Die Misgunst läßt je hier und dar

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Christiana Mariana von Ziegler: Die Misgunst läßt je hier und dar Titel entspricht 1. Vers(1727)

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Die Misgunst läßt je hier und dar
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Und überall die Klauen blicken,
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Man ist vor ihr stets in Gefahr,
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Denn sie sucht jeden zu bestricken.
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So gar ein Kind sagt uns von ihr,
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Und kann uns ihre Spuren zeigen.
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Sie geht uns nach, und solten wir
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Auch auf die höchsten Berge steigen.

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Ja was? auch in der Thiere Reich
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Hat man dies Unthier längst entdecket,
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Das nach geschehnem Wurfe gleich
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Die Jungen mit dem Gift beflecket.
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Begiebt sichs daß ein Hund ein Bein
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Von ohngefähr im Lauf ertappet:
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So wird so gleich ein andrer seyn,
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Der nach demselben neidisch schnappet.

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Pflegt sich nun dieses Natternkind
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Auch zu den Thieren zu gesellen,
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Ob sie gleich unvernünftig sind,
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Und gar kein Urtheil können fällen;
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Wie muß es vollends sich bemühn,
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Geschöpfe, die wir weise nennen,
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In sein verstricktes Garn zu ziehn,
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Daß sie auch andre fangen können?

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Ja wohl; sie herscht nur gar zu sehr,
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Besonders bey verliebten Seelen,
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Die sich unstreitig noch weit mehr
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Mit Haß und Neid, als andre quälen.
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Fragt nur Berillen, die weis euch
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Ein langes Lied davon zu singen;
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Wie manchen schlauen Fang und Streich
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Man ihr bemüht ist bey zu bringen.

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Kaum, daß sie mit dem Seladon
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Hier in Bekantschaft ist gerathen,
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So riechen andre Nymphen schon
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Von Eifersucht gereizt, den Braten.
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Sie dichten wahrlich Tag und Nacht,
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Wie sie dies Freundschaftsband zertrennen.
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Was haben sie nicht ausgedacht,
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Das sie ihr doch nicht zeigen können?

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Die eine, schaut die List nur an,
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Sucht ihn bey ihr so anzuschwärzen,
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Als meynt es dieser Spaßgalan
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Mit keiner einigen von Herzen.
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Die andre zischt ihr in das Ohr:
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Sie soll sich nur zu tode härmen,
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Man säh ihn mit der Bienenchor
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Von einem Baum zum andern schwärmen.

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Die dritte warnet sie vor ihn,
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Und sucht durch frevelhaftes Lügen
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Den Seladon von ihr zu ziehn,
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Um alle beyde zu betrügen.
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Ihr falscher Vorwand legt ihm bey,
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Als ob er, wenn er gleich nichts küßte,
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Ein Wäscher und ein Prahler sey,
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Der sich gar viel zu rühmen wüßte.

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Berille, glaube keiner nicht,
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Sie wollen dich nur hintergehen.
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Ihr scheel und falsches Angesicht
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Giebt dir es deutlich zu verstehen.
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Man suchet dir durch Rank und List
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Dies Leckerbißchen wegzufischen,
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Und dich, so redlich er auch ist
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Zu Zorn und Rachgier anzufrischen.

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Weist du, warum sie Tag und Nacht
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Mit ihrem Schmähen auf dich stürmen,
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Und Lügen, so die Mißgunst macht,
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So häufig auf einander thürmen?
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Es will ein jegliches darvon
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Sich bey der Schnabelweide laben,
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Und heimlich deinen Seladon
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Im Umgang ganz alleine haben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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