Ists möglich, daß ich noch kan Hand und Feder rühren?

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Christiana Mariana von Ziegler: Ists möglich, daß ich noch kan Hand und Feder rühren? Titel entspricht 1. Vers(1727)

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Ists möglich, daß ich noch kan Hand und Feder rühren?
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Du schreibst, Philander, mir vielleicht nur in dem Traum,
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Wie? solt ich dich so schnell und unverhofft verliehren,
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Ach treibe doch mit mir nicht Schertz, ich glaub es kaum.
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Jedoch was Traum und Schertz? dein ängstliches Bezeigen
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Gibt, liebster Hertzens-Freund, mir leider! zu verstehn,
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Daß sich ein Zorn-Comet am Liebes-Himmel zeigen
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Und meine Sonne will nun mehr zu rüste gehn.
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Kein grauses Beben kan das Erdreich so erschüttern,
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Kein Keil betäubt uns so, so hart er immer klingt,
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Als meine Seele muß vor Furcht und Schrecken zittern,
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Da deine Feder mir ein Lied zum Abschied singt.
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Philander, deine Flucht und dein so jähes Reisen
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Macht mir, ich schwör es dir, nunmehr die Welt verhast;
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Denn da mein Augen-Trost von mir entfernt soll heissen,
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So wird mir alles das, was um mich ist, zur Last.
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Entmenschte Sylvia! du bist gantz ausser Sinnen,
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Das Schrecken raubet dir Vernunfft und die Gestalt,
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Du weist nicht was du thust noch was du solst beginnen,
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Dein Hertze wird dir welck, das Blut in Adern kalt.
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Wie zärtlich hab ich dich, erweg es selbst, geliebet?
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Was aber hab ich denn dafür zu Lohn und Danck?
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So viel, daß mir dein Kiel den Scheide-Brief nun giebet,
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Der mir im Lesen recht durch Marck und Seele drang.
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Welch unbarmhertziges und widriges Geschicke
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Rufft dich, durch jähen Winck, von mir in frembde Lufft?
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Philander, folg ihm nicht, ach! bleibe doch zurücke,
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Du stürtzst mich, gehst du fort, wahrhafftig in die Grufft.
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Was soll bey dem Verlust vor Trost mir übrig bleiben?
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Was vor ein Unterpfand wird mir wohl zugestellt?
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Wer will als Bürge sich, Geliebter, unterschreiben,
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Daß deine Sylvia ihr Recht an dir behält?
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Zwar will dein Abschieds-Brief mir viel Versichrung geben,
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Du schwörst mir heilig zu, dein Auge würde nicht
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An einen frembden Strahl und Antlitz bleiben kleben;
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Allein behertzge wohl, was deine Feder spricht.
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Zeit und Entfernung wischt ein Bild leicht aus den Hertzen,
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Und wär auch selbiges mit Blut gleich eingeprägt.
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Ach! dieser Kummer macht mir hundert tausend Schmertzen,
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Mit dem sich Sylvia nunmehr beständig trägt.
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Das männliche Geschlecht, wie die Erfahrung lehret,
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Ist leider allzusehr dem Wechsel zugethan.
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Wie leichte wird ihr Hertz durch frembden Blick bethöret?
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Wie balde zündet es ein Strahl von neuen an?
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Wie viel Syrenen läst das Liebes-Meer erblicken?
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Ihr süsser Lock-Gesang bezaubert Hertz und Ohr.
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Besitzst du Krafft genug den Trieb zu unterdrücken?
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Philander, stelle dir diß ja nicht leichte vor.
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Doch was vermehr ich mir, durch Argwohn noch mein Leiden?
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Das mich Verlaßne läst gantz trost- und krafftloß stehn,
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Befiehlt das Unglück mir dein Augen-Paar zu meiden,
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So will ich mit Gedult an mein Verhängniß gehn.
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Geliebter, fahre wohl! mehr weiß ich nicht zu schreiben,
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Weil meiner Thränen Lauf die Feder stockend macht.
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Was übrig ist, das muß bey mir verschwiegen bleiben
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Ich überlasse dich den Sternen, gute Nacht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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