Klage Sions Vber den Verzug ihre Breutigams Jesu Christi

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Simon Dach: Klage Sions Vber den Verzug ihre Breutigams Jesu Christi (1632)

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Der Tag beginnet zu vergehen:
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Die Sonne lest des Himmels Saal
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Versetzt mit Sternen ohne Zahl
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Wie einen bunten Teppich stehen:
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Der Schlaff trit Wald vnd Städten zu,
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Gönnt Vieh vnd Menschen ihre Ruh.

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Der Braut-Tantz ist bereit geschlossen,
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Die Fackeln leuchten vor der Braut,
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Ein ieder leufft hinzu vnd schawt,
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Die Sänger spielen vnverdrossen,
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Die Braut steht vmb- vnd angeziehrt
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Vnd wird vom Bräutgam heimgeführt.

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Dieß sehen täglich deine Glieder,
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O Christe, die von Ewigkeit
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Im Glauben Dir sind zugeträwt,
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Vnd weinen hertzlich hin vnd wieder,
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Dieweil Du Sie, O Gnaden-Schein,
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So lange lessest Trost-los seyn.

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Wenn wirst Du deine Braut heim-führen?
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Sie muß wie eine Witwe gehn,
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Von aller Welt verlassen stehn,
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Man giebt ihr Fleisch den wilden Thieren,
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Der Gottloß' helt Sie ohne Ziel
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Zum Affen-werck vnd Faßnacht-Spiel.

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Sie ist wie eine Dorttel-Taube,
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Die in dem Walde sich versteckt,
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Da Einsamkeit vnd Grawen heckt,
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Sie gleichet einer welcken Traube,
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Bey der kein Safft mehr wird erkennt,
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Alß die vom Reben ist getrennt.

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Sie ist ein Schifflein, so das brausen
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Des tollen Meeres nicht erträgt,
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Da eine Flut die andre schlägt,
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Vnd vngezähmbt die Winde sausen;
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Sie ist erblasst vnd nur nicht todt,
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Du aber schläffst in solcher Noht.

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Errette Sie doch von den Wellen,
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Steh' auff vom Schlaaff, O süsser Hort,
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Vnd führ Sie an des Lebens Port,
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Treib deine Schaafe zu den Ställen,
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Eh' etwas, O getrewer Hirt,
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Vom Wilde noch geraubet wird!

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Sie ist ja, die du Dir vermählet,
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Eh' als der vnbewegte Grund
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Der Erden vnd des Himmels stund,
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Ward Sie dein Eigenthumb erwehlet,
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Auff daß Sie solte neben Dir
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Im Himmel wohnen für vnd für.

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Sie ist es ja, vmb welcher willen
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Du Gottes dich geeussert hast,
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Bist arm geworden vnd ein Gast,
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Vnd Dich in Windeln lassen hüllen,
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Des Todes vnd der Hellen Pein
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Hast wollen vnterworffen seyn;

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Vnd kanst es vnbewegt ansehen,
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Was man für Jammer mit jhr treibt,
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Wie jedermann sich an Sie reibt,
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Was Vnglücks-Winde Sie anwehen,
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Was grosses Wasser Sie vmbringt
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Vnd Ihr biß an die Seele dringt!

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Du hast dich Ihrer nicht zu schämen;
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Ihr vnbeflecktes Ehren-Kleid
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Ist Vnschuld vnd Gerechtigkeit,
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Die wir im Glauben von Dir nehmen;
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Du hast Sie selbst so außgeziehrt,
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Daß Sie Dir würde zugeführt.

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Drumb komm, Sie endlich zu vmbfangen!
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Es ist schon vmb die Mitternacht,
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Die Lampe brennt; Sie sitzt vnd wacht
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Vnd wil verschmachten vor Verlangen!
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Sie wird vor Trawren schwach vnd alt;
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Drumb komm, gewünschter Auffenthalt!

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Komm, komm, damit man Dein Verziehen
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Nicht halte nur für einen Spott,
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Vnd spreche: wo ist nu jhr Gott,
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Nach dem sie sich so hefftig mühen?
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Dieß ist das ärgste was Sie kränckt,
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Dieweil man Dein so spöttlich denckt!

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Wer klagt doch so ohn alle massen?
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Liebt eine trewe Mutter sehr,
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Ich liebe Zion noch viel mehr
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Vnd komme bald sie vmb-zu-fassen,
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So spricht der Herr. Er kömpt auch schon
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Vnd führet seine Braut davon.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Simon Dach
(16051659)

* 29.07.1605 in Klaipėda, † 15.04.1659 in Königsberg

männlich, geb. Dach

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter der Barockzeit

(Aus: Wikidata.org)

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