Galanter Livio, dein unvergleichlich Wesen

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Christiana Mariana von Ziegler: Galanter Livio, dein unvergleichlich Wesen Titel entspricht 1. Vers(1727)

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Galanter Livio, dein unvergleichlich Wesen
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Läst nach dem Augen-Schein viel angenehmes lesen,
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Die Welt sieht / es ist wahr, das recht mit Wunder an,
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Was die so gütige Natur an dir gethan.
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Wen solte nicht der Glantz von deiner Schönheit blenden?
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Die Nymphen müssen dir sogleich ihr Jawort senden,
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Dein Strahl macht alle Welt bezaubernd und verliebt,
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Dieweil es weit und breit nicht deines gleichens gibt.
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Man solte dich mit recht in Delphis Tempel setzen,
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Denn da verehrt man auch die stumm- und schönen Götzen.
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Jedoch ein geiler Leib schickt sich nicht wohl darein,
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Dieweil ein Götzen-Bild muß fromm und züchtig seyn.
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Dein gantzer Mensch ist in der Lust der Welt ersoffen,
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Die Schönheit hat den Leib, die Seele nicht, betroffen,
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Daher man täglich dich mit Körben tragen sieht,
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Weil das, was Tugend liebt, vor deinen Schimmer flieht.
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Die blosse Schönheit muß nicht gleich die Frauen rühren,
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Weil wir gar offt Gewürm in schönsten Aepfeln spühren.
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Es nimmt dich jede gleich, denckst du, mit Jauchzen an;
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Nein! Chloris, welche dich nicht um sich leiden kan,
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Wird nun und nimmermehr von deinen Blicken brennen,
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Du magst gleich tausendmahl den Tag vorüber rennen.
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Sie heist dich, daß du nicht darffst da vergebens stehn,
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Nach deiner Herberge und alten Schlupfloch gehn
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Wo du als Hahn in Korb gedenckst allein zu steigen,
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Ob sich gleich heimlich mit viel Neben-Buhler zeigen,
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Diß schadt der Liebe nicht, es löscht doch deine Brunst,
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Dein Absehn geht ohndiß auf nichts als geile Gunst.
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Drum kanst du, rath ich dir, dein Bündel weiter tragen,
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Mein zartes Ohr hört nicht auf unverschämtes Klagen.
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Man wirfft die Perle nicht in Schweine-Trog hinein;
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Denn was ich lieben soll muß tugendhafftig seyn.
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Wo sich die Schönheit pflegt nicht mit Verstand zu gatten,
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Da greifft man überhaupt nach Wind und leeren Schatten.
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Du bist dem Käfer gleich, der, wie man täglich sieht
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Von einem Blumen-Beet bald zu dem andern zieht.
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Dergleichen Buhlern weist man insgemein die Thüren,
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Dein schön seyn wird mich nicht so, wie du denckst, verführen;
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Ja sähst du, Livio, so schön, als Paris, aus,
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Und liebtst nicht tugendhafft, so stieß ich dich hinaus.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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