25. Ode

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Christiana Mariana von Ziegler: 25. Ode (1727)

1
Was für ein schnelles Todesschrecken
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Will Schlag und Schall von ohngefehr
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In unsern Mauren itzt erwecken?
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Wo rührt denn die Verwirrung her?
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Was heißt es, daß man ganze Haufen
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Von Volk durch alle Strassen sieht
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Gleich dem gescheuchten Wilde laufen,
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Und groß und klein mit Zittern flieht?

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Wie? ist etwan ein Feind vorhanden,
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Der unsre Ruh und Freyheit kränkt,
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Und bey dem Raub in Strick und Banden
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Uns allerseits zu schlagen denkt?
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Schallt nicht die Post schon in die Ohren:
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Flieht Bürger, warnet wen ihr kennt,
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Der Feind ist wirklich vor den Thoren
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Und hat Nicosien berennt.

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Weh uns! ich sehe schon von weiten
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Die aufgespannten Seegel wehn;
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Die sich mit aller Macht bereiten
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Auf uns gerüstet los zu gehn.
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Ists nicht ein Schwarm von den Barbaren?
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Er ist es, leider! wie wir sehn,
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Wie wird die Brut mit uns verfahren?
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Ach Schmerz! es ist um uns geschehn!

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Gefährten! auf! ergreift die Waffen!
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Kommt, macht durch tapfre Gegenwehr
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Der Muselmänner Schwarm zuschaffen,
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Und wenn er noch weit stärker wär!
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Wir fechten mit. Zerbrecht die Ketten,
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Erwürgt die wilde Kriegerschaar,
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Helft unsre Ehr und Freyheit retten,
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Denn beyde stehen in Gefahr.

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Wo nicht, so laßt uns eilends fliehen,
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Damit uns die Tyrannen nicht
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In die verfluchten Klauen ziehen,
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Die sie bereits auf uns gericht.
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Fort, Nympfen! suchet Kluft und Hölen,
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Verberget euch mit mir darein.
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Die müssen wir zur Freystadt wehlen,
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Wofern wir wollen sicher seyn.

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Allein, umsonst! der Räuber Menge
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Hemmt der erstarten Füsse Lauf.
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Wir kommen schon in das Gedränge.
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Wer hält die Furien wohl auf?
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Hier sind sie. Seht die Feuerballen,
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Die leider mehr als zugeschwind
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Auf uns gleich einem Hagel fallen,
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Und unser aller Mörder sind.

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O mehr als grausames Geschicke?
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Ists möglich, daß mir deine Macht
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Der Saracenen Band und Stricke
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In meiner Unschuld zugedacht?
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Erlaubt ihrs denn, erzürnte Sterne!
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Daß ich mich schwach und jammersvoll
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Von meiner Vater Stadt entferne,
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Und ihr den Rücken zeigen soll?

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Wollt ihr, daß ich den Trieb zur Tugend
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Des wilden Sultans geilem Kuß
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Schon in dem schönsten Flor der Jugend
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Mit Widerwillen opfern muß?
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Ja, ja, der Schluß ist so gefallen,
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Ihr wollt es, Störer meiner Ruh!
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Doch hört auch mich: Bey diesem allen
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Spricht doch Arnalda, Nein, darzu.

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Nein! Selim soll mich nicht erblicken;
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Denn Recas großmuthsvoller Sinn
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Wird ihm das Ziel gewiß verrücken,
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Wenn ich auch schon die seine bin.
69
Nein Barbar! die vermeynte Beute
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Fällt dir doch nicht in Arm und Schooß:
71
Denn die Gebundne reißt noch heute
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Sich von den Fesseln selber los.

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Ihr frechen Räuber eilt geschwinde:
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Spannt schleunig eure Seegel auf;
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Vollbringt die Farth bey gutem Winde,
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Ihr Sclaven! rudert tapfer drauf.
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Ihr sollt doch nicht Byzantz erreichen,
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Das euch die Hoffnung schon entdeckt:
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Ihr Thoren habt die Siegeszeichen
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Umsonst vor diesmal aufgesteckt.

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Verbannt, Gespielin, Angst und Zagen,
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Entreißt euch aller Traurigkeit
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Ich muß, ich soll, und will was wagen,
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Das mich und euch von Schmach befreyt.
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Mein Herze flieht die schnöden Flammen,
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Der Himmel stimmt selbst überein;
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Was Recht, Gesetz, Natur verdammen,
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Muß Menschen auch ein Abscheu seyn.

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Soll dies nicht Herz und Seel erschrecken,
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Wenn man, verfluchenswerther Kuß!
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Sich durch der Wilden Brunst beflecken,
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Und ihre Flammen löschen muß!
93
O Greuel! der nicht auszusprechen;
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Flieht Schwestern, die verhaßte Glut,
95
Säumt nicht, euch und auch mich zu rächen;
96
Ich opfre selbst vor euch mein Blut.

97
Ergreif Arnalda, Schwerdt und Feuer
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Auf, zünde, so geschwind man kann,
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Zu Trotze diesem Ungeheuer
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Dein fliegendes Gefängniß an.
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Spreng Schiff und Mast in tausend Stücken,
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Daß Tief und Höhe bebt und kracht,
103
Laß mir den letzten Streich noch glücken!
104
Welt, und Gefährten gute Nacht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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