4. Ode

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Christiana Mariana von Ziegler: 4. Ode (1727)

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Ihr Eltern sagt, wie schlug das Herz
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Bey eurer Kinder letzten Reise!
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Nichts hemmte Thränen, Angst, und Schmerz,
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Sie mengten sich in Trank und Speise.
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Ihr rieft mit grossem Vorbedacht:
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Nehmt euch, ihr Söhne, wohl in acht.
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Der Zuruf kam aus zarten Trieben
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Von der die sie getragen hat;
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Denn die wird niemahls müd und satt,
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Das Kind so als sich selbst zu lieben.

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Der Wagen rauscht, das Posthorn schallt:
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Das waren rechte Schreckensthöne.
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Des Vaters Blut in Adern wallt
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Bey dem Verreisen seiner Söhne.
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Der Kinder Herz stimmt überein;
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Die Blicke müssen Redner seyn:
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Der Abschied wird durch sie genommen:
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Ein jeder eilet schnelle fort;
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Die Eltern bleiben an dem Ort,
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Bis sie aus ihren Augen kommen.

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Sie freuen sich schon im voraus
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Auf ihrer Kinder Wohlergehen.
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Und kehren ganz getrost nach Haus
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Wenn sie dieselben auch nicht sehen.
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Sie hoffen dennoch auf ein Blat,
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Das die vergnügte Wirkung hat,
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Des Kummers Macht zu unterdrücken.
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Der Kinder Glück ist ihre Lust,
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Dis labet die beklemmte Brust,
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Und kann den matten Geist erquicken.

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Kaum ist die erste Angst vorbey,
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So sehen sie die Wolken thürmen.
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Da wird die Sorge doppelt neu,
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Wenn die erboosten Winde stürmen.
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Die Furcht betäubet Sinn und Ohr;
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Sie stellen sich im Geiste vor
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Des Meeres Wuth, der Wellen Rasen.
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Unmöglich kann das Schiff bestehn;
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Es muß zu Grund und Trümmern gehn.
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Hört Aeol nicht bald auf zu blasen.

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Der Ruf nimmt Stadt und Mauren ein:
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Das Schiff sey durch den Sturm verschlagen.
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Dies Wort durchdringet Mark und Bein,
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Und dennoch hört man sie nicht klagen.
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Sie waren wie vom Schlag gerührt
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Kein Odem wurde mehr verspührt
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Sie wollten auch zugleich verderben.
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Jedoch in einem Augenblick
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Kam der entflohne Geist zurück:
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Ihr Jammer ward ein täglich Sterben.

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Doch endlich trat der Mann ins Spiel
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Dem Wind und Meer Gehorsam leisten.
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Der stellte gleich ein ander Ziel
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Daß sie beglückt zurücke reisten.
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Kaum grüßen sie das sichre Land,
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So machen sie so gleich bekannt
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Sie wären der Gefahr entrissen,
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Das Herz bekommt itzt wieder Luft;
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Nachdem sie statt der feuchten Gruft
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Sich nun im sichern Hafen wissen.

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Hier rang nun Hoffnung, Furcht, und Lust,
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In der gebeugten Eltern Herzen.
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Ihr ach! blieb dennoch in der Brust;
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Sie nährten noch die herben Schmerzen.
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Ja, hieß es, unsre Traurigkeit
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Stammt von Erwartung jener Zeit.
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Ihr seyd dem Tod noch nicht entronnen,
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Wer weis, was für ein Sturm entsteht,
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Wenn ihr von dar nach England geht?
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Ihr habt noch nicht das Land gewonnen.

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Beherzt! fleht nur die Vorsicht an;
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Laßt Geist und Muth nicht untersinken.
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Ihr seht ja was sie schon gethan,
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Sie läßt kein Kind von euch ertrinken.
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Eur Seufzen klärt den Himmel auf,
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Und sie vollbringen Farth und Lauf.
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Die Elemente müssen schweigen.
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Weil der den König überführt
79
Der unsre ganze Welt regiert,
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Wird sich sein Arm auch mächtig zeigen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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