung irret/
215
„so gleich den Boden kehrn/ wo er den Fuß gesetzt/
216
„da doch der Höllen-Mohr durch Schooß u. Schlösser schwirret
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„und ihr verdammtes Haus mit Pech und Schweffel letzt.
218
Hier reichte ich das Buch ihm wieder in die Hand/
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Das er denn auch sofort an seine Stelle brachte/
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Und mir in einem Huy aus dem Gesicht verschwand/
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Der Tempel regte sich/ die gantze Gegend krachte/
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Die
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Die
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Wurd’ ich von aller Pracht gar nichtes mehr gewahr.
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Die Ampeln gingen aus/ ein grosser Wind verrückte
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Zu letzt den gantzen Bau. Indem erwachte ich/
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Ich wust’ nicht wo ich war/ noch wo ich mich befunde/
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Ich sahe gar kein Licht/ und kunte keinen Stich
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Vor meinen Augen sehn. Die Dunckelheit verbunde
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Mit ihren schwartzen Flohr mein schläffriges Gesicht/
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Die Wolcken waren gantz mit Finsterniß bezogen/
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Und
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So hatte mich der Schlaff und
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Zuletzt besonn ich mich/ ich wuste wo ich war
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Als
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Und in Metall und Wein den Lebens-Safft gebahr/
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Wie sie das Sternen-Heer mit ihrem Glantz bestrahlte.
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Es war ein leerer Traum/ und eitel Phantasey
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Das mir verwichne Zeit den Sinnen-Bau bethöret/
240
So gleich schlug auch das Uhr durch seinem Hammer zwey
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Dadurch ward mir die Zeit nach Bett zu gehn gelehret.

(Celander [i. e. Gressel, Johann Georg]: Verliebte-Galante/ Sinn-Vermischte und Grab-Gedichte. Hamburg u. a., 1716.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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