22. Ode

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Christiana Mariana von Ziegler: 22. Ode (1727)

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Ich habe längst mein Seitenspiel
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Mit Vorbedacht von mir geschmissen,
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Und, weil es mir nicht mehr gefiel,
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Von ihm nichts weiter wollen wissen.
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Denn eine schwache Frauenhand
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Fühlt nicht das Feur, den heissen Brand,
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Der sich in Männeradern reget.
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Wir spielen, doch der Thon klingt matt,
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Dieweil er nichts von Anmuth hat,
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Und weder Geist noch Leben heget.

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Allein, die Muse winket mir;
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Sie zieht die fast zersprengten Seiten
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Aus ihrem Kerker heut herfür,
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Und will sie wieder zubereiten;
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Sie hilft und stimmt selbst mit daran,
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Und flammt mich ganz gewaltig an
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Dies mal so Mund als Hand zu zwingen.
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Wie? spricht sie, solltst du bey dem Fest,
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Das dich das Glück erblicken läßt,
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Die holde Freundinn nicht besingen?

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Auf! und versäume nicht die Zeit,
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Den so vergnügten Tag zu feyren,
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An dem die – – höchst erfreut
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Will ihrer Jahre Lauf verneuren.
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Sie wird von dir stets hochgeschätzt,
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Weil dich ihr Umgang so ergetzt,
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Der aller Beyfall hier erreichet;
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Bring ihr ein aufgewecktes Lied,
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Das unsrer – – ähnlich sieht,
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Und ihrem muntern Geiste gleichet.

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Doch dieses eben ist es auch,
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Was mich bey so gestalten Sachen
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Will wider meinen alten Brauch,
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Geliebte Freundin! furchtsam machen.
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Betracht ich Dich, und deinen Geist,
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Den man als unvergleichlich preist,
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So scheu ich mich Dich abzuschildern.
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Dein Conterfey das aller Welt,
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Anmuthigste! so wohl gefällt,
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Gleicht überhaupt den Tugendbildern.

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Woher nähm ich so Geist als Glut,
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Den deinigen recht auszudrücken?
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Denn was in deiner Seele ruht,
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Läßt uns viel feuriges erblicken.
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Dein Wesen, das sich uns entdeckt,
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Ist stets belebt und aufgeweckt,
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Doch auch mit Sittsamkeit verbunden.
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Und der so aufgeräumte Sinn
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Von dem ich selbst ein Zeuge bin,
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Versüsset uns so manche Stunden.

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Der holden Minen Freundlichkeit,
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Weis aller Huld Dir zu gewinnen.
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Die zeigt uns auch zu dieser Zeit
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Das Kleeblat dreyer Charitinnen.
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Was nur die Damen zieren kann,
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Trifft man bey Dir, Geehrte, an.
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Dein artiges und freyes Wesen,
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Das doch nicht aus den Schranken steigt,
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Die uns Vernunft und Wohlstand zeigt,
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Läßt uns gar nichts gezwungnes lesen.

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Der mehr als herrliche Verstand,
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Und Deiner Seelen edle Gaben
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Sind allen denen wohl bekannt,
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Die Dich das Glück zu kennen haben.
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Ja, hört man mit gelaßnem Sinn
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Dich angenehme Rednerin,
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So kann ein Wort die Herzen binden.
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Kurz, die Natur, die Dich gebaut,
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Ließ alles, was das Auge schaut,
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Erstaunend schön und trefflich finden.

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Was wunder? wenn auch Dein Gemahl,
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Der Dich in Herz und Arme schliesset,
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Wie sonst bey seiner Liebeswahl,
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Und itzt die schönste Lust geniesset.
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Der Tugend Mund, des Glückes Hand,
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Küßt er durch Dich; vergnügtes Band,
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Das, wünscht er, niemals mag zerreissen.
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Dieweil man das, was ihn ergetzt,
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Vor artig, ja vollkommen schätzt,
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Und Dich ein Meisterstück muß heissen.

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Doch, ich vergehe mich zu weit,
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Ich will allhier kein Loblied schreiben.
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Ich will nur bey der frohen Zeit
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Die Dich und mich vergnüget, bleiben.
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Auf! feyre mit erfreuter Brust
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Dein Fest in selbst erwünschter Lust,
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Geneuß so viel versüßte Stunden,
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Als man auf Florens Anmuthsbet,
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Das voller schönen Blüthen steht,
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Schon Blumen bis anher gefunden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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