13. Gedichte

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Christiana Mariana von Ziegler: 13. Gedichte (1727)

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In was für Einbildung und wunderlichem Wahn
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Steckt doch nicht oftermals ein blinder Curtisan;
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Der, weil der Liebesgott ihn körnet und ihm heuchelt,
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Sich mehr als allzustark mit Gegenliebe schmeichelt?
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Ob gleich die so er liebt, ihn nur mit Worten speist,
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Und seinem Umgang sich so oft sie kann, entreißt,
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So wird ihn jener doch gar leicht beschwatzen können:
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Als säh er dieser Herz gleich einem Schorstein brennen.
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Er leget jedes Wort, das doch die Unschuld spricht,
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Und alles, was nur bloß aus Höflichkeit geschicht,
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Zu seinem Vortheil aus; und rühmet sich der Ehre,
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Als wenn er Hahn allein im Liebeskorbe wäre,
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Den seine Göttin doch, die sich nicht leicht verstellt,
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So fest als Herz und Sinn vor ihn verschlossen hält.
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So gehts dem Coridon, den Selimene hetzet,
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Weil er sich einen Wurm in seinen Kopf gesetzet.
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Er bildet sich gewiß und recht unfehlbar ein
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Als müst ihm selbige gar sehr gewogen seyn.
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Ihr Herze, träumet er, sey ihm vor andern allen
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Aus grosser Zärtlichkeit im Lieben zugefallen.
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Held! der du Garn und Netz so schlau den Herzen schlingst
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Und, eh man es gemeynt, der Chloris Geist bezwingst,
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Lehr uns doch deine Kunst die Schönen zu bemeistern,
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Denn diese Zauberey stammt sicherlich von Geistern,
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Und nicht von Menschen her; ihr Witz reicht hier nicht zu.
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Wer kann so meisterlich und so geschwind, als du,
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Die Nymphen, welche doch die stärksten Waffen tragen,
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Und vor die Freyheit stehn, in Band und Ketten schlagen?
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Wird deiner Chloris Gunst, die ihr doch niemals feil
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Bey klugen Freyern war, so schleunig dir zu theil?
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O Thore! glaub es nicht; man weis es alles besser,
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Du baust, wie mich bedünkt, nur deine Hoffnungsschlösser,
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Aus Luft und leren Wind. Betrogner Coridon
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Du trägst der Schönen Gunst, nicht wie du glaubst davon.
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Denn weil dies schlaue Kind, das dich vollkommen kennet,
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Und einer andern gern solch Leckerbißchen gönnet,
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Bey deinem widrigen und albern Liebesspiel
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Dich mit der Margaris in Umgang bringen will;
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So suchet sie sonst nichts, als den verliebten Affen
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Den sie an dir gehabt, sich von dem Hals zu schaffen.
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Doch, nein, ich irre wohl, denn jeder macht den Schluß,
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Daß Selimene dich vortrefflich lieben muß.
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Sie will dich doch nicht leer von sich zurücke senden;
44
Die andern haben nichts, du trägst den Korb in Händen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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