34. Ode

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Christiana Mariana von Ziegler: 34. Ode (1727)

1
Mich dünkt, ihr irret sehr, die ihr vielleicht aus Neid,
2
Wo nicht aus Unvernunft, bey Widerspruch und Streit
3
Den Ruhm und Werth, der sonst pflegt Männer zu erhöhen,
4
Dem weiblichen Geschlecht nicht auch wollt zugestehen.
5
Warum erhebet ihr doch jenes Volk so sehr?
6
Ist hier ein Unterschied? was hat denn jenes mehr?
7
Weis die Natur mit dem, womit sich jene brüsten,
8
Nicht dieses Volk so wohl, als jenes auszurüsten.

9
Stellt zwischen selbigem nur einen Wettstreit an,
10
Und seht so dann, wer siegt. Verblendter Loredan!
11
Was suchst du der Natur den Fehler beyzumessen?
12
Sie hat sich nicht verirrt; sie hat sich nicht vergessen.
13
Doch hat sie Clälien, der edlen Römerin,
14
Durch kluge Bildungskraft, den unbewegten Sinn,
15
Und solch ein Herz, das sich vor Männerleiber schicket,
16
In ihre zarte Brust zum Wunder eingedrücket.

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Verwegne! schmeichelt euch nicht mit dem Wahn zu sehr,
18
Als wenn das Frauenvolk von schlechterm Zeuge wär.
19
Der Klugheit Zeichen steht auch mit auf ihrer Stirne,
20
Ihr Kopf hegt, und vielleicht weit zärtlicher Gehirne.
21
Bemerkt nur ihre Kraft, Witz, Einsicht Feur und Geist,
22
Wie richtig die Vernunft im Urtheil fällen schleußt,
23
Wie lebhaft alles klingt, prüft ihre Macht und Stärke,
24
Sie zeigen, ists nicht wahr? der Welt oft Wunderwerke.

25
Wer sinnt wohl etwas aus, das Männern eigen bleibt,
26
Wozu der Eifer nicht zugleich auch jene treibt?
27
Wo sieht und spüret man ein Vorrecht, das sie haben?
28
Ein jeder Theil rühmt sich gleich ausgetheilter Gaben,
29
Wo man nur Künste zehlt, sich Wissenschaften weyht,
30
Erblickt man keine doch, wo die Vortrefflichkeit
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Des weiblichen Geschlechts sich nicht zugleich mit wiese,
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Und man es nicht zugleich so hoch als jene priese.

33
Apellens Mahlerkunst ist Weibern auch bekannt,
34
Sie schildern manches Bild mit mehr als netter Hand,
35
So klug Alcimedon in Kupfer weis zu prägen,
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So künstlich sehn wir sie auch Stahl und Nadel regen.
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Amphion rühme sich ja nebst dem Orpheus nicht,
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Als wär das Seitenspiel vor sie nur zugericht.
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Des Frauenzimmers Thon und Kunstgriff wird sie lehren,
40
Daß diese gleichfalls mit in ihren Chor gehören.

41
Ihr, ob gleich zarter, Leib scheut dennoch nicht Gefahr,
42
Sie stellen ihr sich oft so frisch als Männer dar;
43
Die Jagd, so insgemein kann tapfre Seelen rühren,
44
Wird auch den schlanken Fuß in ihre Fluren führen.
45
Menalcas ists nicht nur, der dort so muthig jagt,
46
Und über Stock und Stein sich in die Wälder wagt.
47
Die Welt kann heut zu Tag, will nur die Misgunst schweigen,
48
Noch Töchter hier und dar von Atalanten zeigen.

49
Kommt, die ihr bis anher von falschem Dunst verblendt,
50
Das weibliche Geschlecht ein schwaches Werkzeug nennt;
51
Laßt uns den muntern Blick nach solchen Plätzen lenken,
52
Allwo wir Männer nur allein zu finden denken.
53
Mein Griffel, der sich itzt aus seinen Schranken reißt,
54
Wirft sich zum Führer auf, verdoppelt Schritt und Geist.
55
Folgt ihm nur sicher nach, und sollt er es auch wagen,
56
Den halben Kreis der Welt deswegen aus zufragen.

57
Wo sind wir? wird es doch bey hellem Tage Nacht;
58
Da schneller Pfeile Zahl den Himmel finster macht.
59
Hier hat sich Mars gewiß ein Feld zum Streit ersehen,
60
Seht das Scharmützel an, das dorten wird geschehen.
61
Meynt ihr, daß alle die, so man gepanzert findt,
62
Und Bogen führen sieht, nur eitel Helden sind?
63
Nein; ihr betrügt euch sehr: ihr seht Amazoninnen,
64
Die streitbaren im Volk, und Scythiens Heldinnen.

65
Lenkt eure Augen itzt dort nach Auretten hin,
66
Mit was für Männlichkeit und unerschrocknem Sinn
67
Fällt sie dem Amurath, der Lesbus in Gedanken
68
Als Ueberwinder schon besteiget, in die Flanken?
69
Schaut Bondicäens Herz, das Löwen gleichet, an;
70
Wo ist ein Männerarm, der tapfrer fechten kann?
71
Der Einbruch will euch nicht, beschämte Römer glücken;
72
Wie blutig kann ihr Schwerdt euch hier zurücke schicken!

73
Was wird man nicht für Muth an Fulvien gewahr,
74
Wie kriegrisch stellt sie sich dem ganzen Heere dar?
75
Ihr Degen in der Faust soll Mann und Kämpfer lehren,
76
Wie man dem Cäsar muß Gewalt und Sieg verwehren.
77
Seht ihr Marullen nicht auf Wall und Mauren gehn?
78
Ists möglich, daß sich dies ein Weib mag unterstehn?
79
Ja, ja, die Heldin will, des Vaters Tod zu rächen,
80
Der Muselmänner Schwall den gelben Hals zerbrechen.

81
Mit was für Heldenmuth und echter Tapferkeit
82
Führt nicht Ladusia den Flügel in den Streit,
83
Den man ihr anvertraut? Was thürmt sie nicht für Leichen?
84
So, daß ihr schnaubend Roß vermag kaum auszuweichen.
85
Gebt acht, wie hitzig dort Camilla schlägt und kämpft,
86
Wie sie dem Turnus hilft, und seine Feinde dämpft;
87
O Fall! o harter Fall! Sie sinkt zu bald zur Erden;
88
Ein harter Küraß muß ihr Sterbebette werden.

89
Die zarte Frauenhand übt sich nicht nur allein
90
In Waffen, und will nur Bellonen dienstbar seyn,
91
Sie kann daneben auch bey ritterlichen Spielen
92
Mit eingesetztem Speer nach einem Kleinod zielen.
93
Trug Adelmunda nicht ehmals den Preis und Lohn,
94
Der vor den Siegenden bestimmet war, davon.
95
So stark bey dem Turnier ihr Feind auch wollte schäumen,
96
So must er doch gar bald den engel Sattel räumen.

97
Meynt ja, Bethörte, nicht, als führte die Natur
98
Die Männer nur allein auf jene Ehrenspur,
99
Die uns Minerva weist, die Arbeit zu versüssen.
100
Wenn gab sie das Gesetz, die Weiber auszuschliessen?
101
Wer sagt, sie hätte das, was man für Weisheit hält,
102
Den Männern nur allein zum Eigenthum gestellt?
103
Gar nicht; Und sollten sie sich nicht vergleichen können,
104
So will sie Pallas selbst der Frauen Mitgift nennen.

105
Wird man, schaut selber nach, bey jener Musenschaar,
106
Die Phöbens Hügel schützt, nur Männer bloß gewahr?
107
O was erblicken wir zugleich für edle Seelen,
108
Die alle weiblich sind? Wer kann die Köpfe zehlen?
109
Hier ist ein ganzes Heer, das sich mit Büchern trägt;
110
So viel Apollens Hayn auch Lorberreiser hegt,
111
So dürft er dennoch kahl, und ganz entblättert stehen,
112
Sollt jegliche gekrönt von ihm zurücke gehen.

113
Zwey Augen reichen nicht, so weit man um sich schaut.
114
Hier hat Accursia den Lehrstuhl aufgebaut,
115
Hört, wie dies kluge Weib von Lernenden umringet,
116
Bis in das innerste des Rechts der Römer dringet.
117
Dort zeigt Cassandra sich; sie hebt ihr Haupt empor,
118
Wie hell und lichte blitzt ihr Purpurhuth hervor,
119
Der ihr vor ihren Fleiß in der Asträen Orden
120
In ihrem Padua mit Ruhm zu Theil geworden.

121
Seht, wie Morata dort versteckt in Büchern sitzt,
122
Und über den Homer, den sie erläutert, schwitzt.
123
Wie dichtet Sappho nicht? Wie singt Des Houlieres,
124
Wie stark, wie feuerreich schreibt de la Sabliere?
125
Was giebt Roswita sich, was Roscia für Müh?
126
Das ist die Schurmannin, und dies die Scudery,
127
Die, sagt, wer sollte dies von einer Hand wohl denken?
128
Man der gelehrten Welt sieht achtzig Schriften schenken.

129
Dies hebet ja fürwahr? den wunderlichen Streit
130
Und Zwist auf einmal auf. Wem fällt die Herrlichkeit.
131
Des edlen Frauenvolks nicht gleich in das Gesichte?
132
Der Zweifel flieht numehr, der Vorwurf wird zunichte.
133
Dies, dünkt mich, wenn man es dem Neid entgegen stellt,
134
Verherrlicht selbiges gewiß vor aller Welt:
135
Allein, weit herrlicher wird sich ihr Wesen zeigen,
136
Wenn wir mit ihnen noch auf höhre Stuffen steigen.

137
Was für ein Schauplatz zieht sich hier bey unserm Lauf,
138
Erstaunt ihr nicht mit mir zugleich darüber? auf.
139
Wie? sieht man noch am Tag die Sterne glänzend flimmern
140
Wie viele sitzen da, die reich und prächtig schimmern?
141
Wer sind sie? blendet euch villeicht ein falscher Schein,
142
Als müsten alles dies nur lauter Prinzen seyn,
143
Die Stand und hohes Blut, aus welchem sie gebohren,
144
Zu grossen Königen und Herrschern auserkohren?

145
Ihr irrt euch in der That; schaut sie mit Ehrfurcht an,
146
Hier ist, betrogne Schaar, hier ist der Heldenplan,
147
Wo man die Göttinnen, so Reich und Land beschützen,
148
So klug als Prinzen sieht auf hohen Thrönen sitzen.
149
Sie weichen diesen nicht an Großmuth und Verstand;
150
Denn in dem glänzenden und herrlichen Gewand,
151
Womit die Majestet die Glieder pflegt zu decken,
152
Sieht man so wohl, als dort, auch Heldenseelen stecken.

153
So wichtig alle Welt die Kunst zu herrschen heißt,
154
So schwer sich in der Hand der starke Scepter weist;
155
Denn ein Regente muß wahrhaftig Göttergaben,
156
Von Löwen Stärk und Kraft, und Atlas Schultern haben;
157
So zeiget dies Geschlecht dennoch der ganzen Welt,
158
Daß eine Weiberhand, die man für wächsern hält,
159
Durch Einsicht und Verstand, Witz, Kunst, und kluges Dichten.
160
Kann Riesenwerke thun, was sie verstehn, verrichten.

161
Wie manchmal hat sie nicht schon sonst die Welt gelehrt,
162
Daß ihr der Vorzug doch, und zwar mit Recht gehört?
163
Muß Frankreichs achter Carl sich nicht vor Frauen schämen,
164
Die den Regierungsstab in ihre Hände nehmen?
165
O hätte Drusus dort, den Reich und Land verhöhnt,
166
Den Regimentsstab nur von selbigen entlehnt!
167
Und Wenzel würde nicht der träge Kayser heissen,
168
Man säh das Scepter nicht ihn aus den Händen schmeissen.

169
Ihr Völker! die ihr auch bey der verwirrten Zeit,
170
Im weiten Kreis der Welt so hier als dar verstreut,
171
Euch voller Demuth müßt vor Stab und Scepter beugen,
172
Den eine holde Frau auf euch zum Schutz will neigen;
173
Die ihr den güldnen Saum des Fürstenmantels küßt,
174
Sagt, wie gewogen euch das Himmels Schicksal ist.
175
Was läßt euch nicht der Schutz von diesen Herrscherinnen
176
Für Vortheil, Sicherheit, für Lieb und Huld gewinnen?

177
Wie viele haben nicht, fragt man das Alterthum,
178
Schon vor bemooster Zeit mit gröstem Preis und Ruhm
179
Das Ruder ihres Reichs so klug zu lenken wissen,
180
Daß wir sie wirklich noch bis itzt bewundern müssen?
181
Wer war Semiramis, die durch der Waffen Macht
182
Die Grenzen ausgedehnt, ihr Reich empor gebracht,
183
Und Babylon, die sonst der Städte Fürstin hiesse,
184
In ungeheure Wäll und Mauren fassen liesse?

185
Trug dies Sarmatien nicht Ruhm und Vortheil ein,
186
Daß Amage den Mann, der schläfrig wollte seyn,
187
Vom Throne muthig riß, und ihn dabey belehrte,
188
Was zu der Macht Besitz für Eigenschaft gehörte?
189
Wie weislich schrieb sie nicht Gesetz und Regeln vor?
190
Wie trieb sie nicht den Feind durch Gegenwehr zu Chor?
191
Wie tapfer half sie nicht von den gedrohten Ketten
192
Des wilden Scythenvolks die Chersoneser retten?

193
Wer weis nicht wie beherzt, und dies viel Jahre lang,
194
Cleopatra den Stab dort in Aegypten schwang?
195
Was that nicht Tomyris das Oberhaupt der Scythen,
196
Wie? hemmete sie nicht des grossen Persers Wüten?
197
Was fand nicht Cyrus hier für starken Widerstand,
198
Als er den liebsten Sohn in harte Fesseln band?
199
Wie schleunig sah er sich in Bergen eingeschlossen,
200
Wie häufig ist sein Blut im Streit herab geflossen?

201
Was für ein herrlich Lob erhielt Zenobia,
202
Die man als Königin dort in Palmyra sah?
203
Mir ist, als säh ich noch im Geist den Küraß blitzen,
204
Worinnen sie gewohnt war auf dem Thron zu sitzen;
205
Wie kräftig muste nicht ihr blosser Zuspruch seyn?
206
Durch den blies sie dem Heer ein männlich Feuer ein.
207
Die Römer haben oft ihr blutig Heft gefühlet;
208
Wie hat sie nicht den Muth an andern mehr gekühlet?

209
Ein mürbes Blat, das noch von alten Böhmen spricht,
210
Vergißt, schlagt selbsten nach, Libussens Namen nicht,
211
Ihr Ruhm daurt itzo noch; man weis nicht gnug zu sagen,
212
Wie klug und männlich sie den Fürstenhuth getragen.
213
Und Pohlen muste selbst der Venda zugestehn,
214
Es hätten, da man sie ließ durch die Wahl erhöhn,
215
Die Stimmen in der That nicht schöner fallen können,
216
Warum? ihr Eifer war ein Wunderwerk zu nennen.

217
Wirft man den regen Blick auf andre Reiche hin,
218
O wie erstaunt man da? mit was verwirrtem Sinn
219
Und halb betäubtem Geist stehn wir bey güldnen Bühnen,
220
Die zum geweyhten Sitz gekröhnter Frauen dienen!
221
Uns ist, als würden wir bezaubert und entzückt.
222
Denn ob man gleich die Tracht so Weiber ziert, erblickt,
223
So widerspricht uns doch ihr gar zu männlich Wesen,
224
Das gleich ein jeder muß aus ihren Augen lesen.

225
Die Zierde Cimbriens, das Wunder ihrer Zeit,
226
Margrethe, deren Geist, Verstand und Trefflichkeit
227
Noch in der Asche lebt, hat aller Welt gezeiget,
228
Wie hoch bey Weibern auch Verdienst und Würde steiget.
229
Der Kronen Kleeblat muß, o! kaum erhörte Last,
230
Die du, o Heldin, einst zugleich getragen hast,
231
Auch Prinzen später Zeit, den man es wird erzehlen,
232
Mit heisser Eifersucht, dir gleich zu kommen, quälen.

233
Wie löblich führte sie nicht den Regentenstab?
234
Wie blutig fertigte sie dort den Albertus ab?
235
Der ihr noch vor der Schlacht, die Nadeln scharf zu streichen,
236
Aus bitterm Hohn und Spott ließ einen Wetzstein reichen?
237
Sie braucht ihn, aber wie? so, daß bey solchem Spiel
238
Der Schimpf der Spötterey auf ihn zurücke fiel,
239
Dieweil er bey dem Streit mit Schmerz erfahren muste
240
Daß sie das Schlachtschwerdt wohl darauf zu wetzen wuste.

241
In welchen Theil der Welt drang nicht der Fama Thon
242
Von der Elisabeth, die nach der Britten Thron
243
Von Ost, West, Süd, und Nord hieß aller Augen fliegen,
244
So bald sie selbigen durch Erbgangsrecht bestiegen?
245
Wo hat es ihr ein Prinz im Herrschen vorgethan?
246
Schaut nur den grossen Geist, schaut ihre Staatskunst an,
247
Die sie aus Büchern selbst, gedoppelt Wunder! lernte,
248
Indem ihr Scepter sich niemals vom Kiel entfernte.

249
Wie klug klingt itzo noch das Urtheil unsrer Welt,
250
Das Sixtus, als ein Feind, dennoch von ihr gefällt!
251
Die Wahrheit hieß sie mit zu den drey Häuptern setzen,
252
Die man sollt ganz allein für herrschenswürdig schätzen.
253
So schwürig und verwirrt sie auch das Reich befand,
254
So wuste doch gar bald der Fürstinn starke Hand
255
Durch Großmuth und Verstand das alles zu vollbringen,
256
Was eine Männerfaust vorher nicht konnt erzwingen.

257
Neptun bewundert noch Elisabethens Macht,
258
Wodurch sie auf der See den Feind in Furcht gebracht.
259
Sah man nach Indien nicht Mast und Seegel fliegen?
260
Wie tapfer wuste sie dort Cadix zu besiegen?
261
Des stolzen Spaniers ganz ungeheure Zahl
262
Der Schiffe, welchen er aus Ehrgeiz anbefahl,
263
Der Britten Reich und Land den letzten Stoß zu reichen;
264
Muß ja mit Schaam und Schmerz der schwächren Flotte weichen.

265
Auch Oesterreich weist uns bey jener Zeiten Lauf
266
Dergleichen Heldinnen und hohe Seelen auf;
267
Ließ Margaretha nicht ehmals den Degen blitzen,
268
Der Niederländer Staat und Grenzen zu beschützen?
269
Hier war ein Männerherz in weiblichem Gewand,
270
Mit was für muntern Geist, und mehr als tapfrer Hand
271
Sah man die Heldin nicht Antwerpens Wall erfechten,
272
Und sich den Siegeskranz zu dem Triumphe flechten!

273
So schön lenkt Isabell auch dies Regierungs Schiff,
274
Die eine Zeit darauf nach solchem Ruder griff,
275
Ihr Ruhm ist ungemein, von dem bey unsern Tagen
276
Noch immer hier und dar die Zeitregister sagen.
277
Fällt euch, ihr Zweifler, nicht Ostendens Hafen ein,
278
Der, schien er allen gleich ein Wunderwerk zu seyn,
279
Woran ein Riesenheer den Kopf zerschellen müste,
280
Mit Ehrfurcht doch zuletzt den stolzen Heerstab küßte?

281
So gern der Franzmann auch, wie Wahl und Satzung weist,
282
Den Scepter aus der Hand der zarten Weiber reißt,
283
So must er ehmals doch, die Wahrheit zu bekennen,
284
Marien von Florenz zum Herrschen tüchtig nennen;
285
Sie wars, die statt des Sohns den Regimentsstab nahm,
286
Mit angeworbnem Heer dem Feind entgegen kam,
287
Und der Rebellen Schwarm, mit dem sie muthig kämpfte,
288
Zur Sicherheit des Reichs und ihrer Ehre dämpfte.

289
Wo bleibt der Gothen Haupt, der Schweden Wunderbild,
290
Christine? war sie nicht des Reiches Schirm und Schild?
291
Mit was für Klugheit hat sie ehemals regieret?
292
Der Länder Heyl besorgt, mit Feinden Krieg geführet?
293
O! was erhob sich da für Klagen und Geschrey,
294
Wie weinend lief das Volk, von Furcht gerührt, herbey,
295
Als sie, wer wollt es nicht für eine Großmuth achten,
296
Drey Kronen von sich warf, wornach so viele trachten.

297
Ja Völker, die man doch zu Barbaren stellt,
298
Halb wild und rauh benennt, für ungesittet hält,
299
Gestehn, daß eine Hand vom weiblichen Geschlechte
300
So viel als Männerkraft im Regiment vermöchte.
301
Legt uns die Pforte nicht die Trefflichkeit noch dar,
302
Die Achmets Mutter dort der Muselmänner Schaar,
303
Eh noch dies junge Haupt das Scepter konnte fassen,
304
Zu Kriegs- und Friedens Zeit recht rühmlich blicken lassen?

305
Sagt, Widerspenstige, kann es wohl möglich seyn?
306
Fällt euch nicht Annens Geist und edles Wesen ein,
307
Die Großbritannien, wo sie den Thron besessen,
308
Ja alle Welt noch nicht biß itzo kann vergessen?
309
Was nur ihr Witz erdacht, und ihre Hand gethan,
310
Das sahe man mit Recht vor Herculs Arbeit an,
311
Wiewohl sie diesen auch, der nur zwölf Thaten zeiget,
312
In ihrer Schlachten Zahl bey weitem übersteiget.

313
Wie lang hat Engelland, wenn man zurücke schaut,
314
An der Vereinigung der Reiche schon gebaut?
315
Vermocht auch wohl ein Prinz dergleichen Streit zu schlichten?
316
Nein; eine Königinn konnt alles dies verrichten.
317
Das stolze Gallien, das damals um sich griff,
318
Und den gefaßten Stahl zu vieler Nachtheil schliff,
319
Erfuhr, was Annens Schwerdt mit ihren Bundsgenossen
320
Vor überhäuftes Blut so hier als dort vergossen.

321
Ihr Russen, saget uns, was Catharina that,
322
Die vor den harten Riß des grossen Petrus trat.
323
Ihr saht sein Antlitz zwar, doch nicht den Geist verschwinden.
324
War zwischen ihm und ihr ein Unterschied zu finden?
325
Gar nicht; dies grosse Weib ließ, da der Fall geschehn,
326
Des Kaysers Ebenbild auf Thron und Wahlstatt sehn,
327
Und eben dieses macht, daß ihr nicht sonder Thränen
328
Der Heldinn Namen noch biß itzo könnt erwehnen.

329
Jedoch, ihr hemmet nun der treuen Zähren Lauf,
330
Und klärt mit allem Recht das Antlitz wieder auf;
331
Denn eine Kayserinn, hat Rußland zu vergnügen,
332
Schon den verwaysten Thron mit vollem Glanz bestiegen;
333
Sie schafft euch Heyl und Flor, schaut nur ihr Herrschen an,
334
Wie klug und männlich sie den Scepter führen kann.
335
Seht, wie sie Reich und Land, wonach ihr Auge blitzet,
336
Zum Wunder aller Welt durch Witz und Staatskunst schützet.

337
Betrügt mich nicht mein Blick, so hat sich Haß und Neid
338
Vor Angst und Furcht versteckt, weil solche Herrlichkeit,
339
Die man zu aller Zeit verehrt und hochgeschätzet,
340
Die Misgunst schweigend macht, und in Erstaunen setzet.
341
So hoch ihr auf dem Thron, gekrönte Frauen, sitzt,
342
Die Länder überseht, und in die Ferne blitzt,
343
Wird euer Auge doch dahin nicht blicken können,
344
Wo Famens lauter Ruf wird euren Namen nennen.

345
O zürnt und eifert doch, ihr Heldinnen, ja nicht,
346
Wenn meine Muse hier nicht so erhaben spricht,
347
Als eure herrlichen und Göttergleichen Gaben
348
Von Schreibern der Geschicht und Dichtern wollen haben.
349
Itzt merk ich allererst von blöder Furcht gerührt,
350
Wie frech die Dichtkunst mich verleitet und verführt;
351
Drum leg ich auch nunmehr, die kühne That zu büssen,
352
Hier den verwegnen Kiel beschämt zu euren Füssen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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