Kan dich der grasse Tod, Leander, nicht erschrecken

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Christiana Mariana von Ziegler: Kan dich der grasse Tod, Leander, nicht erschrecken Titel entspricht 1. Vers(1727)

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Kan dich der grasse Tod, Leander, nicht erschrecken,
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Der doch das schrecklichste von allen Dingen heist,
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Darhinter muß gewiß ein groß Geheimniß stecken,
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Daß dir dein Wunsch so früh die Sterbens-Bahne weist.
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Ein schlechter Wurm wind sich sein Leben zu erretten,
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Wenn er von ohngefähr in diß Geschick verfällt;
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Ein Sclave freuet sich bey Wasser, Brod und Ketten,
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Wann selbger nur dabey sein Leben noch erhält,
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Heist ihm sein Schicksal gleich dabey das Elend bauen,
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So wird doch Frohn und Last ihm recht zu lauter Lust,
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Und kan er Sarg und Grufft von sich entfernt nur schauen,
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Nährt doch ein Lebens-Trieb noch die beschwerte Brust.
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Leander, du bist frey, dein eigen, nicht gefangen,
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Und bist, ich wundre mich, doch deines Lebens satt.
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Du klagst, wie vielmahl bin ich schon dem Todt entgangen?
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O sage was dein Mund zu klagen nöthig hat?
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Soll denn ein kalter Stein dein liebstes Wohnhauß heissen,
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Ein finstres Toden Hauß, dein schönstes Paradieß,
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Wilst du dich mit Gewalt und Macht nach etwas reissen,
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Das schon der ersten Welt mehr als zu furchtbar hieß.
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Wir waren anfangs zwar zum Sterben nicht erkohren,
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Doch Evens Apffel-Biß und Adams blinder Wahn,
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Hat uns so Sarg als Grufft zur Strafe zugeschworen,
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Die ieder gerne flieht, so lang er immer kan.
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Wie kanst du, sage mir, so nach dem Tode ringen?
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Da doch ein iedermann um Aufschub bitten will;
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Es wäre viel zu früh ein Grab-Lied dir zu singen,
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Dein Wunsch ist ungerecht, erwarte doch dein Ziel.
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Dein Seufftzen, dein Gebet, dein ängstlich Händeringen,
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Bezeugen, daß dein Hertz Verdruß und Unruh hegt.
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Du kanst das Schicksal doch dadurch nicht eher zwingen,
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Als biß dir selbiges den Gräntz-Stein selber legt.
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Vielleicht hat dir das Glück, und diß in wenig Jahren,
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Ein angenehmes Kind zur Trösterin ersehn,
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Da wirst du Zucker-Lust, Leander, einst erfahren,
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Ich sehe schon voraus im Geist, als wärs geschehn.
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Da wirst du, hoff ich, wohl nicht mehr an Tod gedencken,
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Der, artger Mensch, dir ietzt stets auf der Zunge sitzt;
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Die Liebe wird so dann mit Lebens-Safft dich träncken,
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Den sie statt Todes-Göscht auf deine Lippen spritzt.
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Dein Sarg heist eine Brust, worein man dich versencket,
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Und ein charmantes Kind bringt dich in Sterbens-Noth,
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Daß dir das Feyer-Kleid statt Sterbe-Küttels schencket,
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Es geht mit dir behertzt und willig in den Todt.
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Diß ist ohnstreitg wohl, was dich, wie man kan schliessen,
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Zu diesen artgen Wunsch so früh verleiten mag.
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Dergleichen Art kan uns die Todes-Angst versüßen,
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Es wünscht sich alle Welt dergleichen Sterbens-Tag.
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Inzwischen laß die Furcht und allen Kummer schwinden,
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Verbanne was dich quält, verjage Schmertz und Pein,
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Und hoffe, daß du wirst einst dein Vergnügen finden,
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Das dir ohnfelbar muß schon auffgehoben seyn.
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Erwart es mit Gedult, das Glück läst sich nicht zwingen,
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Es wär betaurenswerth, wann dich der Harm und Schmertz
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Zum Grabe solte schon so früh und zeitig bringen.
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Leander, lebe wohl, ich schliesse Brieff und Schertz.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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