Wie so gar liederlich sind wir

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Simon Dach: Wie so gar liederlich sind wir Titel entspricht 1. Vers(1632)

1
Wie so gar liederlich sind wir
2
Vmb diesen Mann nun auch gekommen:
3
O Jammer, daß der Vnschuld Zier
4
So häuffig uns wird weg genommen!

5
Wo rührt diß mächtig Vnglück her?
6
Sind wir zu Schlacht-Vieh denn erkohren?
7
In vierzehn Tagen ohngefehr
8
Sind in die dreissig Mann verlohren.

9
Vnd alle junge Leute zwar
10
Schön, starck und frewdig von Geberden,
11
Von welcher jedem Hoffnung war,
12
Es würd aus ihm was stattlichs werden;

13
Der wahren Frommheit Eigenthum,
14
Der Zierraht unsrer hohen Schulen,
15
Vmb welche Lust und Fleisses-Ruhm
16
Vnd alle Tugend schien zu buhlen.

17
Der Eltern Hoffnung, Ruh und Trost,
18
Sind so erbärmlich uns verblichen,
19
Wie Blümchen, die ein strenger Ost
20
Zu hart umb kalte Nacht bestrichen.

21
Wo bleibt nun unsre Wissenschafft?
22
Hie hat sie Anlaß Ruhm zu kriegen.
23
Nein, Kunst, Raht, Hertz und Kräuter Krafft
24
Muß mit der Jugend gleich erliegen.

25
Der Himmel hat nicht Schuld daran,
26
Die Lufft ist rein, und klar das Wetter,
27
Der Mey kröhnt alles umb und an,
28
Der Acker grünt, der Wald kriegt Blätter.

29
Was stirbt von andern Leuten groß?
30
So wenig sind fast nie begraben,
31
Muß unsre Schul allein und bloß
32
Dieß unverhoffte Hertzleid haben?

33
Vnd zwar die andre Schar ist rein,
34
Gott wolle sie auch lang erhalten,
35
Nur der gemeine Tisch allein
36
Muß wie durch eine Pest, erkalten.

37
Was werden die so draussen sind
38
Auff diese böse Zeitung sagen?
39
Wie manche Mutter wird ihr Kind
40
Mit Blut, an Thränen stat, beklagen?

41
Kompt nun aus frembden Landen her,
42
Lasst Euch die Reise nicht verdriessen,
43
Geduldet Euch, flieht kein Beschwer,
44
Daß ihr der Gutthat mögt geniessen.

45
Vnd wenn ihr eingenommen seyd,
46
So habet Gifft und Tod zur Speise,
47
Lasst ewer Hauß in Hertzeleid'
48
Vnd unsre Schul in schlechtem Preise.

49
O Gott, der du unschuldig Blut
50
Auch bey den Thieren nimmst in Straffe,
51
Kühl an den Schuldigen den Muth,
52
Was thun dir diese arme Schaffe?

53
Bring du die Warheit an das Licht,
54
Halt ferner über unserm Stande,
55
Daß ja durch Vrtheil und Gericht
56
Dieß Blut nicht bleib auff diesem Lande.

57
Was bitt' ich? Wozu soll die Noht
58
Wozu mein Zorn und Eiffer dienen?
59
Sie sind und bleiben auch wol todt,
60
Auch Herr Bazelius mit ihnen.

61
O wäre dieser wehrte Mann
62
Zum wenigsten noch überblieben!
63
Ach nein, der Tod sieht keinen an,
64
Er muß den andern gleich verstieben.

65
Weint die ihr von Ihm unterricht
66
In Künsten pflaget zu empfangen,
67
Seht ewers Fleisses Brand und Licht
68
Ist unanzündlich außgegangen.

69
Erkennt an ihm die Lieb' und Trew
70
Durch eine schöne Todten-Gabe,
71
Nehmt Klage, Thränen, Angst und Rew
72
Vnd kompt damit zu seinem Grabe.

73
Ihr könnt doch seinen trewen Sinn
74
Mit keiner andern Müntze Zahlen,
75
Fallt über seinen Leichnam hin,
76
Vnd küsset ihn zu tausent mahlen.

77
Es wiederschalle gar die Lufft
78
Durch ewre Klag' an allen Enden,
79
Werfft dreymal Erd auff seine Grufft
80
Vnd deckt ihn zu mit trewen Händen:

81
Sprecht! Vater, nimm dieß so für gut,
82
Wir wissen dir nicht mehr zu reichen,
83
Kein überfluß an Geld und Gut
84
Ist deinem Fleisse zu vergleichen.

85
Dein Lohn, Herr, überträff uns weit,
86
Auch liessen wir ein Grabmal hawen
87
Daß, gleich wie Pharos vor der Zeit,
88
Fern aus der See wär' anzuschawen.

89
Gott wird das fromme Hertz in dir
90
Gewiß nicht unvergolten lassen,
91
Er wird mit Frewde, Pracht und Zier
92
Dich kröhnen dort ohn Ziel und Massen.

93
Vnd liegstu hie gleich tod und kalt,
94
So lebstu doch in unsern Sinnen
95
Mit deinen Gaben mannigfalt,
96
Biß daß man uns auch trägt von hinnen.

97
Wir werden rühmen alle Gunst
98
So dir geschencket der Ebreer,
99
Auch deine Weißheit in der Kunst
100
Der Griechen, Syrer und Chaldeer.

101
Wie eiffrig man dir zugehört,
102
Wie nie dein Fleiß gekunt ermüden,
103
Da als du öffentlich gelehrt
104
Die Sprache der beschnittnen Jüden.

105
Wie man jetzt deinen Tod beklagt,
106
Dein ehrlich und gerechtes Leben,
107
Was rühmlich dir wird nachgesagt
108
Dies alles wollen wir erheben.

109
Es müsse steter Vorjahrs-Schein
110
Vmb dein geehrtes Grab her gläntzen,
111
Vnd Pallas müsse dein Gebein
112
Behängen stets mit frischen Kräntzen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Simon Dach
(16051659)

* 29.07.1605 in Klaipėda, † 15.04.1659 in Königsberg

männlich, geb. Dach

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter der Barockzeit

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.