Saamen-Gehäuse

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Barthold Heinrich Brockes: Saamen-Gehäuse (1736)

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Abermahl ein neues Wunder der formirenden Natur!
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Abermahl ein neues Meer von besondern Sel-
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Welches alle, die es sehn, gantz auf eine neue Spur
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Zu der weisen Macht des Schöpfers, die gantz unerschöpf-
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Und zur Andacht bringen kann, ja zur Andacht bringen
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So fast vor Verwundrung starr, rief ich, als mein Julius,
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Der mein vierter Sohn, mir jüngst etwas, so er abgepflücket,
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Voll Verwundrung übergab.
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Dieß war eine Saamen-Hülse, recht verwunderlich
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Recht verwunderlich gebildet, von so seltzamer Figur,
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Daß ich nie dergleichen sah. Welches, da ich weiter dachte,
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Mich auf einen neuen Weg in das Reich der Creatur,
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Und zu einer neuen Werckstatt voller neuer Wunder brachte,
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Wo hinein ich biß daher, leider! gar nicht hingekommen,
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Weil ich, durch Gewohnheit blind, nichts davon in acht
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Dieses war nun die Betrachtung, auf wie wunderbare
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Doch der Finger der Natur so gar künstliche Gehäuse
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Für der Pflantzen Saamen baut. Es ist in der That nicht
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Ja warhaftig nicht begreiflich, und noch weniger beschreiblich
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Die Verändrung der Figuren, die in ihnen wunderschön,
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Wann wir sie genau betrachten, und mit Ernst besehn, zu

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Von des Saamens Formen selber will ich jetzo nichtes
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Noch viel minder von dem Wesen, das, wie wenig man
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Jmmer der Vernunft verborgen, ein Geheimniß ist und
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Sondern nur, bey der Gehäuse wunder-vollen Bildung,

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Es ist wahr, der Blumen Bildung, ihr verschiedliches
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Jhre schön-formirten Blätter, ihrer Farben Schmuck und
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Sind mit Recht bewunderns-wehrt: aber, zu derselben Zeit,
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Da die spielende Natur solcher Wunder Lieblichkeit,
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Mit geschäft’gen Fingern bildet, ist sie noch auf eine Pracht,
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Die nicht minder künstlich ist, als die Blumen selbst, bedacht:
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Zum Beweis, wie an Erfindung sie so unerschöpflich reich,
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Und wie ihr zu ihrer Absicht aller Stof gerecht und gleich.
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Seh ich, mit so vieler Müh, aus so viel verschiednen Sachen,
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Menschen, zu dem Schnupf-Toback, mancherley Behälter
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Von verschiedenen Figuren; muß ich ihrer wahrlich lachen,
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Wenn ich denck’ auf wie viel Arten, von nur einem Stoff
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Die Behälterchen des Saamens künstlich zugerichtet seyn.
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Viele Saamen-Hülsen gleichen neuen Blumen, welche man
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Mit den ersten Blumen selber oft an Kunst vergleichen kann.
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Viele gleichen kleinen Trauben; andre Sternen; viele
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Viele Kugeln, andre Strichen; bald Quadraten, kleinen

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Bald sind sie gedreht, bald lang; bald gleicht eines einer
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Jenes ist recht wie ein Pfeil; dort wie eines Storchen Schnabel;
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Dieses zieren tausend Spitzen; dies ist rauch und jenes glatt;
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Das gleicht einer kleinen Blase; das ist dicke, dieses platt
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Und so dünn, als ein Papier; kegel-förmig, eng’ und weit,
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Dicht, durchsichtig, krumm und eckigt, Schnecken-förmig,
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Wenn verschiedne zart und weich, sanft, gelind und bieg-
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Schrencken andre sich nicht nur in sehr harten Kernen ein;
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Sondern, wie die Dattel-Kerne, sind sie selbst ein harter
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Viele sieht man in dem Kelch, viele bey der Blumen Spitzen,
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Andre wieder an der Wurtzel, an den Stengeln andre, sitzen.
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Viele sind in Kätzgen, Kolben, ja in Blätter selbst gesenckt,
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Diese von gefärbten Häuten, die von Blasen, eingeschrenckt.
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Nur allein vom Klee zu sprechen, sah ich jüngst, in einem
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Von gantz unterschiednen Formen, ihrer auf die sechszig Arten,
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Wovon viele Kugel-förmig, andre rings-um Spitzen-reich,
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Viele Schmetterlingen-Flügeln, viele Schnecken-Häusern
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Viele voll verwirrter Stacheln, wie ein kleines Stachel-
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Viele Rollen vom Toback, viele Cronen ähnlich seyn.
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Hier sieht man aus einer Blum’ eine nette Spitze ragen,
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Die sich unterwärts zertheilet, in vier halbe Cirkel krümmt,
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Welche recht verwunderlich, Leuchtern gleich, dazu bestimmt,
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Daß sie in vier runden Kugeln zierlich ihren Saamen tragen.

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In verschiednen findet man, nicht ohn inniges Vergnügen,
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Da sie recht mit Sammt gefüttert, und aufs weichlichste
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Nicht allein das Saamen-Körnchen vor Gefahren wol
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Sondern man sieht ihn darin, recht als wie auf Polstern,
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Viele, die aus Federgen, einen Schloßwerck gleich, bestehn,
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Siehet man, um ihren Saamen allenthalben hinzubringen,
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Wunderbarlich, wenn sie reif, plötzlich von einander springen.
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Sie sind gleichsam recht bemüht, ihre Kinder selbst zu sä’n,
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Wie die Balsamina thut: ja, was mich noch mehr
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Und voll frölicher Verwundrung öfters in Erstaunen setzet
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Ist ein Blümchen, welches sich gleichsam selber Flügel schafft,
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Um an manchem Ort zu blühen. Wenn die rechte Blume fällt,
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Wird uns gleich, aus vielen Blümchen, eine neue, dargestellt.
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Jeder Saam-Korn, deren man öfters über hundert findet,
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Träget einen zarten Stengel, der sich oberwerts verbreitet,
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Und, mit gleich-getheilten Spitzen, sich in netter Ordnung
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Aus der Menge dieser Blümchen wird ein rundes Gantz
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Eine schöne weise Blume zeiget sich, zu unsrer Lust,
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Die uns aber, weil wir sie nicht des Ansehns würdig achten,
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Und (nur Kinder ausgenommen, die sie dann und wann
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Nicht besehen, nicht erwegen; meistentheils nur unbewust,
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Ja fast wie verachtet bleibet. Wilst du sie, mein Leser,
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Hör! es ist die gelbe Blume, die wir Butter-Blume nennen,

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Die in Wiesen häuffig blüht, und auf allen grünen Rasen;
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Deine Kinder haben sie oft gepflückt und weggeblasen,
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Da du zugesehen hast, und vermuthlich nicht entdeckt,
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Mit gebührender Betrachtung und mit billigem Vergnügen,
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Was in dieser Blumen Bildung für ein weises Absehn steckt;
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Da die kleinen Saamen-Körner, durch die Zäser, Flügel
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Und, so bald sie reif geworden, in die Lüfte sich erheben,
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Durch dieselbe fortgetragen, öfters hin und wieder schweben
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Und sich, auf die leichtste Weise, nach verschiednen Seiten
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Wo sie sich, nach kurtzer Zeit, wieder in die Erde sencken.
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Sage, forschendes Gemüthe, zeigt nicht diese Blum’ allein,
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Wie so wunderbar der Schöpfer, und wie blind wir Men-
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Aber weiter fort! wir müssen von der Saamen-Schachteln
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Und von ihrem so verschiedlich dargestelletem Gepränge,
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Doch noch einige besehn. Viele gleichen schönen Knöpfen,
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Viele gleichen an Figur nett-gedrehten Blumen-Töpfen;
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Wie ich letzters mit Vergnügen jüngst am abgeblühten Mah,
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Daß desselben Saamen-Hülse allerliebst gebildet, sah.
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Das Gehäuse, ründlich lang, fiel ein wenig spitzig ab,
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Welches ihm denn die Gestalt einer netten Rose gab;
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Sonderlich als sich der Fuß unten etwas aufwerts beugte,
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Und sich oben auf der Ründ’ ein fast platter Deckel zeigte,
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Den ein nettes Sternchen schmückte. Dieser war nur gar
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Nach der größten Richtigkeit, Maaß und Zierlichkeit zu sehn.
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Unter dem gestirnten Deckel waren, auf besondre Weise,
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Kleine Löcherchen gebohrt in vollkommen rundem Cräyse,

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Diese sah ich, in der Ordnung, billig mit Verwunderung an,
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Weil man eine weise Absicht deutlich darin finden kann.
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Die bedächtliche Natur hat sie offen da gelassen,
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Daß der Saamen-Körner Menge, welche die Gehäuse
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Wenn sie reiff, nicht klumpen weise, sondern eintzeln, sich
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Und sich selber säen können. Wer dieß Wunderwerck erwegt
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Und darin die Vor-und Absicht des Natur-Geists überlegt
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Muß, in Demuth, Danck und Andacht, sich des grossen
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Ja noch mehr wenn im Gehäus’ er die nett-gewachsne Haut,
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Die sie von einander sondert, in so richt’ger Ordnung schaut.
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Das Hydiserum verdient gleichfals, daß man es betrachtet,
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Und in seines Saamens Hülse etwas wunderlichs beachtet.
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Sie besteht aus dreyen Cirkeln, welche voller netter Spitzen,
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Wodurch sie den lieben Saamen für den Biß der Würmer
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Aber über mehr als alle werd’ ich für Verwundrung stumm,
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In Betrachtung deiner Hülsen, bläulichtes Geranium!
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Dieses siehet eines Storchen Schnabel, Hals’ und Kopf so
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Daß man fast nichts gleicher sieht. Schauet man nun dieß
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Fast erstaunt, von aussen an; ists auch in sich Wunder-reich,
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Und die innern Theile dienen uns zur neuen Augen-Weide.
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Die Figur ist hinten rund und besteht aus grünen Blättern,
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Die sich einer Blume gleichen, von derselben sind bedeckt
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Mehrentheils fünf braune Hülsen. Ein par Saamen-Kör-

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Recht verwunderlich verschrenckt, in der hart- und spitzen
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Welche, wie gesaget, braun, und woran viel tausend Spitzen,
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Die man gelblich, fast wie Gold, um die gantze Hülse sitzen,
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Und, nicht ohn Verwundern, sie, wie sie recht verhüllet, schaut.
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Nimmt man solch ein trocknes Körnchen, wirft dasselbig’
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So verursacht dieser Spitzen Menge, daß, bald dort bald
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Dieses Korn, als wenn es lebet,
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Sich beweget, fast nicht ruht, und beständig gleichsam
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An der Körner Ober-Theil wird nun eine Spitz’ erblickt,
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Welche wol fünf Zolle lang, diese nun sind eingedrückt
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Und sehr künstlich eingefaßt in ein Stänglein, welches spitz
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Und so künstlich zugerichtet, daß man es kaum glauben kann.
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Unten, wo der Körner Ründung, ist es etwas eingebogen,
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Gleich darauf sind in der Länge kleine Rieffelchen gezogen,
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Die sich immer vorwärts spitzen. Durch die Bildung siehet
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Anders nicht als einen Speer, oder nette Lantz, es an.
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In den kleinen Rieffelchen (drin der Körner Spitzen passen,
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Die, bewunderns-wehrt, von innen mit dem allerzartsten
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Gleichsam ausgefüttert sind, weislich theils, theils gelb’,
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Jmmer kleiner und subtiler, daß durchs Aug’ es kaum zu
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Bleiben diese Spitzen nicht: sondern, wenn der Saamen
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Und die innre kleine Stange durch die Zeit sich gnug gesteift,

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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