Inseln

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Barthold Heinrich Brockes: Inseln (1736)

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Wenn wir der Berge schroffe Höhen,
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Mit einem aufmercksamen Blick,
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Bedachtsam an- und übersehen,
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Und dencken etwann einst zurück
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Auf Inseln, die im Meere stehen;
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So scheinen diese jenen gleich,
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Nur mit dem Unterscheid allein,
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Daß
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Und
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Bey den Gedancken fällt mir ein:
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Ob etwann eine tieffe Fluth
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Um unsere Gebirg’ einst auch geruht,
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Und daß, ob wir es gleich nicht lesen,
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Sie Wasser-Inseln einst gewesen?
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Wie uns, wenn wir auf Berge steigen,
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Und sich dort Meer-Gewächs’, in tausend Arten, zeigen,
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Der Augen-Schein davon fast überführt,
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Auf eine Art, die uns mit Furcht und Anmuth rührt.
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Sprich! würden nicht, wenn etwann jetzt das Meer
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Vom Wasser ausgeleeret wär,
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Die Inseln all’ als grosser Berge Höh’n
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Ohn allen Zweifel anzusehn,
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Und zu betrachten seyn? Wie wär’ es, wenn vielleicht
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Die Fluth dereinst noch mehr vertheilt wär’ und versiegen,
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Die Meer-Berg’ ebenfals, entblösset aufwerts stiegen,
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Und so, wie unsre Berg’ und Flächen unsrer Erden,
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Auch Inseln in der Luft einst könnten werden?

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Mit den Gedancken schlief ich ein,
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Als ein verwirrter Traum mit meinen Sinnen spielte;
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Da ich mich biß zum Mond in Eil getragen fühlte.
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Ich fand in dieser Welt, die unsre stets begleitet,
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Daß selbe gröss’ren theils aus Wasser zubereitet.
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Ein kleiner Philosoph, der viertzig mahl so klein,
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Als wie wir hier auf Erden seyn,
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Erzehlte mir zu Anfang vielerley,
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Und unter andern auch: daß ihre Welt
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Aus unsrer Welt entstanden sey.
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Die Erde wär’ zuerst mit Wasser gantz bedeckt,
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So daß sichs höher noch als alle Berg’ erstreckt;
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Durch ihres Schöpfers blosses Wollen,
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Daß unsre Welt bewohnet werden sollen,
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Hätt er, der aller Fluten Last
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In einen Schlauch zusammen faßt,
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Die Wasser guten theils von ihr genommen,
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Und sie (woraus der Mond entsprungen und gekommen)
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So wol zu ihrem Nutz, als auch zum Dienst der Welt,
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In Wirbel unsrer Erd’ in solchen Stand gestellt,
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Daß wir uns beid’ anjetzt, vom Sonnen-Strahl beschienen,
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Durch einen Gegen-Schein einander dienen.
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Auf gleiche Weise wär’ es auch Saturn ergangen;
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Nicht minder Jupiter, die (wie wir einen nur)
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Neun Monden zu Trabanten drauf empfangen.
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Ja, er vermeinte gar, wofern ihn nicht die Spur
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Gewisser Zeichen sollte triegen;
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Wir könnten noch wol einen kriegen:
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Da, aus dem gar zu tieffen Meer,

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Wodurch wir denn nicht nur noch einen neuen Schein
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Des Nachts am Himmel würden sehen,
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Es würden so viel mehr Gebirg’ entdecket stehen,
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Die jetzt, in Inseln, noch im Meer verdecket seyn,
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Die alle von den Bürgern unsrer Erden
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So denn bewohnet könnten werden.
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Mein Leser glaubet leicht, wie ich darauf erwacht,
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Daß ich um diesen Traum recht inniglich gelacht,
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Doch hab ich ihm auch wol zuweilen nachgedacht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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