Thirsis und Damons Beschäftigung

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Jakob Immanuel Pyra: Thirsis und Damons Beschäftigung (1729)

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Es hatte die gefrorne Nacht
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Sich mit dem schnellen Heer der Sternen,
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Und mit dem Monde in der Fernen,
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Schon lange auf die Flucht gemacht.
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Indem der Sonnen neuer Strahl
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Der Schäfer muntres Volck erweckte,
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Und Berge, Wiesen, Wald und Thal,
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Den Augen wiederum entdeckte.

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Der Reiff, der Feld und Thal erfüllt,
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Ward durch die Sonn in Thau verkehret;
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Und da sie alles aufgekläret,
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So spiegelt sie ihr goldnes Bild
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Sowohl in dieser Tropfen Naß,
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Die auf dem falben Grase stehen,
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Als in den Spiegeln grosser Seen.
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Ihr Strahl erquickte Feld und Gras.

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Die Hirten öffneten nun schon
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Die Thore knarrend an den Ställen.
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Drauf hörte man den Klang der Schellen,
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Des muntern Viehs vermischten Ton.
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Man sahe mit Vergnügen an,
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Wie froh die jungen Lämmer springen,
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Und wie die Schafe blökend dringen;
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So geht der Bock gantz stoltz voran.

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Inzwischen hatte Thirsis sich
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In jenen tiefen Hain begeben,
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Worinn er, bey dem stillen Leben,
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Sehr oft vor sich allein entwich.
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Hier pflegt er in der Einsamkeit,
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In dürrer Bäume dünnen Schatten,
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Mit seinem Damon sich zu gatten,
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Und dieser war auch itzt nicht weit.

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Sie sungen den, der in der Nacht
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So mächtig sie auf dieser Erden,
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Mit ihrer Hütte und den Heerden,
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Durch seiner Geister Schutz, bewacht.
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Bald rührten sie der Saiten Chor,
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Bald stimmten sie ihr Schäfer-Rohr;
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Jetzt töneten des Maro Lieder
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Auf ihren deutschen Flöten wieder.

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Drauf höreten sie auf den Höhn
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Die Doris ihrem Damon rufen
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Und sahen von des Hügels Stufen
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Sie eilig aus dem Wäldchen gehn.
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Sie kam und schlung die weisse Hand
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Um ihres Liebsten Hals mit küssen,
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Und wollte liebreich strafend wissen,
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Warum er sich von ihr gewandt.

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Dann fragte sie, was wir denn hier
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Entfernet und alleine singen,
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Und wie wir hie die Zeit verbringen,
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Und sprach zu uns: Gehorchet mir,
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Denn heute ist das Namensfest
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Der edlen Dorothee erschienen.
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Wollt ihr die Freundin nicht bedienen?
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Ich weiß, daß keiner dieses läßt.

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Drauf setzten sie sich an die Höh
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Und lehrten beyde Thal und Wälder
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Den Bach, die Auen, und die Felder
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Das Lob der edlen Dorothee,
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Und wünschten ihr viel Glück und Heil.
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Du aber laß von deinen Chören,
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O Doris, auch ein Liedchen hören,
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Du nimmst daran am meisten Theil.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Jakob Immanuel Pyra
(17151744)

* 25.07.1715 in Cottbus, † 14.07.1744 in Berlin

männlich

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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