16. Ode

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Christiana Mariana von Ziegler: 16. Ode (1727)

1
Wie fehlet doch die blinde Welt,
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In ihren abgeschmackten Schlüssen,
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Wenn sie die vor verschwendrisch hält,
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Die nett und groß zu leben wissen?
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Sie liebt die Knicker nur allein,
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Und ehrt den greuelhaften Narren,
7
Der in den tiefsten Sand und Stein
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Pflegt seinen Mammon zu verscharren.

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Ach dummer Pöbel! glaube nicht,
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Daß der sich Huld und Gunst erwecket,
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Der, auf das schnöde Geld erpicht,
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In düstre Winckel es verstecket;
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Gräbt man das Gold und Silber wohl
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Deswegen aus dem Schacht der Erden,
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Damit es wieder heimlich soll
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In selbigen vergraben werden?

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Gar nicht; es läßt es die Natur
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Aus den verborgnen Adern blitzen,
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Damit es nach entdeckter Spur,
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Den Bürgern unsrer Welt soll nützen.
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Der Thore heißt zwar Herr darvon;
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Und doch wird ihm die Herrschaft mangeln,
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So viel man auch von ferne schon
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Ihn täglich sieht zusammen angeln.

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Ihr, die ihr fett und niedlich lebt;
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So bald ihr aus den Federn schleichet,
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Der Kehle süß Getränke gebt,
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Dem Gaumen Leckerbißchen reichet;
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Die ihr in weichen Kleidern stutzt,
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Kehrt euch nicht an der Welt ihr Lästern,
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Zeigt, daß ihr euch weit besser putzt,
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Weit besser eßt und trinkt als gestern!

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Nur immer wacker drauf gezehrt!
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Das Fach wird noch in langen Jahren
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Nicht auf ein Drittheil ausgeleert,
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Ihr könnt nicht auf den Boden fahren;
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Der Kasten ist zu tief und groß;
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Wollt ihr gleich alle Stunden greifen;
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Ihr werdet doch das Geld nicht los,
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Es wird sich immer wieder häufen.

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Es kam euch ja nicht sauer an:
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Ihr habt es nicht durch Müh erworben;
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Das, was bisher euch sanft gethan,
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Ist euch von andern zugestorben.
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Entschlafner, theurer, lieber Greis!
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Du würdest selbst im Grabe lachen,
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Wenn sich dein Erb auf deinen Schweiß
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Nicht sollt ein frohes Stündchen machen.

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Gar recht; wozu soll das Metall
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Im Kasten schimmeln, und verrosten?
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Was würde dies auf solchen Fall
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Nicht wieder auszuputzen kosten?
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Die Männer schnappen nach der Luft;
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Ihr Harnisch drückt zu sehr die Hüften.
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Entreißt sie Moder Qualm, und Duft,
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Was könntet ihr wohl bessers stiften?

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Erlöset, die so lange Zeit
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Im Kerker eingeschlossen waren,
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Laßt, wie der Himmel selbst gebeuth,
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Das Brodt stets übers Wasser fahren.
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Wohl euch, daß ihr das Herze nicht
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An solchen Schlamm und Koth laßt kleben,
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Man kann euch, wenn das Auge bricht,
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Doch nichts davon ins Grab mitgeben.

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Seht andre lockre Seelen an,
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Wie die sich wissen aufzuführen,
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Hier wahrlich ist vom reichen Mann
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Ein rechtes Ebenbild zu spühren.
69
Wie herrlich lebet nicht Sempron,
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Der aller Augen auf sich wendet?
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Was schmäht ihr? Meynt ihr, daß er schon
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Sein Haab und Guth bereits verschwendet?

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Ihr thut ihm Unrecht; irr ich nicht,
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So lebet er ganz eingezogen,
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Was man von seinem Prassen spricht,
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Ist, mit Erlaubniß, gar erlogen.
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Hier ist kein Aufgang, wie man sieht,
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Ihr könnt aus Tracht und Speise schliessen,
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Wie sehr er Pracht und Aufwand flieht,
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Sein Gut vernünftig zu geniessen.

81
Betrügt mich nicht ein falscher Schein,
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So seh ich ihn vor Fleiß recht schwitzen,
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Und in dem Zimmer ganz allein
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Mit unterstütztem Haupte sitzen.
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Was sinnt er doch? was liest er wohl?
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Ach! es sich des Plutarchus Lehren,
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Wie man recht sparsam leben soll,
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Um die Verschwendung abzuwehren.

89
Ja, ja, er liest; doch nun zu spät,
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O, hätt er doch vor langen Tagen
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Das, was hier aufgezeichnet steht,
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Statt einer Vorschrift aufgeschlagen.
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Des Weisen Rath hilft ihm nicht viel;
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Da nun die Vögel ausgeflogen,
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So wird bey diesem Trauerspiel
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Umsonst der Keficht zugezogen.

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Du, der du noch bey guter Zeit
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Stets herrlich und in Freuden sassest,
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Doch bey dergleichen Herrlichkeit
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Den Schluß der Rechnung gar vergassest,
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Sag uns, was denkst du wohl bey dir,
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Da sich die Scenen so verdrehen,
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Und man dich kahl und nackend hier
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So, wie des Plato Hahn sieht stehen.

105
Wie schmecken dir, Verschwender, nun
106
Die schmahl und mehr als magern Bissen,
107
Auf ein gespicktes Haselhuhn,
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Das deinen Zähnen wird entrissen?
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Schleicht nach dem zuckersüssen Wein,
110
Bey dem man dich sah täglich lachen,
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Der strenge Trank auch glatt hinein,
112
Der deine Kehle rauh will machen?

113
O herber Wechsel, welcher dich
114
Und deines gleichen mehr betroffen!
115
Allein, kein Mensch verwundert sich,
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Man konnte hier nichts anders hoffen.
117
Die Regel trifft wohl richtig zu,
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Und kann der Welt zur Warnung taugen:
119
Wer täglich so gehaust, wie du,
120
Der muß hernach die Klauen saugen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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