5. Ode

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Christiana Mariana von Ziegler: 5. Ode (1727)

1
Wohin o Clio! führst du mich?
2
Was zeigst du dem entzückten Sinne?
3
Was wird mein Auge, welches sich
4
Durch deinen Strahl geschärfet, inne?
5
Der rege Blick sieht sich nicht satt:
6
Dort liegt die Königliche Stadt,
7
Der Tempel, dessen güldne Stuffen
8
Sich Hymen wehlt, wenn er ein Paar
9
Will zu der Liebe Brandaltar,
10
Um solches zu vermählen, rufen.

11
Schau, Muse, welch ein himmlisch Licht
12
Bricht durch die weit gestreckten Zimmer!
13
Bewundre, sprichst du, doch nur nicht
14
Dergleichen ungewohnten Schimmer.
15
Wenn Hymen voller Herrlichkeit
16
Die Myrthen hohen Seelen weyht,
17
So pflegt er nicht bey dem Verbinden
18
Die Fackeln bey des Amors Gluth,
19
Wie man bey schlechten Seelen thut,
20
Nein, bey den Sternen anzuzünden.

21
Was werd ich abermals gewahr?
22
Nun seh ich, wen der Brautgott führet.
23
Es folgt der Amuretten Schaar,
24
Ich merke woher dieses rühret.
25
Der Glanz, die Pracht, ist ungemein;
26
Es muß Neapels König seyn.
27
Wer ist dem jungen Held zur Seiten?
28
Amalia, Augustens Kind,
29
Das Ihm die zarte Brust entzündt;
30
Das Wunderbild von unsern Zeiten.

31
Gekröntes Paar, sieh wie nunmehr,
32
Da Dich der Myrrthenkranz umgeben,
33
Der Liebesgötter ganzes Heer
34
Sich will um deinen Dienst bestreben.
35
Sie singen Dir das Hochzeitlied,
36
Und sind zu Deiner Lust bemüht,
37
Dein Fest aufs herrlichste zu schmücken.
38
Die Freude regt den frohen Mund,
39
Und macht sie allen Staaten kund:
40
Der Unterthan hörts mit Entzücken.

41
War denn, entflammter Carl, kein Land,
42
Kein Reich in beyden Hemisphären,
43
Das Deinen starken Liebesbrand
44
Konnt stillen und zugleich auch nehren?
45
Nein, sprach Europa, holder Fürst,
46
Wenn Du nach Sachsen kommen wirst,
47
Da kanst Du deine Sehnsucht stillen,
48
Da, da gelinget Dir die Wahl
49
Da wirst Du nach der bangen Quaal
50
Gewiß den heissen Wunsch erfüllen.

51
Gehört, besiegt, und auch vollbracht.
52
Kaum war Dein Feuer angeglommen,
53
Kaum fühltest Du der Liebe Macht,
54
So muß Dein Fuenclara kommen,
55
Der Apfel, den bey jenem Zwist
56
Des Zwietrachts Göttin sich erkiest,
57
Ward hier der Schönsten dargereichet.
58
Die Liebe wies hier selbst die Spur,
59
Amalia erhielt ihn nur,
60
Den Preis der Ihrer Würde gleichet.

61
Der Ruf, der längst den Ruhm von Ihr
62
In Ost, West, Süd und Norden brachte,
63
War es, der, grosser Prinz, auch Dir
64
Von Selbiger den Abriß machte;
65
Der hat auch, eh man es geglaubt,
66
Auf einmal Dir das Herz geraubt.
67
Wie könntest Du wohl mehr gewinnen?
68
So Glück, als Himmel der Dich liebt,
69
Schenkt Dir, indem Sie sich ergiebt,
70
Die drey vereinten Huldgöttinnen.

71
Sie ists, in welcher die Natur
72
Ein Meisterstück hat ausgedrücket;
73
Das nicht der blosse Purpur nur,
74
Nein, Geist und Trefflichkeit auch schmücket;
75
Und wo bey fest verknüpftem Band
76
Man Schönheit, Tugend, und Verstand
77
Sieht wirklich um die Wette streiten:
78
Die sitzt, da Ihr des Schicksals Rath
79
Den Scepter längst bestimmet hat,
80
Nun auf dem Throne Dir zur Seiten.

81
Itzt scheint der güldnen Zeiten Lauf
82
Erfreutes Sachsen, anzugehen;
83
Komm her, und schau mit Wunder drauf,
84
Wie schön der Myrrthen Blüten stehen;
85
Schau wie man sie frolockend bricht,
86
Und um der Heldin Schläfe flicht;
87
Erwege dies besondre Glücke;
88
Und wirf Dein Augenpaar zugleich
89
Auf das verschwundne Schattenreich
90
Der längst verflognen Zeit zurücke.

91
Wenn ist es, frag ich, denn geschehn,
92
Daß man von Sachsens Prinzessinnen
93
Hat eine in dem Schmuck gesehn?
94
Ein Greis weis sichs kaum zu besinnen.
95
Bewunderst Du die lange Zeit,
96
In der Du solche Herrlichkeit
97
Nicht hast, wie wir gehofft, erfahren?
98
Ein Band, dergleichen dieses ist,
99
Erfordert eine lange Frist,
100
Heischt eine Zeit von vielen Jahren.

101
Ihr Völker! die ihr Schutz und Ruh
102
In eures Carols Ländern findet,
103
Froloket, ihr habt Recht dazu,
104
Da eur Monarche sich verbindet.
105
Seht wie den unbesiegten Held
106
Die Liebe so gefesselt hält,
107
Nachdem sie ihn beglückt bestritten.
108
Drum nimmt das Adlerpaar von Euch
109
Durch dieses Eheband zugleich
110
Den weissen Adler in die Mitten.

111
Erstaunt bey Ihrem Pracht nur nicht,
112
Wenn gleich der Glanz so heller Stralen
113
Den regen Blick itzt unterbricht,
114
Ja noch vielleicht zu vielen malen.
115
Erschreckt nicht vor der Majestät,
116
Die in erhöhtem Schmucke geht,
117
Bewundert nur Ihr englisch Wesen,
118
Und fragt verehrend und erfreut:
119
Warum hat so viel Trefflichkeit
120
Sich hier den Wohnplatz auserlesen?

121
Wie wollt ihr doch den Blick zu Ihr
122
Verwirrt und halb erstarrt hinwenden?
123
Zwar kann euch Ihrer Schönheit Zier,
124
Und deren Seltenheit verblenden:
125
Doch schwer ich drauf, so hoch man kann,
126
Ihr seht Sie bald gelassen an;
127
Furcht und Erstaunen wird verschwinden,
128
Wenn ihr bey dem was euch entzückt
129
Auf Ihr berühmtes Stammhaus blickt;
130
Sie ist ein Zweig von Wittekinden.

131
Erwegt wer dieses theure Pfand
132
Hat unter seiner Brust getragen,
133
Das euch des holden Himmels Hand
134
Durch Glück und Wahl hat zugeschlagen,
135
Wer schenkt es euch und unsrer Welt?
136
Josepha hat es dargestellt,
137
Das Wunderbild gesalbter Frauen;
138
An welcher wir, da Sinn und Geist
139
Was Göttliches, was Grosses weist,
140
Mehr Tugenden, als Jahre schauen.

141
Sarmatiens gesammtes Reich
142
Weis Sie nicht sattsam zu verehren:
143
Und unser Sachsen muß zugleich
144
Josephens hohen Ruhm vermehren.
145
Drum wird auch itzt vor Freud und Lust
146
In euer aller Herz und Brust
147
Das Blut bey diesem Bündniß wallen.
148
Seht nun, mit wem sich Carl gepaart;
149
Denn nach der Perlenmutter Art
150
Muß ganz gewiß die Perl auch fallen.

151
Sag Clio! was erhebet sich
152
Für ein Geschrey, für ein Getümmel?
153
Was läuft das Volk so ängstiglich?
154
Man sieht ja kaum vor Staub den Himmel.
155
O weh! man drängt sich zum Pallast;
156
Amalia macht sich gefaßt
157
Die Hand zum letzten Kuß zu reichen:
158
Ihr holdes Auge, Herz und Sinn
159
Lenkt nach Sicilien sich hin,
160
Die Liebe winkt, wir müssen weichen.

161
Verlust, der an die Seele geht!
162
Nun fliehet unsrer Augen Weyde,
163
Schau, wie bestürzt itzt jeder steht
164
Das Reisen stört die ganze Freude.
165
Es muß nunmehr geschieden seyn.
166
Prinzessin, bilde Dir nur ein,
167
Daß so viel Seufzer aufwerts steigen
168
Als nach vertriebner Wolken Heer
169
Sich Sterne, wenn es zählbar wär,
170
An unserm Horizonte zeigen.

171
Laß Dich das weit entfernte Land,
172
Gekrönte Schöne, nicht erschrecken;
173
Die Vorsicht nimmt Dich bey der Hand
174
Die die Gesalbten weis zu decken;
175
Und was? Du hast mit Stein und Klos
176
Mit Berg, und Klippen, Fall, und Stoß,
177
Mit Weg und Felsen nicht zu streiten;
178
Da holde Königin, allhier,
179
Mit Lust viel hundert Menschen Dir
180
Die Bahn zur sanften Farth bereiten.

181
Wohlan! besteige dann beglückt,
182
Nun den Triumphs und Siegeswagen,
183
Den Cyprie Dir überschickt,
184
Sie läßt dich ihre Schwäne tragen.
185
Den Gratien fällt auch mit ein,
186
Sie wollen bey dem Abzug seyn
187
Dich auf der Reise zu bedienen;
188
Sie tanzen um das schnelle Rad
189
Verkürzen Dir so Weg als Pfad
190
Durch Scherzen, Lust, und holde Minen.

191
Beflügle deinen Lauf hierbey,
192
Auf! Fürstin, eile nach den Grenzen,
193
Wo Du gewiß Dein Conterfey
194
Wirst sehn an Sonnenpfeilern glänzen.
195
Dein Carl der Dich von fern erblickt
196
Und den Dein schöner Blick entzückt,
197
Hofft, seufzt, und zehlet Stund und Meilen
198
Ach! ruft er, daß man nicht den Tag
199
Zu meinem Trost verkürzen mag!
200
Wie wolt ich Ihr entgegen eilen!

201
Der junge Held, der Göttersohn
202
Entbrennt von sehnlichem Verlangen.
203
Wie oftmals ist er Dir nicht schon
204
Mit Ungeduld entgegen gangen?
205
Er glaubt, als hätt Er Dich geküßt,
206
So weit Du noch entfernet bist.
207
Weil Ihn der Schatten täuscht und blendet.
208
O säumet nicht ihr Schwane, fliegt!
209
Damit sich Carl an der vergnügt
210
Der Er vor längst sein Herz verpfändet.

211
Der Wagen hebt sich von dem Plan;
212
Der Flug geht schnell und wohl von statten.
213
Denn Juno ruft: Eilt! daß sich kann
214
Der Prinz mit seiner Schönen gatten.
215
Wir sehn Sie bey dem Flug nicht mehr:
216
O Zeus! laß doch der Wolken Heer
217
Das blaue Firmament nicht schwärzen.
218
Ihr Horen macht die Tage klar
219
Und stellt die Nächte funkelnd dar,
220
So heiter als des Hymens Kerzen.

221
Saturn, der doch sonst stürmisch ist,
222
Erzeigt sich itzo weit gelinder,
223
Weil Du auf Deiner Reise bist:
224
Die Götter lieben Götterkinder.
225
Hier herrscht kein wilder Boreas;
226
Kein Sturm macht Schwan und Wagen naß;
227
Der kühle Zephyr selbst muß schweren,
228
Daß er die Heldin sanft und still,
229
Und sicher überbringen will,
230
Der Sachsen Freude zu vermehren.

231
Itzt kommt sie an; nun reget sich
232
Gleich alles was vermag zu gehen.
233
Entflammter Carl, erhebe Dich;
234
Laß Thron und Burg itzt ledig stehen.
235
Frolocke; denn Amalia
236
Die Fürstin ist persönlich da:
237
Die Schöne sollst Du nun erblicken.
238
Schau, wie Sie Dich verehrend grüßt.
239
Und zärtlich in die Arme schließt
240
Und Dich weis innig zu erquicken.

241
Die Sehnsucht flieht, die Liebe siegt,
242
Ihr festes Band verknüpft Euch beyde
243
Dies macht die halbe Welt vergnügt;
244
Und nährt die Hoffnungsvolle Freude?
245
Wer Odem holt, stößt Seufzer aus;
246
Ja was? das Hocherlauchte Haus
247
Der grossen Oesterreichschen Götter
248
Nimmt selbst an Eurem Flor und Heil
249
Bey diesem Fest den grösten Theil,
250
Und segnet Sachsens Rautenblätter.

251
Da nun der hohen Götter Hand
252
Die Deine Flammen selbst geweyhet,
253
Bey Deiner keuschen Liebe Brand
254
Den Weyrauch reiner Wünsche streuet;
255
So schweiget meine Muse hier.
256
Was kann sie wohl, was soll sie Dir
257
Aus Ehrfurcht wünschen, da nichts fehlet?
258
Weil Glück und alles was die Welt
259
Für schön und wünschenswürdig hält,
260
Sich allbereit mit Dir vermählet.

261
Doch ja; Du hast den Ruhm und Preis
262
Prinzessin, durch das Blut erlanget,
263
Mit welchem auf der Erden Kreis
264
Josephens Geist und Anmuth pranget.
265
Und ob du gleich der Abdruck bist,
266
Und Carl in Dir die Mutter küßt,
267
So mangelt doch bey solchem Glücke
268
Nur dieses noch, das uns alsdann
269
Den wahren Abriß liefern kann
270
Die Fruchtbarkeit, das schönste Stücke.

271
Für diese sorgt der Himmel schon,
272
Der Dich, und Deinen Held beschützet,
273
Und Eurer beyder Königsthron
274
Mit Seegenspfeilern unterstützet.
275
Die Liebe bleibet stets bereit,
276
Euch bey der angenehmen Zeit
277
Auf sanften Lilien zu betten.
278
Wie jauchzt nicht Carols grosses Haus!
279
Und Spanien wünscht schon voraus,
280
Daß Sie von Euch auch Enkel hätten.

281
Josepha hofft, die Andacht siegt;
282
Sarmatien und Sachsen flehen;
283
Die Vorsicht winkt; ach wie vergnügt
284
Sieht man Sie aus dem Tempel gehen.
285
Wie wird Augustus, dessen Fest
286
Die höchste Macht heut feyren läßt,
287
Gekrönte Tochter, sich ergetzen
288
Wenn Er, wenn einst Dein Stammhaus blüht,
289
Dein Reich mit jungen Helden sieht,
290
Den Staat mit Gratien besetzen.

291
Sieh Herr, wie Glück und Himmel lacht?
292
So kann zum Heil der halben Erden
293
Forthin durch Deiner Zweige Macht
294
Noch mancher Thron geschmücket werden.
295
Du siehst, Monarche, was geschehn;
296
Was wirst Du nicht in Zukunft sehn,
297
Soll Deine Heldin ferner siegen?
298
O! facht die hohen Flammen an!
299
An solchen Königskindern kann
300
Der Erdkreis sich gar nicht begnügen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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