Weh! weh mir Asien! ach weh!

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Daniel Casper von Lohenstein: Weh! weh mir Asien! ach weh! Titel entspricht 1. Vers(1659)

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Weh! weh mir Asien! ach weh!
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Weh mir! – Ach! wo ich mich vermaledeien,
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Wo ich bei dieser Schwermuthssee,
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Bei so viel Ach selbst mein bethränt Gesicht verspeien,
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Wo ich mich selbst mit Heul'n und Zeterrufen
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Durch strengen Urtheilsspruch verdammen kann,
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So nimm dies lechzend Ach, bestürzter Abgrund, an!
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Bestürzter Abgrund! – O die Glieder triefen
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Voll Angstschweiß! – Ach, des Achs! – der laue Brunn der dürren Adern schwellt
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Den Gischt der Purpurfluth! Mein Blutschaum schreibt mein Elend in den Sand!
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Entthronte Königinn! entzepterte Beherrscherinn der Welt!
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Gestürztes Asien! aus Ichts in Nichts und Staub verstobnes Land!
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Ja wohl, aus Ichts, als mein gekröntes Haupt
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Ein Haupt so viel gekrönter Häupter war,
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Als ich noch mit Siegspalmen war belaubt
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Und aller Welt Gesetze reichte dar,
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Als noch, gesenkt zu diesen Füßen,
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Europens Haupt und Afrika mein Zepter mußte küssen,
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Als mein Gebot, wie Stahl und Gluth, durchdrang
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Und Länder zwang.

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Ach, aber ach! – So hoch als ich beim Tugendgipfel
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In goldgestickten Kleidern stand,
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So tief hat sich das Spiel verwandt.
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So starb mein Ruhm! so schlägt die Zeit die grünen Wipfel
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Von den bejahrten Cedern ab.

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Man schmückt mich je noch wohl mit diesem Purpurrocke,
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Mit Infuln, Kron' und Königsstab
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Hals, Achseln, Händ' und Haupt, wo man mit solcher Schminke
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Mich nicht blos spöttisch schminkt und äffet und geheiht.
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Doch auch gesetzt, daß dies Beschönungskleid
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Mich nicht beschimpft,
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So trag' ich's doch nur zur Vermummung meiner Flecke,
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Zur Brand- und Schandmals-Schmink' und meiner Schalkheitsdecke,
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Wiewohl ich weiß, daß man die Nase rümpft
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Und Mäuler auf mich flennet,
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Ich weiß nicht, wie? mich nennet.
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Mich schmerzt's, und ich beschmerz' es auch mit diesem langen Seufzergalme,
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Wenn ich mich, wie aus einem Traum' und Qualme,
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Auf mich, als ich noch in der Blüthe war, besinne.
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War ich nicht, Asien, die größt' und ältst' und schönste meiner Schwestern?
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Hat Neid und Geifersucht mich vor der Themis Richtsthul können lästern?
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Der Menschen Ahnherr hielt mich erblich inne.
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Hat alles All, das Ost und West und Süd und Nord nicht schließen,
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Mich selbst nicht oft mit seinem Glanz erfüllt
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Und sich selbständig in mich eingehüllt?
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Luft, Himmel, Erde, Meer, Gluth, Felder, Wälder, Klippen wissen
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Mit stummer Zunge nachzusprechen,
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Daß sie gesehn die Sonne stehn,
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Gewölkte Feuersäulen gehn,
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Die Felsen bersten, Klippen brechen,
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Den Regen Brot, die Wellen Mauern werden.

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Weh! weh mir Asien! ach weh!
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Stand Jemand auf dem Schauplatz dieser Erden
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So hoch gepflanzt zur Ehrenhöh'?
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Mein Mund hat Kirch' und Volk den Gottesdienst gelehrt;
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Die Welt hat unsern Arm als Kronenherrn verehrt.

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Das zwölfbekrönte Haupt, des Halses Alabaster
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Pflügt unter Gogs und Magogs Joch;
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Der freie Nacken ist verkoppelt an die Laster,
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Vor denen ich kaum athme noch.
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Der Zepter und die Hand, die sonst nicht mörderisch mißhandelt,
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Hat sich mir in Metall, blutdurstig Erz verwandelt;
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Das dürre Herze schwimmt in Flamm' und Glüth;
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Der Glieder Ketten schwirr'n, die stählernen Gelenk' erzittern,
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Der steinern-schwere Fuß tritt und zerknickt durch sein Erbittern;
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Die treuge Zunge leckt geliefert Blut.

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Fragt, Sterbliche, nach Kind- und Elternmördern,
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Und die durch Dolch und Gift und Strang und Schwert
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Der Freunde Reih' und Brüderschaar begehrt,
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In's Beinhaus für bestimmte Zeit zu fördern!
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Fragt, Fürsten, fraget nach nach denen, die die Klauen
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Um Lust, zu herrschen, durch des Herrschers Brust gehauen!
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Ach, tausend Würmer wohl, die also sich vergangen,
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Aus meinem Schooß' entsprangen!
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Blitzet! ach, blitzet! ach, Wolken und machet von den umfesselnden Lastern mich los!
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Donner! ach, Donner! zerschlag' und zersplittre jedes in einen zetrümmerten Kloß!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Daniel Casper von Lohenstein
(16351683)

* 25.01.1635 in Niemcza, † 28.04.1683 in Breslau

männlich, geb. Casper

deutscher Dichter des Barock und einer der Hauptvertreter der Zweiten Schlesischen Dichterschule

(Aus: Wikidata.org)

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