Gott, dessen Webekunst die Lydier beschämet

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Daniel Casper von Lohenstein: Gott, dessen Webekunst die Lydier beschämet Titel entspricht 1. Vers(1659)

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Gott, dessen Webekunst die Lydier beschämet,
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Vor der Minervens Hand nur Spinnenweben macht,
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Hat, als er 's Himmels Tuch mit Sternen übersämet,
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Zwar solche Bildungen in sein Geweb' gebracht,
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Die kein Phönizier hat jemals nachgesticket,
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Die kein Chäldäer kennt, kein Zeuxis malen kann;
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Er hat auch das Gewand der Erde so geschmücket,
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Daß Augen und Vernunft es sehn erstarrend an.
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Allein sein Meisterstück übt unsers Künstlers Güte,
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Wenn er im Mutterleib' uns Menschen webet aus,
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Wenn er im schönen Leib wirkt ein verschmitzt Gemüthe
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Und die so große Welt bringt in dies kleine Haus.
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Der Adern Fäden und die Bänder der Gebeine,
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Des Fleisches zartes Garn, der Umschlag unsrer Haut
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Sind, wie Tapezerei voll Perl' und Edelsteine,
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Vereinbart, daß Gott selbst Lust an dem Werke schaut.
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An diesem Teppiche des schönen Leibes findet
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Der Mensch Nichts, was von ihm noch auszumachen sei;
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Denn was nach der Geburt den Gliedern noch erwindet,
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Das setzt Zeit und Natur, des Schöpfers Dienstmagd, bei.
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Allein dem andern Blatt an diesem Kunstgewebe,
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Der Seele, pflanzet Gott nur das Vermögen ein,
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Daß sie durch eigne Müh' sich Werth und Güte gebe,
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Und heißt des Menschen Geist selbst seiner Schöpfer sein.
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Damit der Mensch auch weiß, was er für Bilder sticken
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Soll in das ihm von Gott so schön gewebte Tuch,
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So läßt er die Vernunft mit ihren Augen blicken
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In 'n Spiegel seines Worts, in der Natur ihr Buch.
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In beiden aber steht Gott selber abgemalet,
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Nach dem sein Ebenbild, der Mensch, sich bilden soll.
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Wer mit dem Schatten nun nur dieses Bildes prahlet,
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In ein vollkommen Werk, gefällt dem Höchsten wohl.
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Der große Gott verschmäht Apellens große Künste,
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Das Thun des Phidias, Gold, Marmor, Elfenbein
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Und das in Purpurblut getauchte Wurmgespinnste,
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Weil er in 's Menschen Geist nur will gepräget sein.
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Den aber prägt der Mensch, wenn er die Tugend übet,
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Durch Andacht sich zu Gott zu schwingen ist bemüht,
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Nach Wissenschaften strebt, die Weisheit herzlich liebet;
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Denn dies macht zwischen Mensch und Vieh den Unterschied.
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Durch dieses kann ein Mensch ein Halbgott hier auf Erden,
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Des Vaterlandes Licht, ein Pfeiler seiner Stadt,
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Ein Schutzbild eines Volks, der Nachwelt Vorbild werden,
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Nach dessen Muster sie sich nachzumalen hat.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Daniel Casper von Lohenstein
(16351683)

* 25.01.1635 in Niemcza, † 28.04.1683 in Breslau

männlich, geb. Casper

deutscher Dichter des Barock und einer der Hauptvertreter der Zweiten Schlesischen Dichterschule

(Aus: Wikidata.org)

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