1. Schäferlied

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Christiana Mariana von Ziegler: 1. Schäferlied (1727)

1
O scheltet immerhin
2
Mich einen Eigensinn;
3
Und sprecht: Der Galathee
4
Ihr Herz wär Eis und Schnee.
5
Ich lache nur darzu,
6
Wenn ihr die süsse Ruh
7
So frech und unerlaubt
8
Euch selbst, Gespielin, raubt,
9
Und keine Reyhen schließt,
10
Wo nicht ein Schäfer ist.

11
Die Lieb ist nicht vor mich;
12
Nein, Galathee läßt sich
13
Durch seufzendes Bemühn
14
Nicht in die Schlinge ziehn.
15
Der edlen Freyheit Trieb
16
Und Zug ist ihr zu lieb.
17
Ja, wenn es Pan auch wär,
18
Fänd er doch kein Gehör;
19
Von solcher Sclaverey
20
Bleibt dieses Herze frey.

21
Zwar lenkt mein Aug und Sinn
22
Sich nach Sylvandern hin,
23
Der, wo er nur erscheint,
24
Sich einzuschmeicheln meynt.
25
Doch daurt er mich fürwahr:
26
Denn unter unsrer Schaar
27
Kömmt ihm kein Schäfer bey
28
An Redlichkeit und Treu,
29
So in dem Herzen sitzt,
30
Ihm aus den Augen blitzt.

31
Das mehr als gute Thier
32
Schmiegt sich ja recht vor mir,
33
Ein jeder Tropfen Blut
34
Meynts mit mir herzlich gut.
35
Jagt ihn durch Dampf und Rauch,
36
Sylvander geht hier auch.
37
Er böthe Haut und Haar
38
Vor mich aus Liebe dar,
39
Und scheute, winkt ich nur,
40
Auch nicht des Grabes Spuhr.

41
Wie lang ists? Noch gar kurz
42
Schenkt er mir diesen Schurz
43
Der meine Hüften ziert,
44
Und mir fast nicht gebührt.
45
Ja heute noch gar früh
46
Fiel er vor mich aufs Knie.
47
Wie bat er nicht mit Schmerz
48
Um Galatheens Herz,
49
Und seiner Thränen Naß
50
Bespritzte Halm und Gras!

51
So oft sich nur ein Nest
52
Von Lerchen blicken läßt,
53
Bringt sie die gute Haut
54
Mir als vermeynten Braut;
55
Er theilt den Bissen Brodt
56
Mit mir, und leidet Noth.
57
Streckt seine Schäferinn
58
Sich bey den Buchen hin,
59
So schnarcht sie süsse hier.
60
Der Schäfer wacht bey ihr.

61
Bey früher Sonnen Lauf
62
Sucht er schon Kräuter auf,
63
Durch deren Umschlag man
64
Die Kranken heilen kann.
65
Kommt er nun aus dem Wald,
66
So schüttet er sie bald
67
In meinen Schooß hinein:
68
Das laßt mir Liebe seyn!
69
Gewiß er sorgt für mich
70
Weit mehr als selbst vor sich.

71
Das zwäng wohl manches Herz,
72
Das bey des Schäfers Schmerz
73
Nicht recht bewaffnet wär,
74
Zum Mitleid und Gehör.
75
Mich aber beugt es nicht,
76
So schön er thut und spricht,
77
So weis ich ihn doch fort,
78
Denn ein verliebtes Wort
79
Thut gleich der Galathee
80
In Herz und Ohren weh.

81
Weg mit dem Liebesjoch!
82
Mein Ohr verstopft sich doch
83
Vor allen Lockungsschall;
84
Ich folg der Nachtigall.
85
Das Körnchen, so sie frißt
86
Und von den Hufen liest,
87
Stellt sie sich süsser für,
88
Als alles was man ihr,
89
So gut es immer schmeckt,
90
In ihren Keficht steckt?

91
Wie kann mir besser seyn,
92
Als wenn mir ganz allein
93
Die schön beblümte Trift
94
Lust und Ergetzen stift?
95
Da wo ich in der Näh
96
Die Lämmer gehen seh;
97
Und, weil mein Ohr nichts hört,
98
Das mich durch Winseln stört,
99
Bey sorgenlosem Sinn
100
Vergnügt und einsam bin.

101
Da sitzet Galathee
102
Recht sanft auf Gras und Klee,
103
Und sieht in schönster Ruh
104
Nur ihren Heerden zu.
105
Sie weidet Aug und Brust;
106
Ihr Hector macht ihr Lust;
107
Der, wenn er sich nicht streckt,
108
Sich mit den Ziegen zeckt,
109
Die Böcke schekernd jagt,
110
Bald zwickt, bald anders plagt.

111
Da stellt die ganze Schaar
112
Mir einen Abriß dar,
113
Was ein selbst eigner Geist,
114
Und was die Freyheit heißt.
115
Was nur vier Beine hat,
116
Das springt und hüpft sich satt.
117
Es jauchzt in freyer Luft,
118
Und hasset Schmauch und Duft,
119
So oft es mit Verdruß
120
In Ställe kriechen muß.

121
Verliebte Schäfer, flieht!
122
Die Freyheit, so mich zieht,
123
Verkauft sich nimmermehr.
124
Hofft nur auf kein Gehör!
125
Und zwingt einst Tod und Grab
126
Mir Stock und Freyheit ab,
127
So senkt mich in den Sand,
128
Doch sonder Männer Hand;
129
Dies thät der Galathee
130
Auch noch im Grabe weh.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.