Der vierte Gesang

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Jakob Immanuel Pyra: Der vierte Gesang (1729)

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Und mitten aus dem Schoß des blumenreichen Cirkels,
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Und der belaubten Nacht der Cedern hebet sich
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Der prächtighohe Bau des Tempels zu den Sternen.
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Das Grundgebäude streckt vier Aerme dahinaus,
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Woher der Winde Macht sonst unten auf der Erden
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Die regen Lüfte treibt. Das Thor, so offen steht,
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Führt diese Ueberschrift: weicht Eitle! weicht! in Golde.
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Ein Flügel geht dahin, woher der dürre Ost
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Die Wolcken vor sich jagt, und ruht auf starcken Pfeilern.
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Hier steht des Moses Bild, es gläntzt sein Angesicht,
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Die eine Hand umfaßt die Tafeln des Gesetzes,
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Die andre hält den Stab. Drauf folget Josua.
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Er führt das Schwerdt und scheint dem Heer Befehl zu geben.
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Am nähsten Pfeiler ist der Richter Namenszug.
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Des Simsons starcke Faust zerreisset hier den Löwen,
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Der mit den Klauen tobt und in den Marmor kratzt;
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Zur Seiten bückt sich Ruth die Aehren aufzulesen.
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Da hält der Samuel das Oelglas in der Hand.
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Da stehn die Könige, die Israel regierten.
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Der Esra ordnet dort den neuen Tempel an.
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Und Nehemia hält in dieser Hand den Hammer,
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In jener Schild und Spieß. Die Esther ist noch blaß.
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Und Hiob schabet sich die Schweren mit den Scherben.
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Der andre Flügel kehrt dem Süd sein Antlitz zu,
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Der sonst mit heissem Hauch Laub, Gras und Blumen senget.
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Hier zeigt sich David erst. Ihm folgt sein weiser Sohn.
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Dem Jesaias nach, und prophezeiht den Völckern.
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Dem Jeremias drückt das schwere Joch den Hals
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Es schien als ob er jetzt den Topf zerbrechen wolte.
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Man sahe schon daran den aufgeborstnen Bruch.
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Hesekiel stand noch in heiliger Entzückung.
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Zunächst saß Daniel mit ruhigem Gesicht,
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Und Löwen um ihn her, die seine Füsse leckten.
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Drauf wies die Führerin uns des Hoseas Bild,
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Und nach der Reihe hin die übrigen Propheten.
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Das dritte Angesicht von diesem Baue sieht
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Der Sonnen Untergang, wo von den letzten Strahlen
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Das westliche Revier im hohen Purpur glüht.
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Matthäus ward daran von uns zuerst erkennet.
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Ein Engel reichte ihm den Griffel selber dar.
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Nicht weit sitzt Marcus auch, und zeichnet auf den Knien
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Die theure Nachricht auf. Ein Rind hebt sich bey ihm
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Mit schweren Stämmen auf. Johann sieht nach dem Himmel.
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Ein Adler streckt bey ihm die grossen Flügel aus,
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Man glaubt stets, daß er sich wird in die Höhe schwingen.
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Des Baues letzter Theil beherschet jenen Strich,
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Woher der kalte Nord auf den befrornen Flügeln
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Der fast erstarrten Welt den weissen Winter bringt.
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Hier sahen wir zuerst der Heyden Lehrer stehen.
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In seinem Antlitz herscht ein dringend holder Ernst;
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Hingegen Reu und Leid auf Petrus Angesichte,
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Dem man die Thränen noch sah auf den Wangen stehen.
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Johannes zeigt sich nun. Jacobus war gedultig.
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Und Judas stand zuletzt. Ein Weinstock aber schlung
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Um alle Pfeiler sich mit sein schlancken Armen,
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Die eine süsse Last von Trauben nieder zog.
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Drauf leitete Sie uns zu einer hohen Bühne,
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Die, wie sie selber sagt, der Uebung heilig ist.
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Auf beyden Seiten sind die allerbesten Dichter
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Zur Folge aufgestelt. Wir stiegen doch mit Müh
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Durch viele Stuffen hin bis zu des Tempels Schwellen.
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Hier wich uns alsobald die Wolcke vom Gesicht.
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Es war als schauten wir von des Olympus Spitze.
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Wir sahn die gantze Welt wie vor uns ausgestrecket,
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Wir sahen da das Meer, dort grosse Reiche liegen.
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Wir sahn verwundrungsvoll, wie in entfernter Luft
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Tief unter unserm Fuß sich Dunst und Wolcken thürmen.
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Und wie ihr schwartzer Schoß des Donners Glut gebiert.
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Wir schauten von der Höh die allerhöhsten Berge,
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Wie Hügel unter uns. Wir sahn manch grosses Volck
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Dem Ameishaufen gleich, und bis in ihre Hertzen.
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Die Hölle öfnete uns selbst den tiefen Schlund,
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Und zeigt ihr blasses Reich mit den verdamten Schaaren.
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Wir schauten über uns die ungeheure Bahn
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Des ungemeßnen Laufs so vieler tausend Welten.
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Hier sehn die Dichter oft in weiser Ruh hinab.
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Ihr hohes Aug entdeckt die Eitelkeit der Dinge.
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Was ihnen in der näh sehr groß und prächtig schien,
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Zeigt ihren Augen sich hier klein und sehr verächtlich.
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Und also lernen sie mit himmelhohem Geist
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Den Schein des irdischen nur immer mehr verachten.
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Wir gingen überall verwundrungsvoll herum,
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Und liessen weit umher die freyen Blicke fliegen:
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Wie wenn ein junger Hirt dort in Helvetien
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Der Alpen steilste Höh, wo nur die Gemsen klettern,
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Erstaunt zuerst besteigt, der Schauplatz einer Welt
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Sich unversehns entdeckt. Er siehet Berg und Thäler,
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Und schwindelt, wenn sein Blick von dem erhabnen Fels,
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Der schrecklich überhengt, in grause Tiefen sincket.
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So ging es uns auch hier. Nachdem wir alles dis
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Bewundert und besehn: so wandten wir die Lichter
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Auf ihr Geheiß herum; doch unser blöder Blick
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Vermochte kaum den Glantz des Tempels zu ertragen.
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Der königliche Bau erhebt im Cirkel sich.
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Sein rundes hohes Dach gräntzt fast mit den Gestirnen,
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Und drückt mit seiner Last der goldnen Säulen Haupt,
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Um deren gantzen Leib sich Laub und Blumwerck windet.
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Die Kunst hat sie zur Zier, und dennoch, wie es scheint,
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Aus Noth nur angebracht, durch manches Fruchtgehencke
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Und Blumenband verknüpft, die denen ähnlich sind,
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Die man zur Frühlingszeit in den bemahlten Wiesen,
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Der Schäferinnen Hand, und die Gespielinnen,
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Der Blumen Königin, zur Zierde um die Pfosten
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Der Tempel flechten sieht. Den gantzen Bau erhellt
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Der hohen Fenster Reih. Sie sind mit Palmen-Zweigen
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Und Wappen ausgeziert. Ein zierlich Laubwerck zieht
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Mit grossen Rancken sich um seine Oberschwellen.
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Und auf der Zinnen Rand steht erst der junge Lentz.
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Der West spielt, wie es scheint, mit den gelösten Locken,
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Auf welchen Blumen sind. Ihm folgt der Märtz, April,
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Und der beblümte Mäy. Ein Krantz von gelben Aehren
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Umringt des Sommers Haupt, der eine Garbe trägt,
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Und seine rechte Hand hält eine krumme Sichel.
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Ihm dient der Junius, und reicht dem Julius,
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Der dem August die Hand, des Herbstes Stirn beschattet
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Das breite Rebenlaub. Er trägt das reiche Horn.
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An seiner Seiten steht September und October,
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Und des Novembers Bild. Der Winter ist gebückt,
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Die Haare sind bereift, der lange Bart befrohren.
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Und dem gesellte sich erst der December zu.
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Hernach der Januar mit doppelten Gesichte,
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Worauf der Februar die runde Reihe schloß.
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Auf dem Gewölbe stand das schwebende Gerüchte,
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Und spante, wie es schien, zum Flug die Schwingen aus.
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Es hielt die Ewigkeit sich mit ihr bey den Händen,
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Und wies das Schlangenbild, das sich im Cirkel krumt.
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Die Schwellen sind beblümt, die Pfosten blühn in Kräntzen,
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Alhier bewundern wir des Thors getriebne Kunst.
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Der junge David stand mit lockenreichem Scheitel
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Vor Sauls erhabnen Thron. Es scheint, als ob er spielt,
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Und Mund und Finger regt. Die Lippen stehn halb offen.
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Sauls wildes Auge wältzt die Aepfel zwar herum,
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Und Wuth und Rasen droht noch aus den finstern Minen;
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Allein der Harfe Kraft scheint wieder nach und nach
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Ihn zu besänftigen. Die wütenden Geberden
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Verziehn sich allgemach. So sieht man nach dem Sturm
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Das aufgerührte Meer almählig ruhig werden,
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Wenn auf der gleichen Fluth der West mit Säuseln schwebt.
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Die Pforte öfnete nunmehr die goldnen Flügel.
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Auf einmal ließ sich uns der weite Umfang sehn.
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Da stand das Heiligthum. Ich blieb voll Scheu am Thore.
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Ihr aber gingt hinein. Sie wies, mein Lange, dir
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Ihr gantzes Haus, den Thron und ihre liebsten Töchter.
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Hier saß die Ecloge auf einer Rasenbanck.
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Die Stirn bepurperte ein Krantz von jungen Rosen.
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So schön war Rahel nicht. Sie glich der Sulamith,
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Und ihr Gesicht belebt die allerschönste Einfalt
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Mit reitzender Gewalt. Ihr Kleid ist schlecht und grün.
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Die Lincke füllt der Stab, die rechte eine Flöte.
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Zu ihren Füssen liegt ein schneeweis junges Lamm.
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Sie singt natürlich schön, und sitzt in einer Laube,
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Bald tantzen Lieb und Lust und Unschuld um sie her,
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Bald aber sitzen sie und winden Blumen Ringe.
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Zur Seiten an der Wand stand Jacob abgemahlt,
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Wie er die Stäbe schält und seine Heerde träncket.
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Dort der gekrönte Hirt, der um die Bäume singt,
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Und hier die Sulamith, die ihren Freund erwecket.
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Gleich über aber ist die Elegie gantz traurig,
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Und ein betrübter Flor schwärtzt ihren schönen Leib.
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Es klagt so Hertz als Mund. Sie ringt die nassen Hände,
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Und sitzt bey einem Sarg. An ihrer Seiten stehn
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Schmertz, Mitleid, Traurigkeit. Hier sahe man geschildert,
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Wie Jeremias weint, in Staub und Asche sitzt
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Und Solima zerstöhrt auf seinem Grunde rauchet.
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Die Ode aber steht mit hohen Mienen da.
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Ein Lorber deckt ihr Haar. Den Rücken aber Flügel,
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Mit welchen sie sich oft bis zu den Sternen hebt
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Und in der Engel Chor an Gottes Throne singet.
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Sie hasset allen Zwang. Es fliegt ihr prächtigs Kleid
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Nachläßig um sie her; doch ziert sie das am meisten.
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Die hohe Tragödie thront an der andern Wand.
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Es glüht ein Purpurkleid auf ihren starcken Schultern.
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Ihr Haar drückt eine Cron. Und die Gerechtigkeit
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Hat ihr das Schwerdt geschenckt, das ihre Hand bewafnet.
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In ihrem Angesicht herrscht Ernst und Majestät.
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Zwar etwas schreckliches blitzt aus den großen Augen;
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Doch sieht man sie mit Lust. Man zittert, wenn sie spricht,
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Und hört sie dennoch gern. Mitleiden, Angst und Rache
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Und Schrecken folgen ihr. Sie straft an Königen
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Auch die geheimste Schuld, daß sich der Pöbel scheue.
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Die Epope umschließt ein prächtiges Gezelt.
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Ein unerschrockner Blick brennt in den Helden-Augen;
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Ein Helm beschützt das Haupt. Ein schuppig strahlend Gold
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Bepantzert ihre Brust. Ein Schild hengt an der Lincken,
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Auf welchem Schlachten stehn. Sie hält zugleich den Spieß,
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Die Rechte aber führt die krigrische Trompete.
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Auf Waffen ruht ihr Fuß. Die Siegeszeichen sind
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Zur Seiten aufgericht, an welchen Fahnen flattern.
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Man sah den Himmelskrieg und Berge in der Luft
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Statt Pfeil und Spießen drehn. Dort schielt der Even Auge
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Schon lüstern nach dem Baum. Die Schlange windt um ihn
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Den grünlich bunten Balg in goldbesprengten Ringen.
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Die Silberdecke zeigt, gleich Spiegeln, was da war,
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Was ist und werden wird, ist in der Mitten offen,
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Und läst der Dichter Blick bis in den Himmel gehn.
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Kein Nebel, keine Nacht verschlägt den Lauf der Blicke.
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Ihr Thron ist an dem Kreutz, das in der Mitten stehet,
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Wobey auf dem Altar der muntern Dichter-Hand
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Ihr himmlisch Feuer nährt, das aus dem Himmel stammet.
200
Inzwischen hatte sie dem Ruf Befehl ertheilt,
201
Die Dichter allesamt vor ihren Thron zu rufen,
202
Die um den gantzen Berg bald eintzeln, bald gepaart
203
In Wäldern voll Geruch mit ihren Spielen gingen.
204
Ihr länglicht holes Ertz beweget kaum die Luft,
205
So fangen sie sich an im Tempel zu versamlen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Jakob Immanuel Pyra
(17151744)

* 25.07.1715 in Cottbus, † 14.07.1744 in Berlin

männlich

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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