Geliebtes Engels-Kind! dein unempfindlich Wesen

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Christiana Mariana von Ziegler: Geliebtes Engels-Kind! dein unempfindlich Wesen Titel entspricht 1. Vers(1727)

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Geliebtes Engels-Kind! dein unempfindlich Wesen,
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Das mir dein kaltes Hertz und Auge gibt zu lesen,
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Verzehrt mir Marck und Bluth aus Adern und Gebein,
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So daß ich leider! muß ein halber Mensche seyn.
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So oft die Leidenschafft mich heist mit dir besprechen,
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So suchst du das Gespräch mit List zu unterbrechen.
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Dein Hertz ist Felsen gleich und dein verstockter Sinn
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Macht, daß ich meiner nicht, wie vor, mehr mächtig bin.
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Du merckst wohl meinen Schmertz, und doch muß ich mich quälen,
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Die Sehnsucht rühret mir das innerste der Seelen.
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Mein Hertz verwelckt dabey wie dürres Espen-Laub,
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Und dennoch bleibest du bey meinen Bitten taub.
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Ihr Sterne! helfft mir doch ihr Hertze mit erbitten,
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Ihr wist, was ich bißher um selbige gelitten.
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Wiewohl es ist umsonst, ihr seyd so schwach als ich,
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Ihr harter Sinn verlacht euch ebenfals wie mich.
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Ach strenge Flavia, behertzge dein Beginnen,
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Du siehst das herbe Naß der Thränen hefftig rinnen,
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Und doch wilst du dabey ein Scyth und Barbar seyn;
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Verbleibt denn deine Brust noch immer Stahl und Stein?
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Besinne dich, mein Kind, laß Härt und Kälte schwinden,
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Du kanst leicht auf der Welt wohl keinen Menschen finden,
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Der dich so zärtlich liebt, mehr als sein Auge hegt,
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Und sich zu deinen Fuß mit grössrer Ehrfurcht legt.
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Verstelle dich nur nicht, als köntest du nicht lieben,
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In deiner Augen Paar steht warlich was geschrieben,
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Woraus ein iederman mehr als zu deutlich schaut,
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Die Liebe habe dir ihr Wappen anvertraut.
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Hör auf, Annehmlichste, mich fernerweit zu quälen,
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Die Großmuth ist ja sonst das Merckmahl schöner Seelen,
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O laß doch selbige dir auch zur Seiten stehn,
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Damit ich mit Triumph kan in dein Hertze gehn.
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Die Hoffnung scheinet mich noch immer zu begleiten,
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Obgleich mein Hertze will mit Furcht und Zweifel streiten.
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Erbarm, O Schönste! dich, ertheile mir Bericht,
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Ob mir nunmehr dein Mund ein gnädig Urthel spricht.
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Fehl ich, so will ich mich in mein Verhängniß schicken,
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Und nunmehr weiter nicht nach etwas andern blicken,
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Vielleicht kan dir, wie mir, dergleichen auch geschehn,
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Wenn sich dein Augen-Paar was liebes ausersehn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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