Geliebter Bruder, eil zurücke

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Christiana Mariana von Ziegler: Geliebter Bruder, eil zurücke Titel entspricht 1. Vers(1727)

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Geliebter Bruder, eil zurücke,
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Wie! fällst Du gleich auf einen Streich!
3
Was seh ich in dem Augenblicke?
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Sagt, was ist dem Verluste gleich?
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O Schmerz! der mehr als groß zu nennen,
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Der ewig unbeschreiblich bleibt.
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Ich lasse mich von dir nicht trennen,
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Bis mich der Gram von hinnen treibt.

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Erblaßter Mund, erstarrte Glieder!
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Mein Bruder, den ich so geliebt,
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Dein Tod schlägt Muth und Geist darnieder,
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Ich bin bis in den Tod betrübt.
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Nichts kann mir den Verlust ersetzen,
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Nun ist mir alles einerley.
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Ist auf der Welt was hoch zu schätzen,
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Kommts doch nicht Deinem Werthe bey.

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Es mögen andre sich vergnügen
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Am allerschönsten Zauberblick.
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Kein reizend Wort kann mich besiegen,
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Ich denke stets auf Dich zurück.
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Ich seh den tapfern Sebel blinken;
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Wie muthig drangst Du in den Feind.
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Jedoch, Dein Heldenmuth muß sinken,
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Dein Fall kam, eh man es vermeynt.

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So lauten, Freund, die bittern Klagen.
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Doch halt aus wahrer Großmuth ein.
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Ein Held muß streiten, und sich wagen,
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Wie kann er sonst ein Sieger seyn?
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Will sein Geschick ihm wiederstreben,
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So wagt er auch den letzten Hauch.
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Sein Leben tapfer aufzugeben,
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Ist jedes edlen Helden Brauch.

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Im Kriege denkt man nicht ans Rechten,
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Da trifft der Sebel Mann vor Mann.
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Da schreckt das Herz kein blutig Fechten,
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Es würget, was nur würgen kann.
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Die Luft erthönet von dem Trosse,
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Es eilet alles zu dem Streit.
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Das Schnauben von dem muntern Rosse
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Verdoppelt Muth und Tapferkeit.

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Hier stirbt man auf dem Bett der Ehren,
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Man schreibt der Helden Thaten auf.
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Die Nachwelt muß davon noch hören.
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Der Greis erstaunt, und merket drauf;
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Ja er erzehlts den zarten Kindern,
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Und das erhitzt ihr edles Blut,
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Sie lassen sich dereinst nicht hindern,
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Und fechten mit gleich tapferm Muth.

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O Freund! so sinkt dein liebster Bruder!
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Du schiffst auf einer Thränensee,
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Hier starrt die Hand, hier fällt das Ruder,
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Ach es geschieht Dir gar zu weh!
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Gesetzt, Du fluchst den wilden Pohlen
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Und dem verdammten Kugelbley,
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Dadurch wirst Du Dich nicht erholen;
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Auf, mache dich vom Kummer frey.

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Dein tapfrer Bruder kann nicht sterben,
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Sein wahrer Ruhm erfüllt die Welt,
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Er hinterläßt den nächsten Erben
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Ein solches Guth, das nicht hinfällt.
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Das Lob erbt auf die späten Ahnen,
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Das hier sein Heldenarm erwarb,
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Da er bey seines Königs Fahnen
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Im Streiten, wie ein Löwe starb.

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Was seh ich durch die Wolken dringen?
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Mich dünket, daß man dort dem Held
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Sucht das gestirnte Kleid zu bringen,
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Das ihm die Ewigkeit bestellt.
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Sein Bildniß leuchtet durch die Sterne;
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O Glanz! o ungemeiner Strahl!
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Wir sehen Dich zwar in der Ferne;
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Doch dieser Schein vertreibt die Quaal.

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Durch diesen Trost erhol Dich wieder,
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Man hat ihn ja verklärt erblickt.
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Was schlägt Dich noch der Kummer nieder,
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Da ihn des Himmels Lust entzückt?
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Nur schenk ihm noch dein Angedenken,
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Dies laß ganz unverweslich seyn.
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Wird man Dich einstens selbst versenken,
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So nimm es mit ins Grab hinein.

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Indeß wünscht jeder, der erkennet,
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Was Tugend, und was Adel heißt;
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Der Dich und deinen Namen nennet,
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Dir zweyfach Leben, Kraft und Geist.
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Dein kluges und gelehrtes Wissen,
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Das manchen in Verwundrung setzt,
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Läßt uns auf ferne Zeiten schliessen;
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In Marmor wird Dein Ruhm geätzt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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