7. Gedichte

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Christiana Mariana von Ziegler: 7. Gedichte (1727)

1
Ja, guter Bavius, schwatz du nur immer zu!
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Du bildest ganz gewiß dir ein, als hättest du
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So manche schöne Kunst und Wissenschaft gefressen,
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Und hast die beste doch darunter gar vergessen.
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O Thore, schmeichle dir vor Stolz nicht allzuviel.
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Dein ganzes Wissen ist ein leeres Schattenspiel
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Und ein gelehrtes Nichts, wofern du nicht daneben
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Die Welt recht kennen lernst, und die so drinnen leben.
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Die, sprichst du, kenn ich wohl. Freund, sage solches nicht,
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Du bist in dieser Kunst noch gar nicht abgericht;
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Und hältst noch gar zu viel auf äusserliche Sachen,
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Die meistens unserm Aug ein falsches Blendwerk machen.
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Der äußre Schein bethört, und setzt uns einen Wahn
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Der falsch ist in den Kopf; schau nur ein Ruder an,
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Womit des Sclaven Faust die Wellen muß zertheilen,
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Um desto schleuniger dem Hafen zu zu eilen,
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Dies scheint, betracht es selbst im Wasser krumm zu seyn,
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Und ist doch wirklich gleich. So pflegt auch oft der Schein
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Derjenigen, worauf wir unser Auge wenden,
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Uns täglich hier und dar im Umgang zu verblenden.
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Das Gaukelspiel verführt, die meisten stellen dir
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Ihr Antlitz nur verkappt, mit falschen Herzen für;
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Die Larven, welche sie gar künstlich zubereiten,
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Verdecken Fehler, Trug und List auf allen Seiten.
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Die Tugenden, womit man äusserlich nur prangt,
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Wodurch der schwächste Geist oft Ruf und Lob erlangt,
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Doch bey dem Pöbel nur, der nichts von Einsicht heget,
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Sind nur mit Flittergold und falschem Glanz beleget.
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Ists nicht an dem, daß du, und andre mehr vielleicht,
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Bey denen Stärk und Kraft nicht weit im Schliessen reicht,
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Lysandern wirklich laßt vor grundgelehrt paßiren
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Dieweil er überall das Wort allein will führen?
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Was für ein Lermen hat er vielmals nicht gemacht,
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So oft was im Gespräch wird auf die Bahn gebracht?
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Er streitet, tobt und kämpft, vertheidigt tolle Lehren,
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Als ließ sich Trismegist, der alles wüste, hören.
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Und dennoch, glaub es mir, ist es nur eitel Wind,
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Weil Sachen, Grund und Schluß gar nicht zu finden sind;
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Du hörst ein leer Gewäsch und nichtig Hirngespinste.
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Der Federfechter macht dir eitel blaue Dünste
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Durch Pralereyen vor. Die Wische so die Welt
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Von seinem elenden und frechen Kiel erhält,
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Sind eitel Schmatterwerck, das er zusammen träget.
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Denn da sein Schedel selbst nichts kluges in sich heget,
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So schmeichelt er aus Angst sich bey den Todten an,
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Bestiehlt sie hier und dar, so sehr er immer kann,
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Und sucht, damit er auch kann bey Gelehrten stutzen,
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Mit fremden Federn sich, wie jener Specht, zu putzen.
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Sieh, wie der Schein verführt, traut man ihm allzu sehr
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Und giebt nicht der Vernunft zu rechter Zeit Gehör.
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Du siehst Clotilden dort nach jener Strasse wandern:
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Die hat, gieb acht auf sie, gewiß vor allen andern
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Wohl der Verstellungskunst am längsten nachgedacht.
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Schau, wie sie oftermals bey vollen Thränen lacht.
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Sie thut, seit dem ihr Mann in jene Welt gerücket,
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Als stellt ein jeder Stein, den sie vor sich erblicket,
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Den Leichenstein ihr vor, der sein Gebeine deckt,
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Es scheint, als hätte sie der Gram schon halb gestreckt.
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Wie traurig und bestürzt weis sie sich zu geberden?
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Der Männer Blick will ihr nunmehr zum Ekel werden.
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Der Minen Traurigkeit, weil sie so kläglich weint,
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Beschwatzet dich gewiß, als wär es recht gemeynt;
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Hier zeigt ein Abriß sich von jener Turteltaube,
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Die von dem Harm betäubt, nach ihres Gatten Raube,
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Die öden Büsche sucht, aus Jammer Tag und Nacht
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Ein ganz erbärmliches Geheul im Walde macht,
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Und eher nicht davon gewohnt ist abzulassen,
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Als bis man sie zugleich, wie jenen, sieht erblassen.
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Gläubst du, mein Bavius, sie thue dies im Ernst?
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O daß du doch nicht bald die Falschheit kennen lernst!
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Nichts weniger, als dies; die Stirne läßt uns lesen,
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Daß der so traurigen Clotilde ganzes Wesen,
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Nur eitel Blendwerk sey. Sie läßt die Todten ruhn,
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Und hat mit Lebenden am liebsten wohl zu thun;
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Wer weis, wer in geheim ihr Stund und Zeit verkürzet?
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Was für ein Tröster ihr die süsse Speise würzet,
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Die sie in Einsamkeit mit Sehnsucht und Verdruß,
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Steht dieser ihr nicht bey, sonst stets geniessen muß.
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So kann der äussere Schein, an dem die meisten kleben,
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Der schlechten Sache Glanz und schönes Aufsehn geben.
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Wer schreyt nicht Celien, mit ihrem grossen Staat,
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Der freylich Macht genug uns zu bezaubern hat,
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Vor stark begütert aus? wohin sie nur mag kommen,
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Da wird man alsobald mit Ehrfurcht eingenommen.
85
Die Herrlichkeit, so man an ihrer Tracht erblickt,
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Macht, daß sich jedermann vor sie aufs tiefste bückt.
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Der Pöbel, den ihr Schmuk muß in Verwundrung setzen,
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Will sie weit reicher noch, als dort den Crösus, schätzen.
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Allein du blindes Volk, du irrest allzusehr,
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Und meinst, daß alles Gold, was etwan glänzet, wär;
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Befrage jene nur, mit deren theuren Waaren
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Sie sich hat ausstafirt; sodann wirst du erfahren,
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Was sie für Summen noch zu zahlen schuldig ist;
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Und wie du durch den Schein so stark betrogen bist.
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Die Stolze hat oft mehr den Lenden angeleget,
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Als ihres Mannes Ammt in einem Jahre träget,
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Und zieht das ganze Gut, weil sie von Zinsen sprach,
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Des blinden Gläubigers auf ihrer Schleppe nach.
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Wie? weist du nun mein Freund, den Schein vom Seyn zu trennen?
100
Und denkst du noch die Welt vollkommen zu erkennen?
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Schau, wie man sich vergeht, wenn man dem Ansehn traut,
102
Und seine Meynung bloß aufs äusserliche baut:
103
Drum muß man, will man sich vom falschen Wahn entfernen,
104
Der Menschen innern Werth zuforderst kennen lernen

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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