Auf der edlen Chloris Geburtstag, an Ihren Vater

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Jakob Immanuel Pyra: Auf der edlen Chloris Geburtstag, an Ihren Vater (1729)

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Gebiethe, theurer Mann, gebiete doch auch nun
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Durch deines Armes Winck den aufgebrachten Sayten
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Nur einen Augenblick zu ruhn;
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Bestill ihr freudenvolles Streiten.
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Laß zu, daß jetzt bey deiner Lust
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Auch meine Mus aus treuer Brust
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Allein vor deinen Augen singe:
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Zieh deinen aufgeklärten Blick
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Nebst deinem Fräulein nicht zurück,
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Damit dis Lied nicht mißgelinge.

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Weil deine Fräulein uns dein Bildniß völlig zeigt,
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Flicht meine Clio ihr die Lorbern um die Haare,
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So Phöbus um die Schläffe beugt,
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Daß er der Tugend Lob bewahre.
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Die edle Chloris selbst erscheint
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Mit ihren Freundinnen vereint,
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Der hohe Bau der schönen Glieder
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Ist recht ein Kunststück der Natur;
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Und ihres hohen Geistes Spur
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Erscheint in ihrem Antlitz wieder.

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Sie gleicht der Cyntie, wenn sie nun einem Ast
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Den Köcher anvertraut, der auf den Schultern klinget,
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Und sich das Chor der Nymphen angefaßt,
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Worinn sie selbst sich tantzend schwinget:
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Sie trägt ihr freyes Haupt erhöht,
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Das über alle andre geht,
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Und sich gekrönt mit Strahlen zeiget.
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Latona sieht mit stiller Brust
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Der Tochter Schönheit voller Lust,
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Und freut sich, weil sie immer steiget.

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Doch, ihre Schönheit ist nicht ihre gröste Zier,
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Ihr tugendhafter Geist kan sie weit mehr erheben:
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Und wer sie sieht, bewundert denn an ihr
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Und muß ihr dieses Zeugniß geben:
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Ihr Sinn ist hoch, stets einerley,
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Doch gantz vom blinden Hochmuth frey
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Vollkommen edel sind die Sitten,
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Es thronet selbst die Frömmigkeit
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In unverstelter Heiligkeit
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In ihres reinen Hertzens Mitten.

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Den angebohrnen Witz und herrlichen Verstand
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Pflegt sie mit klugem Fleiß durch lesen zu erbauen:
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Wie oftmals läßt die wohlbemühte Hand
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Ein Buch gleich ihrem Vater schauen,
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Und wer giebt ihrer Nadel Fleiß
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Nicht der Minerva würdgen Preiß;
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Ja wenn sie die geschwinden Finger
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Durch die geschlagnen Claves führt,
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Wird jedes Hörers Hertz gerührt,
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Und auch ihr Ruhm denn nicht geringer.

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Dis, theurer Krosigk, ist der schönen Tochter Bild,
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Und gleicht es ihr nicht recht, so schau selbst auf ihr Wesen,
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So kanst du, gantz mit Lust erfüllt,
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Selbst deine Tugend in ihr lesen.
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Du aber nimm dis gnädig hin,
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Denn mir verbeut ihr stiller Sinn
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Ihr selber dieses Lob zu geben.
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Was ist, das ich noch wünschen kan?
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Nichts als von dir, du theurer Mann,
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Mir Gnade, Ihr ein langes Leben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Jakob Immanuel Pyra
(17151744)

* 25.07.1715 in Cottbus, † 14.07.1744 in Berlin

männlich

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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