Nützliche Ungewißheit

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Barthold Heinrich Brockes: Nützliche Ungewißheit (1736)

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Nebst andern war ich jüngst, der alten Weisen Lehren,
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Wie sie des weisen
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Den man mit Recht die Zierde Hamburgs heist,
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Durch seine Lehrlinge ließ öffentlich erklären,
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Beschäftiget gewesen anzuhören.
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Wie ich mich nun darauf allein befand;
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Was ich von ihm gehört, bedächtlich überlegte,
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Und in gelassner Still’ erwegte
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Die Mannigfaltigkeit der Grillen,
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Die stets den menschlichen Verstand
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Vor dem erfüllt, und noch erfüllen;
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Befiel mich eine Traurigkeit,
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Und drengte die verworrenen Gedancken,
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Mit einer schwartzen Last, aus ihren Schrancken;
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Ich fühlt’ ein wahres Hertzeleid.
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Das gantze menschliche Geschlecht
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Kam mir bejammerns-wehrt, und recht
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Erbarmung-würdig für.
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Wir scheinen nichtes recht zu fassen,
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Wir scheinen all dem Jrrthum überlassen,
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Der uns beständig äfft,
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Da, von den Meynungen, die gantz verschiedlich scheinen,
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Von welchen von der weisen Schar,
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Die Hälfte, daß sie wahr und klar;
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Die andre, daß sie falsch und dunckel wären; meynen,
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Oft all’, und dennoch keine wahr.

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Mir fiel hierüber ein:
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Es täuscht auch mich vielleicht ein falscher Schein.
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Ich kann ein Ding unmöglich wahrer halten,
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Als jeder von den Alten

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Dasjenige, was er geglaubt, für wahr,
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Für deutlich angesehn und überzeuglich klar;
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Ob sie gleich allesammt geirrt,
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Und sich einander selbst verwirrt.
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Nun sind sie weise ja, im hohen Grad, gewesen,
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Wovon wir Proben gnug in ihren Schriften lesen:
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Was überzeugt denn mich, daß ich nicht irren könne,
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Und daß ich gleichfals mich nicht von der Wahrheit trenne?
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Ja, daß die Nachwelt uns, daß wir in Jrthum stecken,
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Wie wir der Vorwelt es gezeigt, einst wird entdecken?
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Der Zweiffel löst sich bald: Wir wissen,
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Daß unser Wissen nichts, als Stückwerck sey;
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Und wir daher, wie billig

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Nechst diesem steckt hierin noch zweyerley:
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Die Ungewißheit aller Sachen,
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Besinnen wir uns recht,
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Soll billig gegen GOtt uns ehrerbietig machen,
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Und voll Verträglichkeit fürs menschliche Geschlecht.
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Erkennet man, daß man nichts weiß;
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Gereicht es ja zu GOttes Preis,
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Weil man bey ihm allein die wahre Weißheit findet.
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Das andre, welches auch in der Erkänntniß steckt,
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Ist, daß, da man der Menschen Schwäch’ entdeckt;
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Zur Nächsten-Lieb’ uns der Begriff verbindet:
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Denn soll mein Nächster sich mit meiner Schwachheit plagen;
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Warum will ich die seine nicht vertragen?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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