Mannigfaltigkeit der Geschöpfe

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Barthold Heinrich Brockes: Mannigfaltigkeit der Geschöpfe (1736)

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Indem ich jüngst, gestreckt im Blumen reichen Grase,
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Bey kühler Abend-Zeit was ich einst schriebe, lase:
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”betrachtet dort, betrachtet hier,
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”in aller Creaturen Zier,
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”des Schöpfers Weisheit Macht und Güte;
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Ward neben mir, als ich bald hin, bald her,
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Die sanften Blicke wandt’, von mir von ungefehr
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Ein kleiner Frosch erblickt,
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Der gleichsam zahm, mich gar nicht scheute,
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Und, wenn ich ihn mit sanften Fingern rieb,
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Beständig stille sitzen blieb,
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Worüber ich mich denn verwundert’ und erfreute.
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Er gab mir Stunden-lang Gelegenheit,
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Auf seine Farb’ und seinen Stand zu achten,
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Und die besondre Seltsamkeit,
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Mit welcher er gebildet, zu betrachten.
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Hierüber schwächte sich des späten Tages Schein,
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Es brach die Dämmerung herein;
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Als eine andre Creatur,
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Noch sonderlicher von Figur,
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Mein’ Augen auf sich zog:
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Ein Fledermäuschen schwärmt’ und flog,
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Mit unbefiedertem Gefieder,
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In tausend Kreisen hin und wieder,
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Auf eine zitternde geschwinde Weise,
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In grossem bald, und bald in kleinem Kreise,
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Um meinen Sitz herum. Indem mir nun bekannt,
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Wie dieses Thierchens Form so sonderlich bewandt,

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Bewundert’ ich das grosse Wunder-Wesen,
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Das Stoff und Geistigkeit so wunderbar erlesen,
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Und sie in diesem Thier so wunderbar verband;
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Daß, wenn wir sie mit ernstem Fleiß besehn,
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Wir, mit gegründeten und wol-verbundnen Schlüssen,
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Unwiedersprechlich dieß gestehn
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Und folgern müssen:
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Die Schöpf- und Bildung sey nicht ungefehr geschehn,
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Da sie so wunderbar, nach Regeln, Maaß, Gewicht,
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Wie alles ander’, ein und zugericht.
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Indem ich also sitz’ und dencke,
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Und meinen Geist auf diesen Vorwurf lencke,
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Wie unbegreiflich vielerley
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Der Creaturen Bildung sey?
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Durchdringt mein Aug’ ein schnell und helles Licht.
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Der aufgegangne Mond fiel mit geschwindem Blitzen,
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Durchs schattigte Gebüsch und seiner Blätter Ritzen
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Mir unvermuthet ins Gesicht.
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Ich stand denn auf, besahe seinen Glantz,
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Indem er eben gantz,
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Mit ungemeiner Lust. Hierüber fiel mir ein:
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Wie muß es dorten doch beschaffen seyn!
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Was muß des Monden Welt für mancherley Gestalten,
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In seinem grossen Kreis’ enthalten,
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Die abermahl von allem, was hienieden,
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Vermuthlich unterschieden!
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Wer fasset die Verschiedenheit
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Der gantz von hiesigen Figuren
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An Form und Farb’ entfernten Creaturen!
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Ist uns nun gleich der Creaturen Stand
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In andern Welten nicht bekannt;

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So stellet meine Seele mir
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Dennoch, zu unsers Schöpfers Ehre,
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Die Unerschöpflichkeit der Aenderungen für,
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Und hoff’ ich, daß, durch diese Lehre,
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Bey andern, wie bey mir, sein Ruhm sich stets verehre.

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Nun deucht mich, lieber Mensch, daß ich dich sprechen
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„ich weiß nicht wie ich GOtt auf solche Weise ehre,
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„man hat mich’s nicht gelehrt; wie muß ich’s machen?
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Wir müssen unsern Geist bey den erblickten Sachen
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In einen solchen Stand bemühet seyn zu setzen,
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Daß wir den Schöpfer hoch, in dem Geschöpfe, schätzen;
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Wir müssen deßfals erstlich finden,
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Wie sehr es nöthig sey, das Dencken
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Mit unsern Sinnen zu verbinden.
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Wir mögen unsern Sinn, worauf wir wollen, lencken;
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Es mögen Feld und Wald, Sand, Blumen, Holtz und
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Gebäude, Thiere, Graß, Metall, ein schnell Geflügel,
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Ein Regen-Wurm, ein Fisch, das Meer, ein Thal, ein
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Ein Bach, das Firmament, ein Mensch, gesehen seyn;
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So stimmet alles doch hierin stets überein:
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Es ist ein Göttlich Werck, es ist von ihm entstanden,
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Ein jedes lehret uns, es sey ein GOtt vorhanden!
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Gott zeiget seine Macht durch alles, was man sieht,
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Wem aber zeigt er sich, wenn wir nicht das Gemüth
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Mit unsrer Sinnen Kraft verbinden,
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Und, daß der Schöpfer wehrt, daß man ihn ehre, finden.

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”mir kommt, seh ich der Creaturen Zier
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”bedachtsam an, nicht anders für,
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”als sprech' ein jeder Ding zu mir:
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”es ist ein GOtt, ich zeig ihn dir!

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Laßt uns denn, wo wir gehn und stehen,
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Doch alles, was wir sehn, bemüht seyn anzusehen
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Als etwas, so von GOtt hervorgebracht,
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Als etwas, welches GOtt erhält, das seine Macht
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Und seine Lieb’ und seine Weisheit weiset,
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Ja seine Gegenwart; das folglich alles wehrt,
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Daß man darum, darin darbey, den Schöpfer preiset.
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Nun wird er, wie er will geehret seyn, geehret,
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Wenn man, dadurch gerührt, den Geist zum Geber lencket,
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In froher Achtsamkeit an ihn gedencket,
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Und ein’ in uns dadurch erregte Lust ihm schencket.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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