8. Klage

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Simon Dach: 8. Klage (1632)

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Er wäscht, die Mordthat wird durch keine Fluth gereget.
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Der Purpur wird Gott ab-, sein Kleid ihm' angeleget.
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Man fragt nach einem Creutz und Nägeln, dieses Spiel
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Kriegt neuen Auffzug so, und damit auch sein Ziel.
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Das Werck geht fort, das Volck beförtert es von Hertzen,
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Die Priesterschafft hält an, die Seumniß bringt ihr Schmertzen.
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Der Morgen ist lang' hin, es ist zu essen Zeit,
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Weil dies der Hunger, dies der Mittag schon gebeut.
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Ihr Hertz wird durch den Zorn viel stärcker angetrieben,
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Hie kan der Hunger nicht, nicht Mittags-Zeit belieben.
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Sie zimmern in der Eil ein grobes Holtz, das legt
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Man auff ihn, dessen Last der Herr geduldig trägt.
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Es hatten ihm der Scherg, das Blut, die Nacht, das Wachen
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Die schlechte Krafft geraubt, was wil er aber machen?
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Er gehet, bald darauff wird alle Macht besiegt,
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Biß daß er endlich gar für schwerer Last erliegt.
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Ein Landmann, Simon, wil zur Stad des Weges reisen,
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Der von Cyrenen war, wie man es wil beweisen,
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Den hält man an, er thu's gern oder mit Verdruß,
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Vnd legt den Baum ihm auff daß er ihn tragen muß.
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Er schilt umbsonst den Weg, die Last hat ihn gedrungen,
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Denn dieß, worauff er schilt, wird er zu thun gezwungen.
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Nach Westen liegt ein Berg Jerusalem gar nah,
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Der steigt gemach empor und heisset Golgatha,
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Da gehn sie hin, da muß der matte Simon sitzen
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Auff seinen Block, der Herr ist schon hoch auf der Spitzen.
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Da reisset man den Rock ihm ab mit Haut und Haar,
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Er legt sich auff das Holtz wie ihm befohlen war,
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Stracks wird sein Kleid ein Raub den Henckern und Soldaten,
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Das war durchaus gewirckt und hatte keine Nahten.
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Vnd weil es also sich nicht trennen läßt in Stück',
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Als wird es hingesetzt auff Würffelspiel und Glück.
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Bald bohren sie ihm durch die Hände sampt den Füssen
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Mit Nägeln, die durch Macht sonst Balcken halten müssen.
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So offt der Hammer schlägt und treibt sie tieff hinein,
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Fährt ihm der höchste Schmertz biß gar durch Marck und Bein.
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Kömpt MenschenFrefel nun auch so weit, daß sie haben
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Gethürst ihm diese Füss' und Händ' (o weh!) durchgraben,
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Die Hände die so offt der Krancken Noht geheilt,
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Vnd den Verstorbnen schon des Lebens Liecht ertheilt.
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Wer thürst', Herr, ungestrafft sich dessen unterstehen,
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Solt unsre Gunst bey dir nicht über alles gehen?
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Der du am Creutz Ihn, Mensch, siehst hangen und dabey
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Erkennest, daß er Gott in deinem Fleische sey,
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Komm her, schaw an sein Haupt, wie grausam es gekrönet,
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Wie blaw von gestern noch sein Mund sey, wie verhönet.
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Schaw wie sein Haar und Baart so blutig, sein Gesicht
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Vnd Wangen ohn Gestalt, sein' Augen gar ohn Liecht,
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Wie ihm sein Eingeweid wil durch die Rippen fliessen,
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Wie tausend Wunden sonst ihn überall zerrissen.
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Dieß ist der offne Brunn, von welchem vor der Zeit
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Schon Esaias sang halb traurig, halb erfrewt,
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Aus welchem du für dich solst Heyl und Leben holen,
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Er fleusset beydes aus den Händen und den Solen.
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Bist du von deinem Blut und Vnflat aber rein,
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Laß dir die Hände nicht besudelt wieder seyn.
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Lohn seiner Liebe nicht mit undanckbarem Hertzen,
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Setz ihn nicht auff das new' in Fluch und Todes Schmertzen,
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Reiß lieber uns Dir nach, Herr Christ, durch Lieb' und Leid,
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Das Kreutz hat dich empor gehoben allbereit.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Simon Dach
(16051659)

* 29.07.1605 in Klaipėda, † 15.04.1659 in Königsberg

männlich, geb. Dach

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter der Barockzeit

(Aus: Wikidata.org)

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