1
Wie kommt es, daß man schon, da kaum der Himmel graut,
2
An allen Orten heut Altär und Herde baut?
3
Welch allgemeiner Laut, wovon die Berge zittern,
4
Die Thäler bebend stehn, die Flüsse selbst erschüttern,
5
Schlägt überall so früh an Sachsens Grenzen an?
6
Was rennt und läuft das Volk, das man nicht zehlen kann,
7
So munter und vergnügt die Strassen auf und nieder?
8
Allwo ein jeder Mund den Schall der Jubellieder
9
Mit Freuden wiederholt, der mich zugleich auch mit
10
Eh noch der Morgenstern von seiner Wache tritt,
11
Aus Traum und Schlummer weckt, und die verwirrten Sinnen
12
Kaum einen Augenblick zur Ruhe läßt gewinnen.
13
Vergeßne Muse! schweig, besinnst du dich denn nicht,
14
Was für ein herrliches, und neu gestärktes Licht
15
Der Sachsen Land erfüllt, Sarmatien bestralet,
16
Und unsern Musenhayn mit neuem Glanze mahlet?
17
So recht; erfreutes Volk! auf! Feyre diesen Tag
18
Der dir der heiligste vor allen heissen mag:
19
Dein Jauchzen ist gerecht, laß bey vereintem Flehen,
20
Der heissen Seufzer Schall bis zu den Sternen gehen.
21
Verdopple deinen Wunsch bey dieser frohen Zeit;
22
Dein Schutzgott, dessen Huld dir Sicherheit verleiht,
23
Der, wenn die Billigkeit nach Würden theilen wollte,
24
Allein ein ganzes Theil der Welt beherrschen sollte,
25
Hebt heut auf seinem Thron in dem entfernten Reich,
26
Dem durch erneurte Kraft gestärckten Adler gleich
27
Sein hohes Haupt empor; da diesem Heldensohne
28
Des Himmels eigne Hand, in seiner Jahre Krone
29
Ein frisches Oelblat flicht, ihn als Gesalbten schützt,
30
Und durch verjüngte Kraft den Bau der Glieder stützt.
31
Welch schönes Glücksgestirn! komm Clio, hilf mir singen:
32
Denn heute muß und soll ein Jubellied erklingen.
33
Doch nein, mein Griffel sinkt mir leider wieder hin.
34
So feurig und erhitzt ich auch zum Dichten bin,
35
So fällt mir Muth und Geist und Herz auf einmal nieder.
36
Ich höre schon voraus den sanften Thon der Lieder
37
Die dir, Großmächtigster, die Deutschen Musen weyhn,
38
Sie tauchen schon den Kiel in Hippocrenen ein,
39
Und streiten um die Huld des Königs um die Wette,
40
Dieweil ein jeglicher dies Kleinod gerne hätte.
41
Ihr Eifer ist gerecht. Denn dieses frohe Fest,
42
Das dich des Himmels Huld itzt wieder feyren läßt,
43
Flammt ihre Geister an. Schau, wie sie emsig dichten
44
Und unverwandt auf dich, im Geist ihr Auge richten.
45
Es mangelt ihnen auch an grossem Vorwurf nicht,
46
Woran es oftermals den feurigsten gebricht.
47
Wenn sie, erhabner Held, an dich mit Ehrfurcht denken,
48
So wird es ihnen schwer, den Vortrag einzuschränken.
49
Was du an jedem Tag, Großmächtigster, gethan,
50
Giebt dem bemühten Kiel was zu bewundern an.
51
Sie würden, wollten sie, du Zierde Deutscher Erden,
52
Dich zeigen wie du bist, wohl nimmer fertig werden.
53
Ja, was die ganze Schaar ergetzt und munter macht,
54
Und heute sie weit mehr, als ehmals aufgebracht,
55
Ist dies, daß Phöbus läßt den lauten Ruf erschallen,
56
Der gröste Ruhm sey doch, dem Könige gefallen.
57
Dies alles schrecket mich, Monarche, gar zu sehr;
58
Mir ist, als wenn mein Geist in Kett und Banden wär.
59
Die Pflicht will, daß ich mich des Dichtens unterfange;
60
Allein die Furcht macht mir so gleich auch wieder bange,
61
Weil blöde Ohnmacht mir auf allen Seiten dräut.
62
Wie schwer ist dieser Kampf? welch harter Sturm und Streit,
63
Dich Herr, im Geist zu sehn, und nicht die Seiten rühren?
64
Zu spielen, aber auch die Majestet entzieren?
65
Doch weich vergebne Furcht, wer kennt den König nicht,
66
Von dessen Großmuth man in allen Ländern spricht?
67
Der oftermals so gar von seinen schwächsten Knechten
68
Sich lässet einen Kranz aus schlechtem Epheu flechten;
69
Und auf das Rauchfaß selbst, auf dem der Weyrauch glüth
70
So hold, als auf die Glut der Hecatomben sieht.
71
Was scheuest du dich denn? fleuch darum nicht zurücke;
72
So sehr die Majestet durch ihr gemäße Blicke
73
Uns in Erstaunen setzt, so häufig spielt auch hier
74
Des Titus Freundlichkeit und Huld zugleich herfür.
75
Seht immer, wie ihr wollt, ihr Völker dieser Erden,
76
Mit eifersüchtigen und neidischen Geberden
77
Auf uns von weitem her; misgönnt uns den August;
78
Ihr habt ja Recht dazu, wir leiden es mit Lust.
79
Zürnt ewig mit dem Glück, das uns so hold gewesen
80
Und uns, o schönes Wort! zu seinem Volk erlesen.
81
Ja, Held, ein jeglicher, der deinen Zepter küßt,
82
Und deinem Schwerdt zugleich die Ruhe schuldig ist,
83
Wird zwar von seinem Glück zu aller Zeit belehret;
84
Doch glaubt man sich kaum selbst, ob man gleich sieht und höret
85
Wie rühmlich deine Hand zugleich dies beydes führt,
86
Dein göttlicher Verstand des Thrones Hoheit ziert,
87
Und wie dein starker Arm stets neue Kraft gewinnet
88
Mit Nachdruck zu vollziehn was nur dein Witz ersinnet.
89
Ja Herr, dein hohes Lob erfüllt die halbe Welt;
90
Die, was Augustus thut, vor Götterthaten hält:
91
Weil, was du unternimmst, du Preis der Potentaten,
92
Den Glauben übersteigt, und dennoch muß gerathen.
93
Ein jedes Stück von dem dir zugefallnen Reich
94
Und auch von deiner Chur, das kann und wird zugleich
95
Von deiner Ehr und Ruhm uns einen Schauplatz zeigen.
96
Nach welcher Landschaft wir nur unser Auge neigen
97
Da richtet Fama dir bey deinem Heldenlauf
98
Ein nettes Ehrenmal und frisches Zeichen auf.
99
Ja legst du einen Tag, gepriesner Fürst, zurücke,
100
So steigt auch jedesmal, dein Ruf, und unser Glücke.
101
Wenn oft ein ander Volk, dem nicht dies Glücke grünt,
102
Dem Herrn, der solches schützt, mit Furcht und Zittern dient;
103
Fast unter seinem Joch, das ihm den schwachen Rücken
104
Durch Last zur Erden beugt, muß schmachten und ersticken,
105
Aegyptens Fröhne thut, und doppelt Ziegel streicht,
106
So macht dein Unterthan sich Dienst und Knechtschaft leicht.
107
Warum? dein gütiges, und mehr als gnädig Wesen,
108
Das nebst der Majestet uns läßt dein Auge lesen,
109
Stellt Hoch und Niedrigen, und jederman in dir
110
Den holden Vater mehr als einen König für.
111
Und hätte dein Verdienst bey so viel Tugendproben
112
Dich auch auf keinen Thron, gekrönter Prinz, erhoben,
113
So hättst du, schwer ich dir, doch deren genug gewust;
114
Weil jeder Unterthan dir längst in seiner Brust
115
Den Thron vorher erbaut, und wie die Wahrheit zeuget,
116
Sich vor demselbigen voll Lieb und Furcht gebeuget.
117
Kommt ihr Regenten! lernt von dieser Majestet,
118
Wie wohl es um ein Reich, und die Provinzen steht,
119
Wenn der Beherrscher selbst das Regiment besorget
120
Und nicht den Arm allein von seinen Dienern borget:
121
Wenn seine Wachsamkeit, die täglich uns beschützt,
122
Der Länder Flor und Heil mit Klugheit unterstützt;
123
Das Schlachtschwerdt, das der Zwang ihm in die Hand gegeben
124
Im Felde muthig zückt; doch aber auch daneben,
125
Den Schlüssel bey sich führt, der Janus Tempel schleußt;
126
Von Großmuth angeflammt, im Zürnen Huld erweist,
127
So Rach als Recht vergißt, die Feinde selbst belohnet,
128
Und seiner Krieger Blut, als wär es heilig, schonet.
129
Wie muß, erwegt es selbst, ein Staat nicht glücklich seyn?
130
Wo die Gerechtigkeit nicht darf um Hülfe schreyn,
131
Und Regel und Gesetz die Kräfte nicht verlieren:
132
Wo wir an jedem Ort Irenens Tritte spüren;
133
Der Bürger ungestöhrt, weil ihm der Feind nicht flucht
134
Bey seinem Feigenbaum und Weinstock Schatten sucht;
135
Gewerb und Handel stets von Tag zu Tage steigen,
136
Und sich so hier als dort des Seegens Quellen zeigen;
137
Wo Kunst und Wissenschaft sich immer höher zieht,
138
Und jeder Künstler sich bestrebet und bemüht
139
Dem andern, der mit ihm ein gleiches unternommen,
140
An Witz und Trefflichkeit aus Eifer vorzukommen;
141
Wo man ein ödes Feld, weil sich das Volk vermehrt,
142
In eine neue Stadt in kurzer Zeit verkehrt,
143
Und Häuser, die man sonst von Leim und schlechter Erden
144
Nur aufgebauet fand, zu Marmor müssen werden.
145
Sitzt nicht der Unterthan sodann dem Glück im Schooß,
146
Wenn der, der ihn beschützt, aus Huld und Großmuth bloß
147
Auf seiner Bürger Wohl und Vortheil pflegt zu sehen,
148
Den Eigennutz vergißt, und wo es kann geschehen,
149
Sie zu bereichern sucht? weil ihn kein Geiz besiegt,
150
Und ihr Monarche sich allein daran vergnügt,
151
Wenn er mehr Herzen kann, als Steuer, Schoß und Gaben
152
Die wir doch schuldig sind, im Ueberzehlen haben.
153
Mein König, glaube nicht, als ob die Feder hier
154
Zu weit hinaus geschweift; dies ist ein Riß von dir
155
Und deiner Seltenheit. Wer wollte nicht errahten
156
Daß dies Augustus sey? denn alle deine Thaten
157
Sind Zeugen, daß in dir ein hoch erhabner Geist
158
Und eine Seele wohnt die mehr als menschlich heißt.
159
Du kommst; und wolltest du dein Wesen gleich verstecken,
160
Kennt dich doch iedermann. Es blickt an allen Ecken
161
Der König gleich hervor. Tritt auf Bellonens Plan,
162
Und gürte dir das Schwerdt, den Feind zu dämpfen, an;
163
Verlaß des Königs Thron, tritt zu den Eremiten
164
Die eine finstre Kluft in Wüsteneyen hüten;
165
So bleibst du doch August; so spricht doch alle Welt:
166
Du sey, wohin man nur das Auge lenkt, ein Held.
167
Der wäre taub und blind, der nicht bey deinen Werken
168
Die Spur der Majestet durchgehends wollte merken.
169
Und daß, was du ersinnst, und was dein Witz uns zeigt,
170
Durch die Vollkommenheit das Denken übersteigt.
171
Hört man nicht immer noch Augustens Ruf ergehen?
172
Ja. Wo man nur ein Paar wird sehn beysammen stehen,
173
Da reden sie gewiß von deines Heeres Macht,
174
Von Sachsens Herrlichkeit, und jenes Lagers Pracht;
175
Das, bräch auch nimmermehr des Himmels Bau in Stücken,
176
Und riß der Erdball nicht, kein Mensch mehr wird erblicken.
177
Du fordertest dein Heer, jedoch zur Lust nur auf;
178
Wohl wissend, daß das Volk bey sichrer Zeiten Lauf
179
Durch Uebung rüstig wird und sich zum Ernst bereitet,
180
Ob das Scharmüzel gleich nur Scherz und Lust bedeutet.
181
Was sahe dazumal der Menschen Auge nicht?
182
Ich schweige, weil die Kraft zum Schildern mir gebricht.
183
Denn hätt ein Argus auch, das was daselbst geschehen
184
Bey hundertfachem Blick erstaunend angesehen;
185
So reichte sein Gesicht doch lange noch nicht hin.
186
Ja Cäsar hätte sich bey ganz betäubtem Sinn,
187
So trotzig er auch sonst von seinem Heer gesprochen,
188
Vor deiner Krieger Kunst aus Scheu und Furcht verkrochen.
189
Jedoch es spricht von dir, verherrlichter August,
190
Von deiner Trefflichkeit, und was ihm sonst bewust,
191
Europa nicht allein so weit es sich erstrecket:
192
Dein Name wird nunmehr auch weiter hin entdecket;
193
Denn Fama träget ihn noch tiefer in die Welt.
194
Dort wo der Wilden Schaar sich im Verborgnen hält,
195
Da lernt dich nun ein Volk aus deinen Thaten kennen,
196
Das man muß gegen uns nur halbe Menschen nennen.
197
Es glaubt kaum daß ein Fürst, der Kron und Churhuth trägt,
198
Bey der Regierungslast die man ihm aufgelegt,
199
Zugleich den scharfen Blick nach Africa kann lenken,
200
Und an den heissen Theil der alten Welt gedenken.
201
Erstaunt nur nicht dafür, wofern ihr den erblickt,
202
Den unsers Königs Wink nach euren Küsten schickt.
203
Augustus machet sich durch seine Seltenheiten
204
Vor andern Prinzen groß, zum Wunder unsrer Zeiten;
205
Was dort der Afern Sand für Kostbarkeiten hegt,
206
Das wird in Dresden itzt den Kennern vorgelegt,
207
Damit des Königs Burg ein Riß der ganzen Erde,
208
Und Schatzhauß der Natur, mit Recht genennet werde.
209
Dies stellt, Großmächtigster, sich jeder, welcher dir
210
Als Knecht zu Fusse fällt, an diesem Feste für:
211
Da dir des Himmels Kraft, der unsre Seufzer merket,
212
Von neuem wiederum der Jahre Zahl verstärket.
213
Dies flammt uns freylich an, daß man die Opfer thürmt,
214
Und mit dem heissen Wunsch die Wolken selbst bestürmt.
215
Denn wo ein König herrscht, den Huld und Großmuth krönen,
216
Da zehlt sich jedermann zu Ehrfurchtsvollen Söhnen.
217
Gebenedeytes Licht! Tag, dem gar keiner gleicht,
218
Und, der uns sonder Gram und voller Lust verstreicht:
219
Weil dein Geburtsgestrin, vor dem sich alles beuget,
220
Uns einen neuen Stern zu unsrer Hoffnung zeiget;
221
Du trittst, o Wort, das uns den Kummer stillen kann!
222
Das grosse Stuffenjahr so frisch und munter an,
223
Als stündst du weit davon, die Staffel zu erreichen.
224
Dies ist ein festes Maal und ein Versichrungszeichen
225
Es werde ganz gewiß dereinst des Himmels Hand
226
Sein, als ein nur der Welt zum Trost geliehnes Pfand,
227
Dich, herrlicher August, du Vater deiner Pohlen
228
Und Preis der Sachsen Chur, nicht eher wiederholen,
229
Als bis dein treues Volk, dem dein erlauchter Geist
230
Zur Mehrung seines Flors stets neue Wege weist,
231
Nicht weiter kniend wird vor dich zum Himmel flehen.
232
Wenn aber dürfte dies, o König, wohl geschehen?