10. Brief

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Christiana Mariana von Ziegler: 10. Brief (1727)

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Dein nett gesetztes Blat, das mir dein Wohlergehen,
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Hochwohlgebohrne Frau, vergnügt zu lesen gab,
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Erweckte mir viel Lust da ich es durch gesehen;
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Denn du drückst deinen Geist in allen Zeilen ab.
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Mir war, als hört ich dich mit mir persönlich sprechen,
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Denn es kann deiner Schrift, die deinen Geist entdeckt,
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So wenig als dem Mund, an Artigkeit gebrechen,
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Du sprichst und schreibst zugleich, geschickt und aufgeweckt.
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Die Muse hilft dir zwar die Feder niedlich schärfen,
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Doch hat die Schmeicheley dabey die Hand geführt,
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Die mein so schlechter Dienst mich billig heißt verwerfen,
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Weil dir dergleichen Lob, mir aber nicht gebührt.
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Wie magst du doch von mir ein solches Rühmen machen,
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Als wäre Clio mir vor andern zugethan?
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Beschäme mich doch nicht; sie wird selbst drüber lachen,
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Sie sieht dich ja gewiß mit holdern Augen an.
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Ists möglich daß du wohl mein Seitenspiel kannst preisen?
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O Freundinn, denke doch an deiner Lieder Klang,
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Was die für Majestet, für Geist und Feuer weisen;
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Im Musenchor hast du gewiß den ersten Rang.
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So oft mein Auge was von deiner Hand erblicket,
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Das die Calliope durch dich zum Vorschein bringt,
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So viel mals werd ich auch, ich schwer es dir, entzücket,
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Weil alles angenehm und mehr als lieblich klingt.
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Doch dieses kann mich gar nicht in Verwundrung setzen,
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Daß deine Poesie dir so viel Ruhm erwirbt,
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Und die gelehrte Welt dich vor geschickt muß schätzen,
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Wenn andern Kraft gebricht, und Geist und Glut erstirbt.
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Du wohnst an einem Ort, den sich die Pierinnen
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Mit ihrem Dichterprinz zum Leibgeding erkiest;
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Wo man die Hippocren sieht ungetrübet rinnen,
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Und wo der Sammelplatz recht guter Dichter ist.
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Dergleichen edle Kunst ist ihnen eigenthümlich,
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An statt der Muttermilch nährt sie der Musen Brust.
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Wer singt wie sie, so schön, so lebhaft und so rühmlich?
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Wer hört ihr Singen nicht mit stets verneuter Lust?
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Auch ihrer Töchter Geist erhebet sich im Dichten,
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Fällt liebste Freundinn, dir nicht die von Breßler ein?
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Die Schlesien mit Schmerz sah nach den Sternen flüchten,
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Auf deren Asche noch die Musen Weyrauch streun;
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Die haben dir gleichfalls ihr Feuer eingegossen,
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So bald ein edler Trieb aus deiner Stirne brach,
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Die haben in ihr Chor zugleich dich eingeschlossen,
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Drum singst du ihnen auch so rein und männlich nach.
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Allein wie wird sie nicht nunmehr dein Abschied kränken,
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Da sich anitzt dein Fuß aus ihren Grenzen reißt,
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Und nach Pannonien so unverhofft will lenken,
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Wohin Mars den Gemal, und dich ihm folgen heißt!
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Ach Freundin! willst du dich uns denn so gar entziehen?
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Da dieser Wink einmal zu unsrer Qual geschehn;
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Welch eine grosse Kluft muß ich bey deinem Fliehen,
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Nun leider zwischen mir und dir befestigt sehn;
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Dies dünkt mich, war bisher vor weit genug zu schätzen,
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Daß dich Elysien in seinem Schooß gehegt,
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Und da dein G – – nun den Stab will weiter setzen,
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So denke selbst, was mir das Schicksal auferlegt.
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Dergleichen schnelle Flucht läßt sich nicht leicht verschmerzen.
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Doch glaube, dieses wird stets meine Losung seyn,
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Je weiter aus dem Aug ie näher bey dem Herzen;
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Dies räum ich dir gewiß zum Angedenken ein,
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Zeug hin und laß mich auch, so weit du dich entfernest,
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Aus deinen Briefen sehn, was du mir sonst gegönnt,
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Daß du diejenige noch nicht vergessen lernest,
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Die dich die Zierde nur von ihren Freunden nennt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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