17. Ode

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Christiana Mariana von Ziegler: 17. Ode (1727)

1
Nein, nein, es bleibet doch dabey,
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So stark ihr mir auch wiederstreitet,
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Daß keine Neigung ärger sey,
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Als die, so uns zum Spiel verleitet.
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Ist nicht die Spielsucht eine Pest,
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Die sich nicht wieder dämpfen läßt,
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Wofern sie einmal Platz genommen?
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Hier ist ein solches Labyrinth,
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Darinn man keinen Ausgang findt,
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Ist man einmal darein gekommen.

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Die Seuche reißt entsetzlich ein,
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Es will das halbe Rund der Erden
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Der eitlen Lust gewidmet seyn;
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Zu einem grossen Spielhaus werden:
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Was nur die Finger regen kann,
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Das sieht die stummen Götzen an,
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Die bunt gemahlt auf Blättern stehen.
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Dies ist das Buch, das alle Welt,
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Vor so beliebt und edel hält,
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Dies muß oft über alles gehen.

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So mancher Ballen von Papier
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Die noch kein Rechner hat summiret,
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Wird aus den Mühlen dort und hier
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Dem Drucker täglich zugeführet.
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Die Pressen schwitzen Tag und Nacht;
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Der Schwengel wird ganz lahm gemacht,
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Dieweil itzt jedermann durch Schriften
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Sich bey der Welt, wenn sein Gebein
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Muß Grab und Würmern zinsbar seyn,
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Will einen grossen Namen stiften.

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Jedoch so viel sich Bogen auch
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Von Schriften angefüllet zeigen,
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Wird doch der häufige Gebrauch
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Der Karten jenen übersteigen;
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Was für Papier wird angeschafft,
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Das nur der Spielgott zu sich rafft!
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Welch Buch, und schrieben es Sybillen,
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Wird wohl so öfters aufgelegt?
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Der Meister der die Bilder prägt,
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Kann kaum der Käufer Hände füllen.

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Zieht, bitt ich, jenen Vorhang weg,
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Wer sind die, die beysammen sitzen?
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Was thun sie da? was ist ihr Zweck?
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Seht, wie sie vor Begierde schwitzen;
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Wie ehrerbiethig sind sie nicht?
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Hier ist ein Altar aufgericht,
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Den diese fromme Schaar umringet;
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Schaut, wie ein jedes reichlich giebt,
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Und mehr auf selbigen hinschiebt,
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Als man sonst in den Tempel bringet.

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Ist dieses nicht des Götzen Hayn,
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Dem man hier täglich räuchern siehet,
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Den alle Welt sucht anzuschreyn,
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Und sich um seine Gunst bemühet?
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Ja, ja, er ists, den jedermann,
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So weit und breit man blicken kann,
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Zu seinem Hausgott sich erwehlet;
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Der auf der Erden weitem Kreis
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Mehr Unterthanen kennt und weis,
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Als mancher Fürst im Lande zehlet.

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Ihr, die ihr ein gekleistert Blat
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Vor eurer Seelen Nahrung schätzet,
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Das Spiel so euch gefesselt hat,
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Zum fünften Elemente setzet;
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Mit todten Bildern Wollust treibt,
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Und selbigen euch ganz verschreibet,
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Sagt, wißt ihr euch nicht satt zu spielen?
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Ich dächt, ihr säßet euch fast krumm,
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Denn auch ein halbes Seculum
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Reicht nicht, die Spielsucht abzukühlen.

71
Ich schelte je das Spielen nicht,
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Wenn mancher es auch will verfluchen.
73
Der Mensch muß, wie ein Weiser spricht,
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In etwas sein Ergetzen suchen.
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Dergleichen Fluch wär allzuscharf.
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Kein mürrischer Verächter darf
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Die Unschuldsvolle Lust verdammen.
78
Der Misbrauch wird hier bloß berührt,
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Der, wie man leider oft verspührt,
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Pflegt von der Spielsucht herzustammen.

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Der Tag ist euch wohl recht verhaßt,
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An dem ihr nicht die Karten mischet;
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Wie lauret ihr auf einen Gast,
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Wie zielt ihr, bis ihr ihn erwischet?
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Ihr seyd vor Sehnsucht sterbens krank,
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Wenn dieses Buch in eurem Schrank,
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Soll eine Stunde müßig liegen.
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O haltet euch doch ja nicht auf,
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Beflügelt euren schnellen Lauf;
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Das Glücke wird euch nicht betrügen.

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Ists möglich, daß der Spielgeist euch
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So schändlich kann zu Sclaven machen?
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Ihr greift nach solchen Blättern gleich,
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So bald ihr nur pflegt aufzuwachen;
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Dies ist das Buch, so euch vergnügt,
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Wenn Cubach in dem Staube liegt;
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Da sieht man euch so lange blättern,
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Bis euch der Schlaf und Schlummer droht,
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Und doch könnt ihr mit Müh und Noth
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Vom Spiel kaum in die Federn klettern.

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Schämt euch, daß ihr so Tag als Nacht
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Vier stummen Königen müßt fröhnen,
103
Die euch ohn allen Zwang und Macht
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Zur Unterthänigkeit gewöhnen!
105
Die Welt belacht den schnöden Eyd,
106
Dadurch ihr denen dienstbar seyd.
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Die auf papiernen Thrönen sitzen,
108
Und wenn sie nicht mehr brauchbar sind,
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Dem, der am Toback Labsal findt,
110
Zuletzt noch kaum im Brennen nützen.

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Wie seyd ihr nicht darauf erpicht,
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Wenn ihr den Spieltisch eingenommen?
113
Ihr hört und seht im Spielen nicht;
114
So weit ist der Verfall gekommen.
115
Wenn euch ein Freund sein Herze schenkt;
116
Wer ist, der da an ihn gedenkt?
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Ihr liebet nur gemahlte Herzen,
118
Ein kleiner Blick, den ihr bemüht
119
Den lieben Blättern nur entzieht,
120
Setzt euch in tausendfache Schmerzen.

121
O schöner Anblick, der euch ziert!
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Wiewohl ihr alles dies nicht achtet,
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Weil ihr von Geiz und Lust verführt,
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Vernunft und Wohlstand nicht betrachtet.
125
Spielt euch, erhitzte Seelen, satt!
126
So lang ihr noch ein Kartenblat
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Könnt zwischen eure Finger fassen.
128
Und wenns der Tod euch nicht mehr gönnt,
129
So soll man euch ein Monument
130
Von Kartenblättern bauen lassen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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