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Was bild ich mir doch ein!
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Ich: der ich in dem Thal der Threnen nichts denn Plagen/
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Vnd nichts denn grimme Pein.
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Vnd nichts denn Angst vnd Tod muß augenblicklich tragen!
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Wo denckt mein Hertz wol hin!
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Daß ihm die Eitelkeit der Erden so beliebet/
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Vmb diß was meinen Geist ohn vnterlaß betrübet?
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Mit schärffen den Verstand/ vnd mich dem Tod' abdringen/
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Dann/ wann die schwartze Nacht
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Der tieffen Grabes-Klufft/ wird Haupt vnd Hand vmbringen?
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O überfalscher Wahn! wie viel gelehrter Sinnen
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Hat weder Fleiß noch Kunst
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Bey immer stettem Ruhm vnd Lob erhalten können
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Vnd was ich hier sey stehn!
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Der wehrten Bücher Lust! was kan die anders lehren.
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Wie dieser der sie schrieb/ was kan ich anders hören?
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Als daß ich gleich dem Klang;
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So itzt die Lufft durchstreicht/ vnd itzt auch gantz verschwindet
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Eill auff den Vntergang
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Gleich einer Wiesenblum die man nicht wieder findet.
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Gleich einem leichten Tau/
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Gleich einem Wintertag/ vnd grünem Sommer-Grase/
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Gleich blütten auff der Au.
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Der Menschen Ehre gläntzt vnd bricht gleich einem Glase/
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Ein Augenblick verkehrt
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Was langer Nächte Fleiß/ was vieler Jahre Sorgen
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Vnß Armen kaum gewehrt/
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Was dieser Abend grüst/ kan vntergehn vor morgen!
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Reisst alle Weißheit hin/ die Fenster meiner Sinnen
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Durch die ich angeschaut/ was Menschen schaun zerrinnen.
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Der Sonnen grosse Flucht
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Deß Monden Wanckelmuth/ die Leiche der Cometen
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Der Bäume Laub vnd Frucht
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Bezeugen/ daß die Zeit/ kan was nur zeitlich tödten.
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Der Cörper den du trägst/ vnd schmückest muß verwesen
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Man schleust kein Wissen auß/
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Auch ist durch hohe Kunst kein einig Fleisch genesen.
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Der gar zu strenge Tod/
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Hält keinen vnterscheid wenn wir zu Aschen werden.
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Offt fault der weise Kott
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In eines Thoren Grufft! wie manchem schlägt die Erden/
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Ein Häufflein leichten Sand/
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Vnd enge Ruhstätt ab/ wie offt wird Sarg vnd Steine
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Durch Rasen grauser Hand
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Zerschmettert vnd zustört/ vnd die gelehrten Beine
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Was hilfft die Wissenschaft? wenn vor deß Herren Throne
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Die Seel erscheinen muß?
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Da Witz vnd Vnverstand/ da Hirten Stab vnd Krone
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Da Pflug vnd Zepter eins! da alle Weißheit schwindet
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Den in deß Lebens Buch der strenge Richter findet;
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O Wol! vnd ewig wol! dem so da eingeschrieben!
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Ihn wird kein Hertzeleid/
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Vnd Trotz der herben Angst/ ihn wird kein Schmertz betrüben/
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Er wird was niemand weiß/
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Erkennen ohne Müh' er wird dort alles können
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Was keinem hier sein Fleiß/
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Was keinem sein Verstand vnd scharffer Sinn wil gönnen
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O mein Herr Jesu Christ!
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O wares Lebens Buch! daß du voll Schläg vnd Striemen
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Für mich geschrieben bist:
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Hilff daß ich möge mich nur deiner Wunden rühmen!
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Laß mich auß deiner Seit
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In letzter sterbens Angst die grosse Sanfftmuth lesen
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Vnd liebe Freundligkeit
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So bin ich/ ob mich gleich der Satan schreckt genesen.
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Sprich/ daß in deiner Hand
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Ich angezeichnet steh vnd nur dein Reich sol erben/
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So werd ich von der Schand
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Deß Schwartzen Sünden Buchs errettet/ frölich sterben.