Christi Rede, da er vor die Sünde der gantzen Welt sterben soltte

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Simon Dach: Christi Rede, da er vor die Sünde der gantzen Welt sterben soltte (1632)

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Die Zeit ist hie, das grosse Leiden
2
Ist länger nun nicht zu vermeiden,
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Die Centner-schwere Sünden-Last,
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So je die Sterblichen auff Erden
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Begangen vnd begehen werden,
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Lest mir nun länger keine Rast.

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Was war es groß den Himmel lassen,
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Der hohen Gottheit aller massen
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Sich eussern, vnd erniedrigt gehn?
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Was war es grosses sich nicht schämen,
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Des Menschen Wesen anzunehmen,
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Mit Fleisch vnd Blut bekleidet stehn?

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In sein selbst Eigenthumb zu kommen,
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Vnd doch nicht werden auffgenommen,
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In tieffster Armut jmmerdar
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Vernichtet vnd verachtet leben,
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Sich müssen auff die Flucht begeben,
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Erdulden Kummer vnd Gefahr?

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Jetzt werden erst die grosse Plagen
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Recht über mich zusammen schlagen,
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Gott, deines Eiffers wilde Flut
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Wird seinen Abgrundt auff mich stürtzen,
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Vnd meinen Athem mit verkürtzen,
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Mehr als der Winde wütten thut.

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Ich seh', es kommen schon gezogen,
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Herr, alle deine Wasserwogen,
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Wie stürmt dein Eiffer doch so sehr!
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Die grosse Flut wil mich erseuffen,
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Die vngezämbte Wellen heuffen
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Vnd stärcken sich je mehr vnd mehr.

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Das strenge wütten deiner Nasen
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Wil wieder mich ein Fewr auffblasen,
33
So alle meine LebensKrafft
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Wird gar außdörren vnd außsaugen,
35
Biß meine Glieder nicht mehr taugen,
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Vnd ich werd' in den Staub gerafft.

37
Es schärffen Löwen jhre Klawen,
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Vnd lassen wieder mich sich schawen,
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Viel Ochsen sind auff mich ergrimmt,
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Ich seh' Einhörner auff mich rennen,
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Die Zahl der Feind' ist nicht zu nennen,
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Die wieder mich zusammen stimmt.

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Das vngehewre Reich der Hellen
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Gedenckt am meisten mich zu fellen,
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Der alte Drache nimmt sein Gifft
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Mir einen Mordstich beyzubringen,
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Sein gantzes Heer wil mich verschlingen,
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Durch alles was die Seele trifft.

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Sie wollen mich wie Weitzen sichten,
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Die Pfeile, so sie auff mich richten,
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Sind alle gifftig zugespitzt,
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Gefiedert nur mit List vnd Triegen,
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Sie meinen stracks mir obzuliegen,
54
So sehr sind sie auff mich erhitzt.

55
Sie suchen jhre Krafft zusammen,
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Die eusserste Gefahr der Flammen,
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Das allerärgste Seelenweh',
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Als je gewest, sol mich versencken,
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Man hoffet gantz mich zu ertrencken
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Im tieffen Schlam der Höllen-See.

61
Ich werde wie ein Hirsch geplaget,
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Das von den Hunden wird gejaget,
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Leufft schnell vnd furchtsam durch den Wald,
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Schreyt jämmerlich vnd suchet Hecken
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Sich vor den Winden zu verstecken,
66
Vnd find doch nirgends Auffenthalt.

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Die Hunde wollen nicht ablassen,
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Vnd meinen jetzt nur anzufassen,
69
Das arme Wild ist über das
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Auch von der Schlangen wund gebissen,
71
Vnd sehnet sich nach kühlen Flüssen,
72
Bis daß es fellet müd' vnd laß.

73
Jerusalem, du wirst zu dancke
74
Mir werden meine Marterbancke,
75
Wie sehr hastu mir nachgestellt
76
Vnd deine Zähn' auff mich gewetzet?
77
Ich werde darumb auch erhetzet
78
Vnd jämmerlich in dir gefellt.

79
Hie werd' ich durch den Stich der Schlangen
80
Am Holtze werden auffgehangen,
81
Hie wird das Opfer abgethan,
82
Daß alle Welt von jhren Sünden
83
Sol ledig machen vnd entbinden,
84
Hie stirbt der rechte Pelican.

85
Der Hohepriester wird sein Leben
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Hie selber zum Schuldopffer geben
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Ins Allerheiligst' einzugehn,
88
Hie wird man mich am Creutze tödten,
89
Doch wil ich, Todt, auß deinen Nöthen
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Nach dreyen Tagen aufferstehn.

91
Nun weistu, Gott, wie ich gewandelt,
92
Vnd ob ich wieder dich gehandelt,
93
Ich bin mir keiner Schuld bewust,
94
Man such' in meine Lehr' vnd Worte,
95
Man forsche meines Hertzens Pforte,
96
Wie du, geliebter Vater, thust.

97
Wird etwas nur in den Gedancken,
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Von des Gesetzes Richtschnur wancken,
99
So wil ich ewig sein ein Raub,
100
Es werde meiner gantz vergessen,
101
Der Feind sol meine Seele fressen,
102
Man mache mich zu Sprew vnd Staub.

103
Doch wil ich alles gerne dulden,
104
Ich wil bezahlen frembde Schulden,
105
Man mag mein Leben vnd mein Blut
106
Zu rauben mich zur Schlachtbanck führen,
107
Ich wil auch meinen Mund nicht rühren,
108
Recht wie ein stummes Lämblein thut.

109
Sie mögen fälschlich mich verklagen
110
Vnd eitel Lügen auff mich sagen,
111
Sie gehen wieder mich zu Rath,
112
Sie bringen auff mich falsche Zeugen,
113
Ich aber wil zu allem schweigen,
114
Als der kein Wieder-reden hat.

115
Ich lasse mich mit Dornen krönen,
116
Verspeyen, Geisseln vnd Verhönen,
117
Wil Mördern gleich geschätzet stehn,
118
Ich wil mich auch zur Erden bücken
119
Mein Creutz zu tragen auff dem Rücken,
120
Vnd so zu meiner Wahlstat gehn.

121
Diß thu ich, Vater, deinen Willen
122
In allen stücken zu erfüllen,
123
Es schreibt dein weises Buch von mir,
124
Ich hab' auch in den Todes-Schmertzen,
125
Herr, dein Gesetz in meinem Hertzen,
126
Vnd wil es halten für vnd für.

127
Nur laß hiedurch dein grosses toben
128
Vnd heissen Zorn sein auffgehoben,
129
Nim meine Schafe wieder an,
130
Denn das ich so geplaget werde,
131
Macht einig diese meine Herde
132
Von der ich gantz nicht lassen kan.

133
Was böses je von jhr geschehen,
134
Was sie verseumet vnd versehen,
135
Das bring' ich richtig wieder ein,
136
Vnd was bey ihr nicht wird gefunden,
137
Das schöpffet sie auß meinen Wunden,
138
Die jhr zu gut geschlagen seyn.

139
Ich wil ertragen alle Straffe,
140
Nur schone meiner armen Schaffe,
141
Ich trette zwischen dich vnd sie,
142
Vnd wil sie vor dem grossen blitzen
143
Vnd Donnern deines Wetters schützen,
144
Als ein sehr schwaches zartes Vieh;

145
Ein Volck das gentzlich mich verstehet,
146
Wie tieff es in dem Irrthumb gehet,
147
Ein hauffe der sich selbst nicht kennt,
148
Der zu dem guten ist erstorben,
149
An Leib' vnd Seele gantz verdorben,
150
Der willig zu der Hellen rennt.

151
Ihr aber, die ich vom Verderben
152
Erlöse durch mein Blut vnd Sterben,
153
Ihr Menschen, seht wo meiner Noth
154
Der höchste Jammer was wird schencken,
155
So sol der Kelch mich zweymal trencken
156
Den Gott mir giebt auff meinen Todt.

157
Wo wird gehöret vnd gelesen,
158
Das jemand so geplagt gewesen
159
Vnd so verhönt, als ich muß seyn,
160
Nichts, was da lebt, hat solche Wunden
161
An seiner Seel' als ich empfunden,
162
Nichts wird verglichen meiner Pein.

163
Hiezu hat mich sonst nichts getrieben,
164
Als daß ich euch so sehr muß lieben,
165
Ich seh' in was für Noth jhr seid,
166
Ich seh' euch ewiglich verlohren,
167
Die Ihr zum Leben seid erkohren,
168
Es sey daß jemand euch befreyt.

169
So kompt nun her, in meinen Banden
170
Sol ewre Freyheit sein verhanden,
171
Von meiner scheußlichen Gestalt
172
Solt jhr den besten Zierath nehmen,
173
In meinem höchsten Spott vnd Schämen
174
Steht ewer bester Auffenthalt.

175
Mein grosser Durst sol ewren stillen,
176
Vnd euch mit Lebens-Wasser füllen,
177
Das Rohr, die spitze Dornen-Krohn',
178
In der ich muß verächtlich sterben,
179
Macht euch zu meines Reiches Erben,
180
Mein Raub gedeyet euch zum Lohn.

181
Mein Trawren dienet euch zur Frewden,
182
Vnd meine Blösse sol euch kleiden,
183
Mein Darben ist ewr höchstes Gut,
184
Mein Niedrig-gehn sol Euch erheben,
185
Mein herber Todt ist ewer Leben,
186
Vnd ewre Reinigung mein Blut.

187
Ich schwer' Euch bey dem falschen küssen,
188
Bey meinen durchgebohrten Füssen,
189
Vnd was man kläglichs an mir schawt,
190
Bey meinem kümmerlichen heulen,
191
Vnd blutig vnterlauffnen Beulen,
192
Bey meiner ausgedehnten Haut;

193
Ich schwer' Euch bey dem Todesstreiten,
194
Bey meiner auffgespaltnen Seiten,
195
Vnd dem, wodurch die böse Rott'
196
Jetzt wieder mich sich hat empöret,
197
Bey allem, welches mich vnehret,
198
Bey meinem grossen Hohn vnd Spott;

199
Ich kan Euch hertzlicher nicht lieben,
200
Noch Euch zu gut was mehr verüben,
201
Nur kompt zu mir, damit ich Euch
202
Durch meinen reichen Trost erquicke,
203
Vnd dann gewünschet nach mir zücke
204
In Gottes meines Vatern Reich.

205
Wer aber auff mein freundlich locken
206
Nicht kömpt, vnd wil sein Hertz verstocken,
207
Wer sich an mein Verdienst nicht helt,
208
Den laß' ich in des Sathans Ketten,
209
Dieweil Euch anders zu erretten
210
Es meinem Vater nicht gefellt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Simon Dach
(16051659)

* 29.07.1605 in Klaipėda, † 15.04.1659 in Königsberg

männlich, geb. Dach

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter der Barockzeit

(Aus: Wikidata.org)

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