Sagt, Musen! was bedeutet dies

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Christiana Mariana von Ziegler: Sagt, Musen! was bedeutet dies Titel entspricht 1. Vers(1727)

1
Sagt, Musen! was bedeutet dies,
2
Daß unser Lorberwald erzittert;
3
Droht ihn etwan ein Erdenriß,
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Der ihn von weitem schon erschüttert?
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Was für ein ungewohnter Blitz
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Umstralt den schattenvollen Sitz?
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Will Zeus durch Keil und Donner schrecken?
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Wie? speyt vielleicht bey Wuth und Graus
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Vesuv und Hekla Flammen aus,
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Die sich bis zu den Wolken strecken?

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Ihr schweigt! doch Fama, wie man sieht,
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Scheint unsrer Gegend zuzueilen,
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Ja, ja, sie kömmt; und ist bemüht
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Uns sichre Nachricht mitzutheilen.
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Bethörte! ruft sie, hört ihr nicht,
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Daß Mavors ganz im Zorne spricht?
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Er will nicht nur mit Worten dräuen;
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Seht, wie er nach dem Küraß greift,
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Sein halb verrostet Schlachtschwerdt schleift:
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Wer wollte nicht sein Wüten scheuen?

21
O, laßt uns doch von ferne stehn,
22
Das wilde Schauspiel anzusehen;
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Und nach dem Platz das Auge drehn,
24
Wo das Gefechte wird geschehen.
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Ihr Musen, kommt, und geht gemach
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Dem Wüterich, dem Stürmer nach,
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Entwerft sein Thun in neuen Schriften:
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Ihr wißt, daß seiner Grausamkeit
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Die Griffel der verwichnen Zeit
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Ein mehr als schrecklich Denkmal stiften.

31
Betrügt mich nicht der Augenschein,
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So spür ich dort schon ein Getümmel.
33
Man sieht bey Rasen, Lermen, Schreyn,
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Vor Dampf und Staub kaum noch den Himmel.
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Ja, ja, es tummelt sich nunmehr
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Mit seinem ungeschlachten Heer,
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Der Bluthund auf den Ländereyen:
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Da ist die tolle Hand bemüht;
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Da hilft, wie man mit Schrecken sieht,
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Kein Bitten, und kein trotzig Dräuen.

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Welch Blutbad! schaut, ihr Musen, an,
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Wie die Barbaren metzeln können;
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Was Rach und Grimm verüben kann;
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Wie grausam ihre Blicke brennen.
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Wie viele streckt nicht Schwerdt und Rohr;
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Man stelle sich den Blutstrom vor,
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Der hier die Felder überschwemmet;
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Und dessen roth gefärbte Fluth
49
Bey schnellem Lauf und wilder Wuth,
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Kein Damm, kein starkes Schutzwehr hemmet.

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Seht, wie der Mordgeist überall
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Den Stahl erboßt, und hitzig wetzet,
53
Wie der gedungnen Krieger Schwall
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Zugleich mit in die Gegner setzet.
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Hier fallen ganze Scharen hin.
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Sein Blutdurst und entbrannter Sinn
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Läßt sich nicht eher wieder stillen;
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Als bis er nach vollbrachtem Schlag
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Die ganze weite Flur vermag
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Mit kalten Leichen anzufüllen.

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Verhaßter Blick! der uns in Graus,
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Furcht, Schrecken, und Erstaunen setzet.
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Wie greulich sieht die Wahlstatt aus,
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Woran sich der Tyrann ergetzet!
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Da liegt ein Schedel, dort ein Arm;
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Hier siehet man Kaldaun und Darm
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Aus der Entleibten Bauche quellen;
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Dazu sich ein verrecktes Roß,
69
Das ebenfalls ein Rohr erschoß,
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Im nahen Tode will gesellen.

71
Hört nur das ängstliche Geschrey,
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Das Jammern, Winseln, Heulen, Klagen,
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Das man bey solcher Raserey
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Hört in die bangen Thäler schlagen.
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Wie kocht das Herz! wie schäumt der Mund!
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Wie schluckt und rächelt Kehl und Schlund
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Der Armen, die verscheiden sollen!
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Die nach erlittnem Streich und Stich,
79
Nunmehro diesem Wüterich
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Den allerletzten Odem zollen.

81
Blickt hinter euch, da werdet ihr
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Ein ander blutig Schauspiel finden.
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Der wilden Krieger Wuth will hier
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So gar die todten Steine binden,
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Sie fällt, so tobend sie nur kann,
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Die stummen Wäll und Mauren an,
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Und strebt auch da nach Siegespalmen;
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Sie sucht durch Minen und Geschoß,
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Den stärksten Thurm, das beste Schloß
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In tausend Stücken zu zermalmen.

91
Wie? donnert nicht schon manch Geschütz,
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Wovon der Abgrund selber zittert;
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Es ist, als wenn von Schlag und Blitz
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Des Himmels hohe Feste schüttert.
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Mich dünkt, es will des Stürmers Faust
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Die hier so schrecklich lermt und haust,
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Den halben Theil der Welt verheeren;
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Er braucht die äusserste Gewalt,
99
Als wollt er Feld und Hügel bald
100
Zerstäuben und in Nichts verkehren.

101
Schlag, der den Ohren schrecklich fällt!
102
Knall, der auch weit und breit betäubet!
103
Ists möglich, daß in aller Welt
104
Ein Stein noch auf dem andern bleibet!
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Wer zählt der Mörser Menge wohl,
106
Die man bis zu der Sterne Pol
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Sieht mit entflammten Ballen spielen;
108
Und die bey dem erfolgten Fall
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Den ungeheuren dicken Wall
110
Zerschmettern, und im Grund durchwühlen.

111
Wen setzt nicht bey dergleichen Noth
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Das laute Donnern der Kartaunen,
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Das Menschen, Thurm und Mauern droht,
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In Furcht und Zittern, und Erstaunen?
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Weh dir, du höchst bedrängte Stadt,
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Die man erhitzt berennet hat,
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Die man im härtsten Sturm bezwinget!
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Wie macht der Feuerkugeln Schwarm
119
Den höchst bestürzten Bürger warm,
120
Da er in Stadt und Häuser dringet.

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Da stürzt ein stolzer Thurm herab,
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Der fast im Augenblick verschwindet,
123
Worunter mancher Tod und Grab
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So unverhofft, als schrecklich findet.
125
Hier lodert wieder ein Pallast,
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Der plötzlich Gluth und Flammen faßt,
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So bald ein Wurf nach ihm geschehen:
128
Hier zeiget sich das alte Spiel,
129
Wie Troja dort im Schutt verfiel,
130
So daß wir keinen Stein mehr sehen.

131
Hilf Himmel! was erhebt sich dort
132
Für ein erstaunenswürdig Krachen?
133
Will etwan schon ein Allmachtswort
134
Den Erdenball zum Chaos machen?
135
Nein, Musen! des Salpeters Macht
136
Den Mars bis in den Grund gebracht,
137
Zerreißt den Boden durch sein Knallen;
138
Er sprengt empor was ihn gedrückt,
139
Ach! seht, wie aus der Luft zerstückt
140
Die Körper ganzer Scharen fallen.

141
Meynt ja nicht, daß der Wüterich
142
Nun endlich wieder still wird sitzen;
143
Werft nur das Aug auf jenen Strich,
144
So seht ihr schon sein Mordschwerdt blitzen.
145
Es zeiget sich ein fliegend Heer.
146
Ists nicht, als wenn hier Pluto wär
147
Mit ungezählten Höllenscharen?
148
Ists nicht, als wär in voller Wuth
149
Der Furien verdammte Brut
150
Aus Orcus Schlund heraus gefahren?

151
Tyranne! wie verfährest du?
152
Bey solcher Wuth ist gar kein Zweifel,
153
Es geh hier nicht natürlich zu.
154
Hier toben eingefleischte Teufel.
155
Kein wilder Barbar und Corsar
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Stellt uns dergleichen Beyspiel dar.
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Kein Unthier hat so toll gewütet.
158
Entmenschte Foltergeister, sprecht:
159
Hat euer rasendes Geschlecht
160
Ein Drach und Unthier ausgebrütet?

161
Ihr raubet, plündert, sengt, und brennt,
162
Und macht die fetten Ländereyen,
163
So bald ihr sie betreten könnt,
164
Zu lauter öden Wüsteneyen.
165
Der Henkerstahl, den ihr ergreift,
166
Mit welchem ihr so grimmig streift,
167
Zerfleischt, und würget, was er findet:
168
So, daß auch oft die zärtste Frucht
169
Die Mordbegier und Würgesucht
170
In ihrer Mutter Schooß empfindet.

171
Ihr Völker, die ihr bis anher
172
Die Sclavenfessel habt geführet,
173
Weil Mavors Schwerdt, Bellonens Speer
174
Nach euren Häuptern hat gezielet;
175
Kommt, schildert uns, kann es geschehn,
176
Das, was wir nur entfernt gesehn,
177
Ihr aber habt erdulden müssen;
178
Kommt, mahlt es uns natürlich vor:
179
Es wird sich unser Musenchor
180
Dafür zum Dank verpflichtet wissen.

181
Doch nein; der Sachen beßrer Lauf
182
Vertilgt des Traurens Angedenken:
183
Drum reißt uns nicht die Wunden auf;
184
Laßt uns auf euch das Auge lenken.
185
Es lehrt euch ja der Ruhestand
186
Mit froher Brust, und voller Hand,
187
Frolockend in die Häuser ziehen;
188
Denn der so sonst bey Schmerz und Quaal
189
Den Vorrath fraß, die Ruhe stahl,
190
Soll nun aus euren Grenzen fliehen.

191
Gnug, daß in euren Mauren nicht
192
Mehr feindliche Standarten wehen.
193
Ihr seht der Sterne heitres Licht
194
Statt blutiger Cometen stehen.
195
Kein donnerndes Geschütz schreckt euch,
196
Kein Mordgewehr vollführt den Streich;
197
Furcht, Angst und Schrecken ist verschwunden.
198
Es weicht, was eure Ruhe stöhrt,
199
Weil man von nichts als Frieden hört.
200
Der sich von neuem eingefunden.

201
Zufriednes Land, erwege doch,
202
Du wirst in Sicherheit gesetzet;
203
Hier lieget das zerbrochne Joch,
204
Das Schwerdt das man so scharf gewetzet.
205
Die güldne Zeit neigt sich herab;
206
Man reichet dir den Friedensstab;
207
Der Mangel eilt aus deinen Fluren;
208
Man macht der Fülle wieder Platz;
209
Der Unterthan sucht seinen Schatz
210
Aus seiner Gruben sichern Spuren.

211
Gesetz und Ordnung schwieg zuvor
212
Bey Feuerspeyenden Carcassen;
213
Nun reicht Asträa dir das Ohr,
214
Den Rechtsspruch wieder abzufassen.
215
Schau, was für Ruh und Sicherheit
216
Verspricht man dir auf lange Zeit,
217
Nach überstandnem Ungewitter.
218
Die Schaar der Musen giebt sich Müh,
219
Kein Wiedersacher stöhret sie,
220
Noch die bisher verstummte Cyther.

221
Der Kaufmann schreibt, und ist vergnügt,
222
Da nach verschwundnem Kriegsgetümmel
223
Sein Wechsel nicht, wie vormals, liegt;
224
Er hofft und dankt nunmehr dem Himmel.
225
Der Künstler nimmt die Werkstatt ein,
226
Wie froh muß nicht sein Herze seyn
227
Bey jedem Handel und Beginnen:
228
Weil nun kein Feind die Kunst verweist,
229
Und ihm das aus den Händen reißt,
230
Wodurch er muß sein Brodt gewinnen.

231
Der Bürger, den man mit Verdruß
232
Sah täglich an den Wällen kleben,
233
Umarmt den Weinstock, der ihm muß
234
Von neuem Lust und Schatten geben.
235
Der Landmann holet Eg und Pflug,
236
Die er bestürzt bey Seite trug,
237
Er pflügt sein Feld mit Lust und Lachen;
238
Er streut die Körner willig hin,
239
Weil ihm den Vortheil und Gewinn
240
Kein Räuber mehr wird streitig machen.

241
Wie allgemein ist nicht die Lust,
242
Da der Tyrann entflieht und eilet!
243
Die Freude herrscht in aller Brust,
244
Und hat sich überall vertheilet.
245
Ein schwacher und verfallner Greis
246
Der von der Welt fast nichts mehr weis,
247
Wird durch die Freude ganz verjünget,
248
Da wieder frischer Lebenssaft,
249
Und der verlohrnen Geister Kraft
250
In die erstorbnen Glieder dringet.

251
Die Jugend jauchzt, sie läuft und spielt,
252
Sie hüpft und springt auf Berg und Hügel,
253
Und läßt, da sie die Freude fühlt,
254
Der unschuldvollen Lust den Zügel.
255
Der Säugling auf der Mutter Schooß
256
Macht sich aus ihren Armen los,
257
Und will auch von der Freyheit wissen,
258
Es scheint, er merkt es selbst nunmehr,
259
Das Haus sey itzt von Feinden leer
260
Drum will er auch der Lust geniessen.

261
Der Hirte, der in Ställen saß,
262
Die einem Kerker ähnlich waren,
263
Streckt sich vergnügt auf frisches Gras
264
Bey seinen neugebohrnen Schaaren:
265
Er suchet das verquollne Rohr
266
Aus seinem Stall und Staub hervor;
267
Und läßt es höchst erfreut erschallen:
268
Bald zwingt er mit der Zung ein Blat,
269
Das er vom Strauch gebrochen hat,
270
Um seiner Phillis zu gefallen.

271
O! hört den angenehmen Klang
272
Von jenem Chor der Schäferinnen;
273
Gebt acht auf jeder Tritt und Gang,
274
Da sie der Freyheit Gold gewinnen.
275
Wie liebreich beut hier Paar und Paar
276
Im Kreis die Hand einander dar,
277
Schaut, wie sie tanzen, scherzen, singen;
278
Als wolten sie den Hirtengott
279
Nach überstandnem Gram und Spott
280
Bey solchem Fest ein Opfer bringen.

281
O Lust! nach jenem Mordgeschrey
282
Erthönen eitel Jubellieder
283
Und nach des Feindes Raserey
284
Erfreut, was Odem holt, sich wieder.
285
Aus Schwerdtern, Röhren, Stahl, und Spieß,
286
Das sonst der Krieger Werkzeug hieß
287
Schärft man die Pflugschaar itzt zum Pflügen;
288
Das donnernde Metall zerfließt,
289
Woraus man Ehrensäulen gießt,
290
Dem ganzen Lande zum Vergnügen.

291
Gebenedeytes Sachsen Land!
292
Erwege dein besondres Glücke
293
Was hält des tollen Feindes Hand
294
Von deinen Grenzen noch zurücke?
295
Der Himmel Ja! doch nicht allein;
296
Dein Friedrich August muß es seyn,
297
Der dich durch seine Klugheit schützet;
298
Der Held, der dich so liebt und hegt,
299
Verwehrt, daß dich kein Mordschwerdt schlägt,
300
Weil er den Frieden unterstützet.

301
Die Fittige beschirmen dich,
302
Die dir sein weisser Adler schenket,
303
Sein Churschwerdt wiedersetzet sich
304
Dem, der dich in der Ruhe kränket.
305
So lange dieser Janus wacht,
306
Ist der nur auf dein Wohl bedacht,
307
Kannst du vergnügt und ruhig schlafen;
308
Wenn andern Sturm und Wetter dräut,
309
So liegst Du mit Zufriedenheit
310
In deinem stillen, sichern Hafen.

311
Zwingt, Musen, eurer Flöten Thon,
312
Kommt, dichtet nichts als Helden Lieder,
313
Und legt sie vor des Königs Thron
314
Mit Ehrfurcht, ja mit Demuth nieder:
315
Besingt statt meiner diesen Tag,
316
Den man frohlockend feyren mag;
317
Mich hemmt die Furcht mit strengen Banden.
318
Drum schweigt mein Kiel, der heimlich spricht:
319
Wie herrlich ist Augustus nicht
320
In Ihm von neuem auferstanden!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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