1. Ode

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Christiana Mariana von Ziegler: 1. Ode (1727)

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Verhängniß! warum läßt dein Schluß
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Sich nicht noch weiterhin verschieben?
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Ach! daß die Fürstin sterben muß,
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Die wir so treu, so zärtlich lieben!
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Wer Ihren Ruhm nur hört, der betet Sie schon an,
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Und wer Ihr dient, der preist sein Glücke.
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O! daß doch unser Wunsch dich nicht bezwingen kann,
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Dich, unerbittliches Geschicke!

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Umsonst stärkt man hier die Natur,
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Sie soll durch deine Macht erliegen.
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Der König seufzt. O! schenk Ihm nur
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In Carolinen sein Vergnügen.
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Der selbsten Gnad erweist, verlangt sie nun von dir;
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Die Majestet weicht hier der Liebe;
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Er zieht die Zärtlichkeit der strengen Hoheit für,
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Und folget ihrem edlen Triebe.

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Der Kummer quält die matte Brust
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Der höchstbestürzten Fürstenkinder;
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Sie sehn den schrecklichen Verlust;
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Ihr Schmerz dabey ist nicht gelinder:
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Das Herz vergißt den Stand, und denkt nur an sein Glück
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An Ihre mütterlichen Lehren;
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Es ruft Sie von der Bahn der Sterblichkeit zurück,
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Sie hier noch länger zu verehren.

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Wenn dieses nicht genug bewegt,
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So sieh, wie manches Land hier weinet;
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Wie tief die Zeitung niederschlägt,
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Wie traurig jedermann erscheinet;
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Er fraget ängstlich nach: Lebt unsre Fürstin noch?
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Dann fängt er kräftig an zubeten:
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Entreiß Sie der Gefahr, laß mich viel lieber doch
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Für Sie des Todes Thal betreten!

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Was öffnet sich? wen seh ich dort?
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Die Gottesfurcht liegt auf den Knien;
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Der Altar raucht, und jedes Wort
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Sucht Sie der Gruft noch zu entziehen.
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Ihr Heldengeist lehrt uns im Glauben standhaft seyn,
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Sie hilft sein Göttlich Reich erweitern,
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Und sucht der Armen Nacht durch Ihren Gnadenschein
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Mit Schutz und Beystand zu erheitern.

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Die Wissenschaften zittern schon,
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Und sehn ihr seltnes Glück verschwinden.
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Sie rief sie selbst an ihren Thron,
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Und ließ sie sichern Zutritt finden;
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Ihr schneller Geist drang durch bis in den tiefsten Grund,
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Die Wahrheit selbsten einzusehen;
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Ihr prächtig Denkmal macht der späten Nachwelt kund
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Wie eifrig es von ihr geschehen.

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Wer hört nicht, wie die Staatskunst klagt,
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Da Tod und Leben um Sie kämpfen;
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Wie viel Ihr Heldenmuth gewagt,
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Der Frechheit wilde Brut zu dämpfen?
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Wie hoch das kluge Reich den weisen Rath geschätzt,
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Wenn Sie den schweren Scepter führte;
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Wie sich das freye Volk an Ihrer Huld ergetzt,
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Wenn Sie recht Königlich regierte.

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Doch, wie? du bleibst vor diesmahl taub;
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Du wilst den harten Schluß nicht ändern,
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Und wirst durch den verwegnen Raub
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Die lange Quaal von vielen Ländern!
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Ja! Caroline stirbt! Jedoch, Sie stirbt vergnügt,
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Und krönt durch diesen Tod Ihr Leben;
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Ihr Königlicher Geist hat rühmlich obgesiegt,
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Ihm wird die Ewigkeit gegeben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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