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Laßt uns wenigstens versuchen (um den Undanck zu
beschämen,
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Welcher uns so sträflich macht) einen neuen Weg zu
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Ob vielleicht die grosse Menge aller uns geschenckten Güter,
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Wenn wir sie beysammen sehn, die verblendeten Gemüther
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Aus dem Schlaffe der Gewohnheit etwan zu erwecken
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Haare, Gaum, Gehirn und Wangen, Lippen, Finger,
Augen-Lieder,
Hüfte, Drüsen, Eingeweide, Knorpel, Kehle, Halß und
Schlund
Nägel, Kniee, Rippen, Achseln, Muskeln und viel andre
Glieder:
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Da zumahl am gantzen Cörper keine Stell’, auch noch so
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Die bey uns nicht Schmertzen fähig, nicht empfindlich ist
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Daß von allen diesen Theilen
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Schwehrer Hust, Geschwühre, Friesel, mancherley Be-
schädigung,
Darm-Gicht, Brüche, Taub- und Blindheit, Schwindel,
Schlag-Fluß, Seiten-Stechen,
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Daß nicht minder unser Geist, von
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Schwermuth, Unruh, Angst, Verwirrung, und von
schwartzen Sorgen frey;
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Diese von uns ferne Qvalen, die uns alle drücken können,
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Sind die nicht von solchem Wehrt, daß wir dem ein Danck-
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Der mit Väterlicher Vorsorg’, auf so viele Weis’ und Art,
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Leib und Seele biß daher vor so mancher Qual bewahrt,
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Ja daß von so vielen Plagen nicht nur
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Laßt uns denn nun weiter gehn, und der Güter Meng’
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Die sich um, und bey, und an uns, überall vor Augen legen;
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Wie viel Millionen Guts zeigt die Qvell der Wärm’ und
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Auch des wunderschönen Lichts und der Fruchtbarkeit,
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Auf dem Erd-Kreis überall! Was ist nicht im
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Und vor eine Wunder-Menge, uns allein zum Nutz, zu
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Daß man sich nicht nur zur
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An mit kunst-verbundnen Wundern der Natur, zu aller
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Durch Betrachtung und Erkänntniß, mit dem höchsten
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Laßt uns denn der Dinge Menge, die uns
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Werden wir nur ihre Zahl, blos dem Nahmen nach,
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Mögt’ die Menge die erstaunlich, uns vielleicht zum Danck
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Das uns all’ erfreu’nde
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Vögel, wild- und zahme Thiere, Ochsen, Kühe, Schaaf'
und Pferde,
Laub und Kräuter, Gras und Blumen, Brodt und Käse,
Wein und Bier,
Aepfel, Birne, Rocken, Weitzen, tausend Feld- und
Garten-Früchte,
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Acker, Wiesen, Wald und Feld, tausend Land- und See-
Gerichte,
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Eyer, Milch und Mehl und Butter, Bücher, Feder und
Papier,
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Rede, Schriften, und Erfindung, Arbeit, Ruhe,
süsse Träume,
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Weiche Betten, Tuch und Decken, Speise, Tranck,
Beqvemlichkeit,
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Peltzwerck, Haus-Gerähte, Zimmer, Freyheit, Friede,
Sicherheit,
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Häuser, Gärten, Ställ' und Scheuren, Vorwerck, Obst-
und wilde Bäume,
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Fuhr-Werck, Futter für das Vieh, Knecht' und Mägde,
Hanf und Flachs,
Distillier-Kunst, Tisch und Stühle, Druckereyen, Far-
ben, Wachs,
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Schirm vor Frost, vor Sturm und Nebel, vor dem Re-
gen Dach und Fach,
Brenn-Holtz, Nahrung, Erbschaft, Freunde, Fleis,
Gesundheit, Appetit,
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Wolgerahtne Kinder, Eltern, gut Gemahl, und
Anverwandte,
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Obrigkeiten, Zünfte, Stände, gute Nachtbarschaft,
Bekannte,
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Schiffahrt, Handel, Geld und Baarschaft, Habe,
Kaufmannschaft, Credit,
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Ueberlegung, gute Neigung, Wissenschaften und Vernunft,
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Witz, Begrif, Gedächtniß, Künste, Künstler, Hand-
werck, Artzeney,
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Poesie, Mathesis, Schulen, Recht, Music und
Mahlerey,
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Ein Vergnügen an der Arbeit, fröliche Zusammenkunft,
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Schutz vor Ueberfall, Verdienst, Sprachen und Ge-
schicklichkeit,
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Ueberfluß, ein redlich Hertz, Billigkeit, Zufriedenheit,
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Hofnung, Zuflucht, Trost im Unglück, mit Bedacht
spatzieren gehen,
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Nicht zu heftige Begierden, ein beqvemer Auffenthalt,
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Guter Anstand in den Sitten, eine leidliche Gestalt,
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Wie sie die Natur uns beut, wir geschickt uns zu ergetzen.
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Dämmrung, Früh- und Abend-Röthe, in des Himmels
tieffen Ferne
So viel gläntzende Planeten, so viel Millionen Sterne,
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Und, auf unsrer Welt, für uns,
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Kupfer, Stahl und Zinn und Meßing, Salben, Oel
und Specerey,
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Aus so weit entfernten Ländern,
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Die zu Land, und durch die
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Holde Blumen in dem Frühling, und im Herbst den süs-
sen Most,
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Ansehn und ein gut Gewissen, GOttes-Furcht, ein gut
Exempel,
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Ruhigs Schlafen, muntres Wachen, frölichs Essen,
Ehr' und Ruhm,
Hofnung, Freudigkeit, Erkänntniß, Menschen-Liebe,
Christenthum,
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Fleiß, Gesetze, gute Lehrer, Ordnung, Policey und Tempel.
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Wann nun auch entferntes Uebel ebenfals ein Glück
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Müssen wir auch deren Mangel billig als ein Glück erkennen.
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Laßt uns denn auch davon etwas uns zum Trost annoch
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Und mit Ehrfurcht, daß der Schöpfer uns dafür bewahrt,
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Theurung, Krieg und Tyranney, Haß, Verachtung,
Ungedult,
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Trauer, Zwang, Verlust und Bande, Schifbruch,
Ueberschwemmung, Brand,
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Aufruhr, ungerahtne Kinder, Schimpf, Verläumdung,
Unverstand,
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Zanck und Rachgier, Zagheit, Eifer, Schand' und Un-
versöhnlichkeit,
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Schrecken, Uebermuth und Unfleiß, Tummheit, Un-
zufriedenheit,
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Diebe, Räuber, und Verführer, Unbeqvehmlichkeit
und Pein,
Streit, Verbannung, Ueberdruß, Spott wenn wir in
Nöthen seyn,
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Neid, Belagerung', Verfolgung, Mord, Verrath,
Betrug und Feinde,
Kummer, Vergewaltigung, Jrrthum, Thorheit,
falsche Freunde.
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Dieses sey vor dieses mahl nun genug. Wo in der
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Etwas überzeigendes, daß wir GOtt zum Danck verbunden;
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Wird es in der grossen Menge seiner Gaben ja gefunden,
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Die er uns nicht nur geschencket, die er uns so lang’ erhält.
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Mögten wir ein solch Register dann und wann nur über-
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Sollte man fast hoffen müssen, von der Unempfindlichkeit,
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Von dem schwartzen Undancks-Laster, ungerechtem
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Von der selbst-gemachten Schwermuth, Klag’ und Mur-
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Sonderlich wenn wir erwegen, wie doch so gering’ und
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Unser aller Würdigkeiten, menschliche Verdienste seyn.