16. Brief

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Christiana Mariana von Ziegler: 16. Brief (1727)

1
Dein angenehmes Blat verdoppelt mein Vergnügen,
2
Ein Blat das Feur und Geist zu seinem Inhalt hat,
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Und das durch Schmeicheley mich nicht sucht zu betrügen;
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Drum les ich es mit Lust, und mich daran nicht satt:
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Nicht darum, daß du mich vor andern hochgepriesen,
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Nicht darum, daß du mich und meinen Reim besingst,
7
Nicht darum, daß du mir viel Höflichkeit erwiesen,
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Nicht, daß du durch dein Lob in meine Achtung dringst;
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So eitel bin ich nicht, und will mich nicht vergehen;
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Ich sehe auf den Grund, und das was dich gerührt.
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Du denkst gewiß daran was vormals ist geschehen,
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Und wie die Unschuld mich zum Helicon geführt.
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Ich schrieb frey ohne Zwang, kein Aufsehn zu erhalten;
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So wie mein Einfall war setzt ich die Zeilen hin,
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Ich ließ die Phantasie nach eignem Willen walten;
16
Deswegen glaub ich nicht daß ich zu schelten bin.
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Und dennoch hat der Neid sich hier und dar erhoben,
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Ich sehe wie ergrimmt er mich noch itzt anblickt.
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Doch acht ich weiter nicht sein Schelten und sein Toben.
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Gnug daß er meinen Sinn noch niemals hat verrückt.
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Ich schreibe dennoch fort bey seinen schelen Minen,
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Denn meine Feder dringt nicht in ein Ehrenammt:
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Ich darf mir auch kein Brodt mit selbiger verdienen,
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Drum seh ich wirklich nicht, woher der Eifer stammt.
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Man will uns Geist und Witz, Verstand und Ansehn schwächen;
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Und glaubet, unser Kopf sey von Gedanken leer.
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Doch du, mein edler Freund, suchst diese Schmach zu rächen.
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Glückseliges Geschick! der Vorwurf schmerzt nicht mehr.
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Dein Beyfall ist zu schön; du lobest mein Beginnen,
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Dein Rühmen stellet mich zur klugen Breßlerin.
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Die Ehre ist zu groß, der Dank nicht zu ersinnen.
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Ich schwere daß ich nicht der Feder mächtig bin.
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Der Breßler Ruf schallt noch in unsern schönen Linden:
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Man liebt und preiset noch das mehr als kluge Weib.
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Sie suchte sich mit mir als Schwester zu verbinden,
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Was mir den Tag verkürzt, war auch ihr Zeitvertreib.
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Sie würde wohl dein Lob mit mir in Reime bringen,
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Pflicht und Erkenntlichkeit trieb unsre Federn an.
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Doch ihr erblaßter Mund heißt mich vor sie mit singen,
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Wenn ich gleich ihren Geist gar nicht erreichen kann.
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Dein Thon ermuntert mich, mich reizen deine Lieder.
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Wenn du die Seiten rührst, wenn deine Muse singt,
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So lassen sich zugleich die Gratien hernieder,
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Weil dein beliebter Schall durch Phöbus Wälder dringt.
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Gepriesen sey der Tag, an dem du mich besungen.
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Mein Ansehn steigt dadurch; die Spötter quälen sich,
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Daß ihnen auch bey dir ihr Endzweck nicht gelungen.
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Dergleichen Sieg ergetzt das Herz recht inniglich.
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Nun mögen tausend gleich auf meine Feder fluchen,
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Mich tröstet im voraus dein trefflicher Verstand.
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Wenn der – – mich nur will anzufrischen suchen,
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So leg ich auch das Blat so leicht nicht aus der Hand.
53
Du rühmest schon dein Glück, und weist mich kaum zu nennen.
54
Erhebe dich mein Freund; ich laß dir keine Ruh,
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Und lerne mich nur erst in unsern Linden kennen,
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Sprich mir nur ehestens in meinem Zimmer zu.
57
Hier endet sich mein Reim, doch nicht mein Angedenken
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Verbleibst du künftig noch mein so gewogner Freund;
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Will ich dasselbige dir auch im voraus schenken.
60
Ich ehre jedermann der es recht redlich meynt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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