Liebreiches Schreiben Chur-Printzl. Durchl. Hr. Hr. Carol Aemilius, gleich eben auch an demselben Ihrem Geburts-Tag an die Fr. Mutter Unsere Gnädigste Churfürstin und Fraw

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Simon Dach: Liebreiches Schreiben Chur-Printzl. Durchl. Hr. Hr. Carol Aemilius, gleich eben auch an demselben Ihrem Geburts-Tag an die Fr. Mutter Unsere Gnädigste Churfürstin und Fraw (1632)

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Wofern ich, süsse Mutter, Dir
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Nicht gäntzlich bin entfallen,
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So nimm doch diesen Gruß von mir,
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Und laß dein Hertz Dir wallen,
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Daß ich ihn Dir entbieten muß,
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Nicht selber bin zugegen,
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O daß schon Unmuht und Verdruß
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Bey mir sich hierumb regen!

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Schreibt mein Gestirn mir diesen Zwang,
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Daß ich muß dein entbehren?
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Was Frommen oder Lieb' und Danck
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Mag Dir es doch gewehren?
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Was die Natur zusammenhält
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Sol dieß ein Vortheil scheiden?
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Kein Thier ist, glaub' ich, in der Welt,
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Das seine Zucht kan meiden.

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Wie thut ein wilder Löw' und Beer,
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Entstehn ihm seine Jungen,
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Ein Tieger läuffet hin und her
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Durch Liebe bloß bezwungen,
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Wenn ihr die Kleinen sind entführt,
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Bey Dir wird das Verlangen
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Gar wenig oder nichts gespürt,
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Dein Kind, mich, zu umbfangen.

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Befind' ich mich gleich hie auch wol,
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Hab' alle Gnüg und Pflege,
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Die meines gleichen haben sol,
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Doch mein' ich allewege,
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Ein Kind bey seinen Eltern müss'
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Am besten doch gedeyen,
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Hie schmeckt ihm alles Honig-süß,
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Auch wär es Brod aus Spreyen.

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Mein Vater, hör' ich, liebt den Streit,
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Das mich nicht wenig kräncket,
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Dieweil er immer solcher Zeit
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Nicht groß an mich gedencket,
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Auch fürcht' ich die Gefahr und List,
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Daß die ihn nicht beleide,
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In dem er aber aussen ist,
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Was hast dann Du für Freude?

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Womit stillt dein Verlangen sich?
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Was trucknet deine Zehren?
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Du hättest aber dann nur Mich,
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Du köntest ihnen wehren:
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Es hätte mein Geschwätz und Spiel
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Dich mancher Noht entnommen,
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Anitzt bist Du umb dessen viel
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Durch deine Schuld gekommen.

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Jetzt dringt sich mein Geburts-tag ein,
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Du wirst mich wollen binden,
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Bin ich Dir lieb, als ich sol seyn,
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Such' eine Schnur zu winden
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Von aller Erden Diamant,
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Es stillt nicht mein Verlangen,
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Ohn wenn mich deiner Armen Band
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Nur einmal möcht' umbfangen.

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Gönn' dieses, liebste Mutter, mir.
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Kom' ich zu meinen Jahren,
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So hast Du mich nicht lang bey Dir,
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Ich werde bald entfahren,
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Die Frembde wil in kurtzem mein,
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Da soll ich Tugend fassen,
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Gewitzt und tapffer lernen seyn,
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Und was nicht wol steht hassen.

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Wer kennet sein Verhängniß auch,
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Gott wolle Dich erhalten.
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Was sind wir Menschen? Dampff und Rauch,
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Wir können leicht erkalten,
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Und kriegt' hie dann die Satzung stat,
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Wo fände man den Zehren
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Alsdann, wo allem Kummer Raht,
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Wenn wir getrennet wären.

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Wolan, Ich hoff', es kömpt die Zeit,
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O wäre sie schon morgen!
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Die uns entladet beyderseit
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Der Bürde dieser Sorgen.
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Leb wol, hab' alle Gnüg und Zier,
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Sey fern von Noht und Schmertzen!
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Ich bin indessen stets bey Dir,
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O Mutter, mit dem Hertzen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Simon Dach
(16051659)

* 29.07.1605 in Klaipėda, † 15.04.1659 in Königsberg

männlich, geb. Dach

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter der Barockzeit

(Aus: Wikidata.org)

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