Mehr als verhaßter Tag, an dem ich bin gebohren

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Christiana Mariana von Ziegler: Mehr als verhaßter Tag, an dem ich bin gebohren Titel entspricht 1. Vers(1727)

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Mehr als verhaßter Tag, an dem ich bin gebohren,
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O Schmertz, dem in der Welt nichts zu vergleichen ist!
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Mein liebster Seladon geht leider! nun verlohren,
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Den meine Seele sich zur Nahrung auserkiest.
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Ists möglich? kanst du mich mein andres Ich verlassen.
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Ergießt, ihr Augen, euch in eine Thränen-See.
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Fängt Stern und Schicksal mich auf einmahl an zu hassen?
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Ach Schönster! deine Flucht gebiehrt mir eitel Weh.
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Das Blut in Adern wallt, der Puls hört auf zu schlagen,
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Ich bin schon halb entseelt, mein blasses Angesicht
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Kan unsrer Welt vielleicht mehr als ich selber sagen,
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Weil Mund und Feder mehr als halb gebrochen spricht.
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Dein Sterben rühret mir das innerste der Seelen,
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Dein jäher Scheide-Brief durchbohret Hertz und Brust.
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Ich kan mein Leiden wohl erwehnen, nicht erzehlen,
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Dem Himmel ist mein Schmertz und meine Noth bewußt.
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Dein Umgang hiese mir ein Himmel hier auf Erden,
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Dein holdes Augenpaar, das nur geweyhet hieß
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Und dem an Anmuth nichts kan fast vergliechen werden,
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War mir ein Lust-Revir und irdsches Paradieß.
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Dein süß ambrirter Mund erquickte Geist und Hertze,
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Dein Arm hieß meinen Leib die schönste Ruhestatt.
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Befand ich mich bey dir, so wust ich nichts von Schmertze,
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Ich wurde deiner Huld und Liebe niemahls satt.
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Dein und mein Hertze war in eine Form gegossen,
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Dein und mein Wille hieß ein gleich gestimmter Chor.
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Was hab ich nicht bey dir vor Zucker-Lust genossen,
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Ich stelle sie mir noch durch Angedencken vor.
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Jedoch um alles diß bin ich nunmehr gekommen,
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Mein Freuden-Stern verkehrt sich in Cometen Schein,
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Der Schmuck wird meinen Haupt auf einmahl abgenommen,
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Ich soll durch Sturm und Wind nunmehr entblättert seyn.
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Ihr Sternen! sucht ihr denn mein gäntzliches Verderben?
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Ja sucht es immerhin, ich bin darzu bereit.
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Ihr seht ja, wie sich Mund und Wangen schon verfärben,
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Und wie der Harm und Gram mir als ein Mörder dräut.
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Ach laß mich Seladon dich bald von neuen küssen,
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Eh vollends Fäul und Wurm der Lippen-Pracht zerfleischt.
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Ich kan und mag mich nicht von dir entfernet wissen,
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Weil Lieb und Sehnsucht nun von mir dergleichen heischt.
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Nimm Liebster, nimm mich mit, du solst mich völlig haben,
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Ich lege mich vergnügt mit in den Sarg hinein.
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Da wo mein Hertze liegt, muß man mich auch begraben,
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An deiner Seite muß auch Sylvia mit seyn.
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Und wilst du mir den Wunsch und solche Lust verwehren,
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So siehe, Seladon, es sonder Wunder an,
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Wenn du dereinst auch das von mir wirst gleichfals hören,
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Was Artemisia aus Zärtlichkeit gethan.
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Indessen ruhet sanfft, ihr lieblichen Gebeine!
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Ich gehe wiederum nun in mein Marter-Hauß,
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Worinnen ich gewiß euch Tag und Nacht beweine,
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Denn mein Vergnügen ist mit euch nun leider aus.
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Verläst mein matter Fuß gleich eure düstre Kammer,
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So sitz ich doch im Geist beständig an der Grufft;
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Mein Hertze bleibt beklemmt, die Seele voller Jammer,
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Biß mir des Himmels Winck, euch nachzufolgen rufft.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christiana Mariana von Ziegler
(16951760)

* 28.06.1695 in Leipzig, † 01.05.1760 in Frankfurt (Oder)

weiblich, geb. Ziegler

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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