Wie habt ihr noch nicht gnug und satt

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Christiana Mariana von Ziegler: Wie habt ihr noch nicht gnug und satt Titel entspricht 1. Vers(1727)

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Wie habt ihr noch nicht gnug und satt;
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Ihr, die ihr euch pflegt zu bemühen
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Das Geld, das unser Erdkreis hat,
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In eure Klauen hinzuziehen?
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Ihr sucht es auch in Schlamm und Sumpf;
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Sind eure Klauen noch nicht stumpf,
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Von Scharren und Zusammenkratzen?
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Kömmt euch, da ihr so manche Nacht
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Schon habt mit Zählen zugebracht,
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Der Krampf nicht in die krummen Tatzen?

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Ihr werdet ja den Krüppeln gleich,
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Und dies durch heben, schleppen, tragen.
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Ists möglich, daß ihr dennoch euch
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Stets über Mangel könnt beklagen?
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Seyd ihr von Geiz bethört und toll?
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Man sieht ja alle Kasten voll,
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Hier ist nichts mehr hinein zu pressen;
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Ein jedes Fach ist voll gepfropft;
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Der weite Beutel ausgestopft;
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Kein leerer Winkel wird vergessen.

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O Thorheit! daß der Mensch so sehr
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Sich in dies güldne Kalb vergaffet,
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Und stündlich immer mehr und mehr
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Von Geld und Guth zusammen raffet;
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Er denkt und hoffet stets darauf;
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Als würd er vieler Jahre Lauf
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Wie dort Methusalem erreichen;
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Drum will er auch das schnöde Geld
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Das er für seinen Götzen hält,
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In grossem Maaß zusammen streichen.

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Seht, wie der Geizhals Harpax sitzt,
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In seinen güldnen Pallisaden,
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Und wie er bey dem Zählen schwitzt;
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Wie stark ist jede Hand beladen!
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Die Finger sehen kohlschwarz aus;
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Wie manche Post kommt da heraus?
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Wie sind die Zettel numeriret?
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Hat Crösus etwan sich allhier
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In diesem kostbaren Revier
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Sein reiches Schatzhaus aufgeführet?

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Und dennoch reicht es noch nicht zu,
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Den andern Nabal zu begnügen.
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Sein Herz läßt ihm auch da nicht Ruh,
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Wenn man sieht andre schlafend liegen.
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Er sinnet darauf Nacht und Tag,
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Wie er den Klumpen thürmen mag;
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Und seufzt nach einem gülden Regen;
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Er wünscht sich, wenn man aus dem Fluß
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Den kühlen Trank ihm bringen muß,
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Des Tagus gelben Sand zum Seegen.

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Meynt ihr etwan, ihr sähet ihn
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Deswegen so viel Geld erbeuten,
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Und was er kann, nur an sich ziehn,
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Die leckre Tafel zu bereiten?
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Sprecht ihr, er soll sich gütlich thun,
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Auf sanften Federn schnarchend ruhn,
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In Syndon und Asbest sich kleiden,
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Bey süssem Muscatellermost,
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Und auserlesner guter Kost
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Sich laben und in Wohllust weiden?

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Ach weit gefehlt! ihr irret sehr,
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Dies thät er freylich, wenn der Thore
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Auch Herr von seinem Gelde wär.
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Ihr predigt einem tauben Ohre.
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So oft die höchste Noth ihn zwingt,
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Und ihn um einen Heller bringt,
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Kann er nichts aus dem Kasten holen;
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Warum? das Geld ist ihm zu lieb,
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Drum hat er sich auch selbst als Dieb
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Den Schlüssel heimlich weggestohlen.

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Ist dies der reich beschriene Mann!
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Der uns das Geld in Tonnen zählet?
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O! seht doch seine Kleidung an,
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Mich dünket, daß sehr viel dran fehlet.
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Sein heisser Wunsch, sein ganzer Sinn
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Geht einig und allein dahin,
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Dort dem Ebräervolk zu gleichen,
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Das Kleid und Schuh stets ganz befand,
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So lange Jahr es durch den Sand
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Und dürre Wüsten muste streichen.

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Seht ihr was auf dem Tische stehn,
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Wenn andre sich die Tafel decken?
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Kommt: laßt uns mit zu Gaste gehn,
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Den kargen Filz nur zu erschrecken.
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Wie leer und finster sieht es aus?
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Hier kommt kein Schmeer noch Schmalz ins Haus,
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Denn auch ein Erdschwamm, Lauch und Eichel
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Ist ihm zu theuer in dem Kauf;
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Was träget denn der Knicker auf?
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Gar nichts; er lebt von seinem Speichel.

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Und recht; er kann ja nicht davor,
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Daß ihn die Noth nun heisset fasten;
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Die Geldsucht blies ihm stets ins Ohr,
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Die ließ ihn weder ruhn noch rasten.
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Und endlich ward ihm das gewehrt,
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Was Midas ehemals begehrt;
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Nun steht er auch in seinem Orden.
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Denn Bette, Kisten, Tisch und Bank,
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Doch leider! auch gar Speis und Trank
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Sind ihm zu lauter Gold geworden.

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Was hilft nunmehr dem reichen Thier
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Sein Schatz, den er gleich einem Drachen
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Mit Furcht und brennender Begier
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Zu seiner Quaal sucht zu bewachen?
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So viel, daß ihn die Welt verlacht,
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Und feisten Ebern ähnlich macht,
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Von denen sich kein Mensch im Leben
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Genuß und Vortheil leicht verspricht;
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Doch die, wenn man die Gurgel bricht,
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Ihr Fett uns zum Gebrauche geben.

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Ihr Erben! lacht, und freuet euch,
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Denn Harpax wird nicht lange laufen,
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Der Hunger macht ihn fahl und bleich
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Laßt Boy und Flor nur immer kaufen;
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Ihr lächelt schon, und thut auch recht.
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Dergleichen karger Mammonsknecht
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Will nach dem Tod Verschwender haben.
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Laßt die Gefangnen los und frey,
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Die Würmer schmausen auch darbey
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Wofern sie von der Haut was schaben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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