Vermischete Gedanken

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Christiana Mariana von Ziegler: Vermischete Gedanken (1727)

1
Die Dicht- und Redner Kunst liebt, was der Witz erfindet,
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Der Ausdruck lebhaft macht, und rein zusammen bindet;
3
Sie wollen beyderseits, um Aug und Ohr zu laben
4
Recht nüchterne Vernunft und reine Sinne haben.

5
Wenn Fama sich recht hoch zum Himmel schwingen will,
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Und weiser Seelen Ruhm soll zu den Sternen tragen,
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So borgt sie bey dem Flug von Männern nur den Kiel,
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Warum? sie darf es nicht, mit Frauenfedern wagen.

9
Ich meynte bey dem Trieb, den ich gar oft verspührt,
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Und der durch Sehnsucht mir den regen Geist gerührt,
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Mich noch auf den Olymp beglückt hinauf zu schwingen
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Weil auch die Musen dort, als Frauenzimmer singen.
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Jedoch mein Hoffen fehlt; ich kann voraus sehn,
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Daß, leider! selbiges unmöglich kann geschehn,
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Der Pierinnen Schaar drängt mich von ihren Stufen,
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So eifrig und bemüht ich ihr doch zu gerufen,
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Aus Eifersucht und Furcht, es möchte nach und nach
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Apollo, der sie liebt, zu nicht geringer Schmach,
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Und ihrem grösten Schmerz, dem fremden Gast daneben
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Ein freundliches Gesicht, und holdes Blickchen geben.

21
Man trifft von keinem Bild so viel Copien an
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Als uns von ihrem Riß die Falschheit zeigen kann.
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Wie viele giebt es doch, die sich an sonst nichts kehren,
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Und diese Schilderey aufs innigste verehren!
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Allein ich kenne dich, Freund von ganz andrer Art,
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Drum da dein Redlich seyn gar kein Bemühen spart,
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Vor wahrer Freunde wohl das äusserste zu wagen,
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So kann ich dies Recht zu deinem Lobe sagen.

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Das Schicksal läßt sich nicht auch von den klügsten Geistern
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Durch Einhalt, Kunst und List, Verstand und Einsicht meistern,
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Sein Lauf bleibt ungestört, es lenkt die ganze Welt,
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Und führet alles so, wie es ihm selbst gefällt.

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Dem muß ein blinder Zug sein Aug und Ohr verriegeln,
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Der frech in die Gefahr, und kühn ins Unglück geht,
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Allein ein kluger Mann der noch am Ufer steht,
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Wird sich unfehlbar wohl an andrer Schiffbruch spiegeln.

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Das schnell seyn hilft zum Laufen nicht,
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Wenn Zeit und Glücke widerspricht.
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Man läuft umsonst auf dieser Bahn
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Und bänden wir uns Schrittschuh an.

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Ein Jason, wenn er will das güldne Vließ erfechten,
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Schlägt der Centauren Heer zur linken und zur rechten,
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Drum wer das Kleinod sucht, das uns die Pallas weist,
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Der ringe stets darnach mit unerschrocknem Geist.

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Es braucht zwar Stärk und Muth die Feinde zu bezwingen,
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Und auch ein wildes Thier in Schling und Zaum zu bringen.
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Doch wer sich selbst bezwingt, der zeiget in der That,
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Daß er den grösten Sieg dadurch erfochten hat.

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Apollo bildet sich auf dich was grosses ein
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Und spricht: – – – muß mein bester Pfeiler seyn.
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Allein der Musengott scheint sich zu übereilen.
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Denn Suada gönnt ihm nicht aus Neid dergleichen Ruhm.
53
Sie nennet dich zugleich mein Freund, ihr Eigenthum
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Was Rath? sie müssen sich in dich unfehlbar theilen.

55
Was dich, geehrter Freund, zu meinen Freuenden schreibt,
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Ist deine Redlichkeit, und dein gelehrtes Wissen,
57
Davor dir in der That mein Angedenken bleibt,
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Ob ich hinführo gleich muß deinen Zuspruch missen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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