Betrachtung der unseligen Ewigkeit

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Simon Dach: Betrachtung der unseligen Ewigkeit (1632)

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O Eitle Welt, O kurtze Zeit,
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Dort für der langen Ewigkeit,
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Die ich mit nichts weis zu vergleichen,
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Vnd keine Weißheit kan erreichen.

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Ein Tröpffchen bey der großen See,
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Ein Flöckchen itzt bey allem Schnee,
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Ein Sandkorn bey der Erden
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Möcht' etwas angesehen werden.

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Allein auch so viel tausend Jah,
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Als aller Welt Vieh träget Haarr
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Der Frühling Graß, sind nicht zu, nennen,
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Das Ziel der Ewigkeit zu kennen.

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Was sind die kurtzen Jahre dann,
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Die hie erreichen mag ein Mann,
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Vnd wüst' er gleich mit langem Leben
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Methusalem nichts nachzugeben?

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Nun senckt man so viel tausend ein,
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Die lang nicht achtzig-jährig seyn,
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Stirbt wer von zehnmal sieben Jahren,
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Der ist sehr alt dahin gefahren.

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Das leugnet keiner, und gleichwol
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Sind wir so blind und Thorheit voll,
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Daß wir die Ewigkeit für allen
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Vns lassen also leicht entfallen.

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Wir bawen tieff in diese Welt
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Vnd stehn nach Hoheit, Macht und Geld,
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Zucht, Recht und Liebe muß erkalten
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Vnd aller Frevel Platz behalten.

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Diß wäre lang nicht so gemein,
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Fiel uns die Ewigkeit recht ein,
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Sie würd' uns bald das Fleisch betäuben
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Vnd ihm den Kitzel wol vertreiben.

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Sie züchtigt unsern geilen Sinn,
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Sie ist der Sitten Meisterinn,
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Sie ist der Brechzaum aller Lüste
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Vnd macht den Weg zur Höllen wüste.

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Kein Wüterich, der sie zuletzt
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Ihm recht hat in das Hertz gesetzt,
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War jemals von so harten Sinnen,
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Die Ewigkeit kunt' ihn gewinnen.

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Sie hat für königlichen Pracht
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Ihn in ein hären Kleid gebracht,
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Durst, Hitz' und Kält' und andre Plagen
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Der Dürfftigkeit gelehrt ertragen.

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Denn welches wilden Menschen Hertz
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Ist so aus hartem Stahl und Ertz,
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Der, wann er an die Glut gedencket,
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Die ewig brennt, den Sinn nicht lencket?

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Der Höllen-Hencker dreut uns dort
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In Ewigkeit nur Quaal und Mord,
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Er speyt aus seinem Bauch zusammen
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Rauch, Nebel, Schwefel, Pech und Flammen.

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Die Folterbanck und ihre Pein
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Sind dort zu schlecht und zu gemein,
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Dort ist viel ander Ungeheuer,
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Viel andre Noht, viel ander Feuer.

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Die Finsterniß, die vor der Zeit
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Egypten schuff so grosses Leid,
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Die Nachtgespenster und was Schrecken,
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Furcht, Gram und Grauen kan erwecken.

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Das Wetter das ohne ablaß schlägt,
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Das Gifft das Todes-Angst erregt,
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Antiochs Pein, Herodis Läuse,
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Die Ratten Popiels, Hattons Mäuse,

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Was Marter je erdacht Busir,
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Der Römer Creutz, Perillen Stier,
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Was Hunde Jesabel zerrissen,
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Was Schlangen Israel gebissen.

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Das höchste Leid, das alle Welt
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Für groß und unerträglich hält,
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Wird beydes einzel und mit Hauffen
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Dort über uns zusammenlauffen.

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Vnd wäret dieses Trauer-Spiel
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Ach Ewig und ohn alles Ziel!
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Der Tod der sehnlich wird gebeten,
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Wird ewig, ewig von uns treten.

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Es wird dort eines jeden Pein
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Des andern und die unsre seyn,
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Für welcher Angst und blossen Zeichen
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Man tausendmal wol möcht' erbleichen.

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Die hochbetrübte Melodey,
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Das Zetter-, Noht- und Quaal-Geschrey
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Der Leidenden wird ewig wären,
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Vnd keiner wird daran sich kehren.

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Bedencket dieses in der Zeit,
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Vnd flieht die rohe Sicherheit
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Die ihr allhie der Sünden Leben,
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Das ewig tödtet, seyd ergeben.

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Seht daß ihr in Bereitschaft steht,
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Der eiteln Dinge müssig geht,
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Durch wahre Reu euch Gott bequemet
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Vnd eures FleischesReitzung zähmet.

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Wir wissen umb die Stunde nicht,
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Wenn uns der Tod stellt vor Gericht,
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Drumb sollen wir zu allen Zeiten
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Vns zu der letzten Fahrt bereiten.

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Ist dann geendet unser Lauff,
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Thun sich nur zweene Weg uns auff,
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Der breite führt hinab zur Hellen,
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Der schmale zeigt die Himmels-Stellen.

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Die ihr allhie in Trübsal schwebt,
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Verachtet, kranck und dürfftig lebt,
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Seyd froh und hofft nach diesem Leiden
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Die ewig-selig Himmels-Freuden.

105
Was ist es groß ein zehen Jahr
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Vnd zwantzig leben in Gefahr,
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Vnd tragen Noht und schmach auff Erden,
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Vnd ewig dort erfreuet werden?

109
Hie herrschen eine kurtze Zeit
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In Trotz und Vngerechtigkeit
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Vnd wegen seiner bösen Thaten
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Dort ewig in der Höllen braten?

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O Gott schick deines Creutzes Glut
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Vnd läuter unser Fleisch und Blut,
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Such unsrer Schuld allhie zu lohnen
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Vnd ewig unser dort zu schonen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Simon Dach
(16051659)

* 29.07.1605 in Klaipėda, † 15.04.1659 in Königsberg

männlich, geb. Dach

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter der Barockzeit

(Aus: Wikidata.org)

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