[so werd' ich dan der Bahr]

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Simon Dach: [so werd' ich dan der Bahr] (1632)

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So werd' ich dan der Bahr
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Vor ewrer Thür gewahr,
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Des Lahkens auch daneben,
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Mein Freund? hör also ich
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Geschrey vnd Klagen sich
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Bey Euch erheben?

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Trägt man den Sarg hinein,
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Den Ewer Fleisch vnd Bein,
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Was? Ewer Hertz sol füllen?
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Seh ich, o grosses Leid!
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Ein schwartzes Trawer-Kleid
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Euch beyd' vmbhüllen?

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Das Gott geklaget sey,
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Das Zeugnis Ewrer Trew,
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Das Pfand gewünschter Flammen
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Fährt durch den Tod Euch hin,
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Nimmt mit weg Ewren Sinn
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Vnd Trost zusammen.

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Vnd daher gebt jhr kaum
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Dem Wort des Herren raum,
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Wollt keinem Raht beypflichten:
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Kein Spruch, kein hoher Fleiß
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Gelehrter Bücher weis
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Euch auff-zu-richten.

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O, sprecht Ihr, Meine Wonn'
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Vnd Hoffnung ist davon,
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Mein Kind ist mir gestorben,
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Mein einigs Kind, das mir
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Viel tausent Lust vnd Zier
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Offt hat erworben.

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Mein schönstes Hertz, muß ich
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Mit heissen Thränen dich
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Todt vor mir sehen liegen!
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Bist du schon blaß vnd kalt?
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Warst du mein Auffenthalt,
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Vnd mein Begnügen?

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Hast du mich offt ergetzt?
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Hab ich auff dich gesetzt
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Trost, Hoffnung vnd Verlangen?
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Hat deiner Anmuth Schein
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Mit diesen Engelein
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Vns offt gefangen?

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Ihr Thränen fliesset sehr,
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Recht also, vnd noch mehr,
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Ich muß mein Kind beweinen,
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Höhnt jemand meine Qual
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Denselben gleich' ich Staal'
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Vnd harten Steinen.

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Was aber hat, mein Kind,
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Mein Leben, so geschwind
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Dich in den Sarg geleget?
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Wem schreib ich doch die Pein
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Des Todes zu? ist dein
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Nicht wol gepfleget?

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O ich hett' vnbeschwert
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Dir selbst mein Blut gewehrt,
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Dein Leben zu erhalten,
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Nein, deine Zeit war hie,
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Vmbsonst ist Pfleg vnd Müh,
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Du must erkalten.

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O Himmels Vnbestand,
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Jetzt schenckst du mir das Pfand,
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Jetzt nimmst du es von hinnen!
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Ist Rew, die dich auch regt?
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Die schwache Kindheit pflegt
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Dieß zu beginnen.

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Was bin ich Schmertzen voll?
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Was klag' ich mich? wem sol
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Des Muhtes Vnmuth frommen?
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Der Tod hat dessen Spott,
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Ich werd', O Kind, wils Gott,
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Bald zu dir kommen.

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Wahr ist es, Kinder-Tod
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Ist Eltern grosse Noht,
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Vnd fast nicht zu verschmertzen,
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Ich weiß, weil ich auch schon
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Begraben einen Sohn
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Mit schwerem Hertzen.

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Sein' Huld vnd Freundlicheit
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Vnd Spiel war jederzeit
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Mein Seufftzen vnd Verlangen,
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Mein Sinn war jmmer schwer,
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Für grossem Leiden währ'
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Ich schier vergangen.

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Vnd endlich hub ich an:
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Was thust du doch? was kan
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Dein Leid dir Frommen geben?
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Du hast dein süsses Pfand
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Vorauß zu Gott gesandt
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In jenes Leben.

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Du kömpst zu Ihm, nicht Er
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Zu dir in diß Beschwer,
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Da lauter Thränen fliessen,
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Gott hat jhn sehr geliebt,
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Der sich auch zeitig giebt
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Ihm zu geniessen.

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Vnd dem komm Du auch nach,
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Herr Doctor, halt gemach
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In diesem deinem Leyden,
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Diß häufft nur Sünd vnd Schuld,
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Du weist, wie Vngedult
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So hoch zu meiden.

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Ich führe dir das Wort,
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Das du am heilgen Ort,
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Offt predigst, zu Gemüthe,
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Laß Heyden trawrig seyn,
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Erkenn auch in der Pein
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Des Herren Güte.

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Wohn deiner Liebsten bey
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Mit Troste, der Geschrey
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Vnd Angst nicht zu ermässen,
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Wo dient es jrgends zu,
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Das Hertz jhm selbst ohn Rhue
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Vmbsonst aufffressen.

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Das Kind bewohnt den Saal
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Der Sternen, kennt nicht Qual
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Noch dieser Welt Getümmel,
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Vnd sehn sein Engel nicht
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Des Höchsten Angesicht
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Ohn End im Himmel?

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Ihr wisst, Gott nimmt, Gott gibt.
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Auch ich gieng erst betrübt,
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Jetzt sing ich Frewden-Lieder:
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Gott sencket' in das Grab
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Mir einen Sohn, vnd gab
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Mir zweene wieder.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Simon Dach
(16051659)

* 29.07.1605 in Klaipėda, † 15.04.1659 in Königsberg

männlich, geb. Dach

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter der Barockzeit

(Aus: Wikidata.org)

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