So still ihr Dichter unsrer Zeit!

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Christiana Mariana von Ziegler: So still ihr Dichter unsrer Zeit! Titel entspricht 1. Vers(1727)

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So still ihr Dichter unsrer Zeit!
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Seyd ihr auf einmal stumm geworden?
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Klingt denn gar keine Flöte heut
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In eurem ganzem Musenorden?
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Und ihr besonders, die ihr hier
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In unsrer Linden Lustrevier
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Die helle Leyer laßt erschallen,
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Ist euch zum Dichten Sinn und Muth,
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Lust, Neigung, Lieb und alle Gluth
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Auf einmal gleich so schnell entfallen?

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Macht etwan euch des Titans Brand,
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Der seiner Stralen Macht entdecket,
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So laß, daß ihr euch an den Strand
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Der trägen Pleisse schläfrig strecket?
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Ihr seyd ja sonsten munter gnug,
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Und fühlt den heissen Trieb und Zug,
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Die Thöne hell und rein zu zwingen;
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So bald Minerva nur ein Fest
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Durch ihre Freunde feyren läßt,
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Hört man euch ja gar männlich singen.

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O matte Geister! wißt ihr nicht,
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Was man, so weit der Ruf nur gehet,
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Von jenem Wunderbilde spricht,
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Das Welschlands alten Ruhm erhöhet?
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Ein jeder Sitz, der Musen nährt,
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Bewundert dessen hohen Werth,
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Und wünscht sich selbiges zu kennen:
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Wo man in der Gelehrten Reich
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Sich nur bespricht, hört man so gleich
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Der Weisen Bassi Namen nennen.

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Dies wißt ihr längst, so gut als wir;
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Und dennoch stocken eure Flöten,
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Ihr werdet, hoff ich doch, vor ihr,
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Und ihren Lorbern nicht erröthen;
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Zwingt ja das Rohr, damit die Welt
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Nicht auf den Argwohn einst verfällt,
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Ob hättet ihr das was geschehen,
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Von Neid und Misgunst angeflammt,
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Geschickte Dichter insgesammt,
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Mit schelen Augen angesehen.

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Denkt nicht, als müste Pallas nur
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Vor Männer Ehrenkleider weben.
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Meynt ihr, euch hätte die Natur
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Das Recht darzu allein gegeben?
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Ach weit gefehlt. Wisst ihr denn nicht,
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Was Seneca von Weibern spricht?
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Der kann euch euren Stolz benehmen.
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Befragt nur diesen weisen Greis,
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Ob nicht ein Frauenzimmer weis
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Die Männer vielmals zu beschämen?

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Ja wohl, sie haben nichts voraus:
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Was fänden wir denn zu beneiden?
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Der Körper nur, das Seelenhaus,
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Kann uns von ihnen unterscheiden;
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Sagt, wie viel Sinne habet ihr?
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Zählt sie nur selbst: Nicht mehr, als wir.
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Wohnt Witz in einer Männer Stirne,
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So hat auch dieser Satz sein Recht:
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Es steckt dem weiblichen Geschlecht
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Kein Spinngeweb in dem Gehirne.

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Geehrtes Mitglied unsrer Schaar,
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Du beste Zierde unsrer Reihen;
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Dergleichen Lorbern sind zwar rar,
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Man sieht sie nicht so häufig streuen;
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Doch hat vorlängst das Alterthum
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Zu unserm allgemeinen Ruhm
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Schon deren Bilder abgerissen,
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Die sich in der Gelehrten Tracht
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Zugleich auch weltberühmt gemacht,
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Und die wir noch verehren müssen.

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Ich glaub, es hat bey diesem Fest
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Da man den Lehrstuhl Dir gesetzet
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Sich der Cassandra Aschenrest
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Geregt, und sich zugleich ergetzet.
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Ja, ja, der Gotzadinen Geist
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Ist diesem Wunder nachgereist,
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Sein Ebenbild allda zu finden.
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Und Losa Schatten war nicht weit,
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Als Pallas Deiner Trefflichkeit
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Ließ die verdienten Kränze winden.

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Des Kleeblat stand o Heldinn, Dir
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Unfehlbar immer für den Augen;
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Dies konnte deiner Ehrbegier
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Gewiß zum schönsten Muster taugen.
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O schöner Neid, der Dich entflammt,
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Und wirklich von der Tugend stammt!
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Du trittst nunmehr in jener Orden,
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Und bist den Wundern jener Welt,
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Den man dich an die Seite stellt,
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An Witz und Würde gleich geworden.

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So hoch sich der Olympus zieht,
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Der fast die Wolken kann erreichen
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So muß er doch, wie man itzt sieht,
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Bologna, deinem Pindus weichen.
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Der raubet nun durch Famens Schall,
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Den Preis und Vorzug überall
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Den Musenhügeln unsrer Erden.
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Durch Laurens Weisheit, Kunst und Fleiß
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Wird künftig deiner Mauren Kreis
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Das Haupt der hohen Schulen werden.

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Auf! welsche Musen, säumet nicht,
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Ein Opferlied ihr anzustimmen;
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Hört ihr nicht, was Apollo spricht?
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Laßt euer Rauchfaß helle glimmen.
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Verehrt dies Wunder unsrer Zeit
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Durch eurer Seiten Lieblichkeit;
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Brecht Aest und Zweige von den Höhen,
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Den Weg zum Hörsaal zu bestreun;
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Es wird einst euer Lorberhayn
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Dadurch in schönerm Wachsthum stehen.

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Schmückt ihren Lehrstuhl tief gebückt,
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Und setzet euch zu ihren Füssen,
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Der Weisheit Nectar höchst beglückt
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Von ihren Lippen zu geniessen.
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Wer Ohren hat, der öffne sie;
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Und habt ihr einst durch Fleiß und Müh
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Minervens Heiligthum erstiegen;
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So sprecht: Der Bassi kluger Kiel,
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Der uns und aller Welt gefiel,
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Gab uns die Kraft dahin zu fliegen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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