2. Schäferlied

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Christiana Mariana von Ziegler: 2. Schäferlied (1727)

1
Thyrsis! fragst du wo ich bin,
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Quält dich Sehnsucht und Verlangen;
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Klagst du mit bestürztem Sinn,
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Daß dir Doris ist entgangen?
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Ja sie floh, doch steht sie hier,
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Dir von weitem nach zu blicken,
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Da mich das Verhängniß dir
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Will aus Fluhr und Augen rücken.

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Frage nur den Wiederschall,
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Der durch Thäl und Wälder dringet,
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Und die Wörter überall
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Die er fängt, zusammen bringet.
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Frag ihn nur, ob Doris klagt,
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Die den Abschied schuldig blieben,
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Was sie dem entfernet sagt,
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Den sie noch muß zärtlich lieben.

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Holde Gegend, fettes Gras!
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Meiner Augen schönste Weyde,
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Wo ich oft mit Thyrsis saß,
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O was spührten wir für Freude!
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Ach, wie süsse roch der Klee,
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Der die bunten Wiesen zieret;
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Itzo hat ein herbes Weh
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Mich und meine Brust gerühret.

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Stolzer Bach! was rauschest du?
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Laß dein Rieseln stille schweigen.
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Höre mir, der Doris zu,
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Sie erkiest dich hier zum Zeugen.
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Sage meinem Schäfer an,
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Was du siehst für Thränen fliessen,
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Die dein Umfang gar nicht kann
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Mit in seine Quelle schliessen.

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Still, hier hör ich einen Klang,
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Es verdoppelt sich mein Klagen.
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Sucht vielleicht in diesem Gang
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Mich mein Thyrsis auszufragen?
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Träum ich, oder, hör ich ihn,
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Will ein Waldgeist mich verführen,
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Feige Doris willst du fliehn?
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Nein! ich such ihn auszuspühren.

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Eilt ihr Schäfchen! kommt mit mir,
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Laßt uns ihm entgegen gehen,
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Denn ich weis gewiß, daß ihr
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Seine Stimme müßt verstehen.
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Wißt ihr nicht, wie manches Lied
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Mir, und euch vielleicht, gefallen,
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Das mein Schäfer sonst bemüht
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Ließ auf eurer Weid erschallen.

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Schaut, dort kömmt er in der That,
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Ach, ich seh ihn schon von weiten;
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O du höchst beglückter Pfad!
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Den mein Thyrsis will beschreiten.
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Ja, dies hab ich wohl gedacht,
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Daß mein Ach! ihn müste rühren,
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Und auch bey der finstren Nacht
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Uber Stock und Steine führen.

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Holder Schäfer, zürne nicht,
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Wenn du mich entfernt gefunden.
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Wem das Schicksal wiederspricht,
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Dem ist Hand und Fuß gebunden.
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Dieses riß mich zwar von dir,
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Aber dich nicht aus dem Herzen,
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Doch vergiß es, weil es hier
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Uns vergnügt läßt wieder scherzen.

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Sage mir, du, den der Pan
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Als den Preis von unsern Hirten
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Gar nicht satt bekrönen kann,
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Schwer es mir bey seinen Myrrthen!
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Bist du, da man uns gestöhrt,
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Seit der Zeit auch treu geblieben?
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Hat was Fremdes, das entehrt,
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Was das Glück mir zugeschrieben?

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Doch, mein matter Schäfer gleicht
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Stummen Bäumen in den Thälern,
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Sucht ein Satyr hier vielleicht
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Meine Lieb und Treu zu schmählern?
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Rede doch, Gespiele, sprich,
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Hat ein Feind dich aufgehetzet,
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Daß du deine Freundin, mich,
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Hast so schnell hindan gesetzet?

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Ach ihr Sterne! was geschicht,
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Ist es möglich, daß ein Schatten,
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Mich, die doch kein Schlaf anficht,
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Läßt mit meinem Thyrsis gatten!
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Wahrlich, es ist nur ein Traum
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Und ein blosser Schein gewesen,
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Daß ich zuckersüssen Schaum
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Von des Schäfers Mund gelesen.

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Falscher Nachtgott quäle doch
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Mich nicht mit dergleichen Bildern!
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Willst du bey so schwerem Joch
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Mir noch meinen Abgott schildern?
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Den ich, da die Hoffnung trügt,
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Leider muß nunmehr vermissen;
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Was mich wachend nicht vergnügt,
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Mag ich auch im Traum nicht küssen.

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Rede Doris nicht zuviel,
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Da dich Zorn und Eifer treibet,
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Weil auch bey dem Schattenspiel
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Thyrsis doch dein Liebling bleibet!
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Wohl, ich will zufrieden seyn,
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Find ich ihn nicht in der Nähe,
103
Wenn ich nur von ihm den Schein
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Träumend in dem Schlafe sehe.

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Braune Nacht! verlängre dich,
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Laß den Hesper lange wachen,
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Daß ich ihn, mein ander ich
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Seh im Geist und Bilde lachen.
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Hat man doch wohl ehr gesehn,
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Daß ein Traum was prophezeyet.
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Hoffe fest, es kann geschehn,
112
Daß die That dich bald erfreuet.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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